Onkologie: Resilienz bei Krebs: Was Menschen trotz der Ungewissheit trägt

Kunst & Kultur aber auch Sport und Qigong sind für Frau Dr. Sabine Horst eine wichtige Kraftquelle.
Klinikum Stuttgart/ Tobias GrosserThomas Häußler macht Pasta, wenn das Leben schwierig wird. Nicht irgendeine Pasta: Dreieinhalb Kilo Teig, von Hand geknetet, ausgerollt, geschnitten und gefaltet. Dazu vier verschiedene Soßen, zwölf Menschen am Tisch. Vier Stunden Arbeit für ein Essen, das nach wenigen Minuten gegessen ist. Für Thomas ist das keine Zeitverschwendung. Im Gegenteil. Es ist eine Möglichkeit, etwas zu tun, das er selbst bestimmen kann. Thomas hat einen Hirntumor. Zweimal wurde er am Gehirn operiert, inzwischen wird seine Erkrankung am Klinikum Stuttgart zum zweiten Mal mit einer kombinierten Radiochemotherapie behandelt. Wie viel Zeit ihm bleibt, weiß niemand.
Auch Sabine Horst lebt mit dieser Ungewissheit. Bei ihr wurde 2024 ein follikuläres Lymphom im Stadium vier festgestellt. Heilbar ist die Erkrankung nicht. Was beide Geschichten verbindet, ist deshalb weniger die jeweilige Krebsdiagnose, als die Frage, wie sich ein Leben gestalten lässt, wenn die Zukunft ihre Selbstverständlichkeit verliert.
Genau hier setzt der Begriff der Resilienz an. Die Psychotherapeutin Dr. Johanna Graf, die am Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl den Fachbereich Psychoonkologie leitet, versteht darunter nicht die Fähigkeit, eine Krise einfach wegzustecken. Resilienz ist für sie kein Charakterzug, den manche Menschen besitzen und andere nicht. Sie beschreibt vielmehr einen Prozess: die Fähigkeit, trotz Belastungen psychisch im Gleichgewicht zu bleiben oder nach einer Krise wieder einen eigenen Weg zu finden. Dabei können unterschiedliche Ressourcen helfen – etwa soziale Unterstützung, Selbstwirksamkeit, Akzeptanz, Selbstmitgefühl oder eine zuversichtliche Grundhaltung.
Auch resiliente Menschen haben Angst, sind erschöpft oder zweifeln. Eine schwere Erkrankung macht diese Gefühle nicht überflüssig. „Entscheidend ist vielmehr, welche Möglichkeiten Menschen finden, mit ihnen umzugehen“ sagt Graf. Thomas und Sabine zeigen, wie unterschiedlich das aussehen kann.
Wenn aus einem Tumor plötzlich Krebs wird
Bei Thomas beginnt die Geschichte mit einem Zufall. Im Dezember 2024 ist er auf dem Weg zu einem Geschäftstermin, als er bei Pleidelsheim einen schweren Verkehrsunfall hat. Körperlich kommt er beinahe unversehrt davon. Im CT entdecken die Ärzte jedoch einen Tumor im Gehirn. Sechs Tage später wird er operiert. Zunächst versucht Thomas, die Situation überschaubar zu halten: Tumor entfernen, anschließend weiterleben. Erst nach der Operation verändert ein Gespräch den Blick auf die Erkrankung.
Thomas beginnt, sich intensiv zu informieren. Er liest über Gehirntumore, mögliche Verläufe und Überlebenszeiten. Irgendwann stößt er auf eine Statistik, die ihm eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent nennt, bei der Einschulung seines jüngsten Kindes noch dabei zu sein. Die Zahl verändert nichts an seiner Prognose. Aber sie verändert seinen Umgang mit ihr. Thomas versucht, die Angst nicht zu verdrängen, sondern sich mit den möglichen Konsequenzen auseinanderzusetzen. Was wäre, wenn es tatsächlich so kommt? Was lässt sich vorbereiten? Wer könnte helfen? Je konkreter seine Fragen werden, desto kleiner wird für ihn das Gefühl völliger Hilflosigkeit. „Der Schrecken der Unkalkulierbarkeit wird kleiner“, sagt er. „Und ich habe das Gefühl, der Regisseur zu bleiben.“

Pasta ist Thomas große Leidenschaft. Hierbei ist die Arbeit mit dem Nudelteig nicht nur der Weg zum Genuss, sondern auch eine gute Koordinationsübung.
Klinikum Stuttgart/ Tobias GrosserDas lässt sich unmittelbar mit einem zentralen Gedanken der Resilienzforschung verbinden: Selbstwirksamkeit. Gemeint ist das Erleben, trotz schwieriger Umstände noch Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu können. Nicht auf die Krankheit selbst. Aber auf den Umgang mit ihr.
Nicht alles kontrollieren – aber etwas gestalten
Auch Sabine Horst sucht nach solchen Handlungsspielräumen. Nach der Diagnose beginnt ihre Immunchemotherapie. Sie leidet unter Fatigue und zahlreichen weiteren Nebenwirkungen. Vor allem verliert sie zeitweise das Gefühl für den eigenen Körper. „Ich habe während der Therapie das Gespür für meinen Körper verloren“ sagt die selbstständige Unternehmerin.
Qigong und Sport helfen ihr, diesen Kontakt allmählich wiederherzustellen. Bewegung, Atmung und Aufmerksamkeit werden zu einer Möglichkeit, den eigenen Körper neu wahrzunehmen. Was zunächst kaum eine halbe Stunde möglich ist, wird mit der Zeit wieder selbstverständlicher. Auch das ist eine Form von Resilienz: nicht die Rückkehr zu einem Zustand, in dem die Erkrankung nie existiert hätte, sondern eine Anpassung an eine veränderte Lebenssituation.
Die Psychoonkologin Graf betont, dass Krisen Menschen verändern. Das Bild eines Menschen, der nach einer Belastung einfach in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehrt, greift deshalb zu kurz. Resilienz bedeutet nicht, wieder genau der Mensch von vorher zu werden. Das gilt besonders für Menschen mit einer Krebserkrankung. Die Diagnose verändert den Alltag, den Körper und oft auch die Vorstellung von Zukunft. Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wie werde ich wieder gesund? Sondern auch: Wie kann ich unter diesen neuen Bedingungen leben?
Resilienz ist kein positives Denken
Gerade bei Krebs kann der Begriff missverständlich werden. Er könnte den Eindruck erwecken, Betroffene müssten nur stark genug sein, positiv denken oder sich zusammenreißen. Das Gegenteil ist gemeint.
Thomas macht Witze über seinen „ärztlich attestierten Dachschaden“. Aber auch Humor nimmt ihm die Angst nicht. Untersuchungen und Behandlungstermine können ihn jederzeit wieder mit der Erkrankung konfrontieren. Sabine wiederum musste sich neu mit Leistungsgrenzen auseinandersetzen. Resilienz heißt nicht, Belastung nicht zu spüren. Sie bedeutet, mit Belastung umgehen zu können. „Dazu gehört auch Akzeptanz“, sagt Dr. Johanna Graf und führt aus: „Damit ist keine Resignation gemeint. Akzeptanz bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass eine schwierige Situation gegenwärtig Teil des eigenen Lebens ist. Erst wenn der Kampf gegen die Tatsache selbst etwas in den Hintergrund tritt, können neue Handlungsmöglichkeiten entstehen.“

Humor ist für Thomas ein integraler Bestandteil im Umgang mit der Erkrankung. Mit Wortwitz seinem Umfeld ein Lächeln ins Gesicht zaubern zu können gibt ihm Kraft.
Klinikum Stuttgart/ Tobias GrosserBei Thomas heißt das: Er weiß, dass er seinen Krankheitsverlauf nicht kontrollieren kann. Aber er kann entscheiden, wie er mit der verbleibenden Ungewissheit umgeht. Bei Sabine heißt es: Ihr Körper funktioniert nicht mehr so wie vor der Erkrankung. Also sucht sie nach Wegen, mit diesem veränderten Körper wieder in einer guten Verbindung zu sein.
Was trägt, wenn die Krankheit bleibt?
Für Graf und ihr 13-köpfiges Team am Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl geht es täglich um Fragen, welche Maßnahmen dazu beitragen, dass Menschen mit oder nach einer Krebserkrankung ihre psychische Gesundheit und Lebensqualität erhalten können. Dabei geht es nicht darum, einen einzelnen „Resilienzfaktor“ zu finden. Resilienz entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Ressourcen. Eine davon ist soziale Unterstützung. Thomas muss die Situation nicht allein bewältigen. Seine Familie, seine Partnerin, Freunde und auch professionelle Gesprächsangebote spielen eine Rolle. Psychoonkologische Unterstützung ist für ihn ein elementarer Baustein dafür. Wer sich Unterstützung holt, muss eine Belastung nicht vollständig allein tragen.
Auch Sabine nutzt ihr Umfeld, neue Netzwerke und Psychoonkologie. Berufliche Aufgaben gibt sie ab, sie delegiert und greift auf ihr Netzwerk zurück. Die Erkrankung bestätigt ihre Erfahrung, die für Resilienz auch unabhängig einer schweren Krankheit bedeutsam sein kann: Nicht alles selbst leisten zu müssen. Resilienz ist deshalb kein individuelles Krafttraining. Sie entsteht auch in Beziehungen und schon zuvor erlernt, kann man in Krisen auf wichtige Ressourcen zurückgreifen.
Der Körper als Ressource
Eine weitere Ressource liegt für beide in Aktivitäten, die nichts mit der eigentlichen Krebstherapie zu tun haben. Bei Sabine sind es Qigong und andere Angebote aus der Komplementärtherapie wie Kunsttherapie, Krafttraining und Psychoonkologie. Bei Thomas sind es Bewegung, Kochen und Musik. Nach seinen Operationen ist seine Koordination nicht mehr selbstverständlich. Beim Nudelmachen wiederholt er Bewegungen, bearbeitet den Teig, schneidet und faltet. Nach einer Weile macht er Pause und spielt Banjo – ein Instrument, das ihn seit seinem 17. Lebensjahr begleitet. „Das ist für mich ein Stück Lebensfreude und Lebensqualität.“ „Solche Tätigkeiten sind keine Therapie im engeren medizinischen Sinn. Aber sie können etwas anderes leisten: Sie richten den Blick auf das, was trotz der Erkrankung möglich ist. Die Krankheit bestimmt damit nicht jeden Augenblick. Ein Spaziergang. Eine Stunde Qigong. Arbeiten. Freunde treffen. Musik machen. Ein Essen für andere kochen. Für Menschen mit einer schweren Erkrankung können solche alltäglichen Erfahrungen eine neue Bedeutung bekommen“, sagt Graf.

Dr. Johanna Graf, Leitende Psychologische Psychotherapeutin und Leitung der Psychoonkologie.
Klinikum Stuttgart/ Thomas RautenbergKrebsmedizin muss den ganzen Menschen sehen
Genau an diesem Punkt berührt Resilienz auch die Frage, wie moderne Krebsmedizin verstanden werden sollte. Am Stuttgart Cancer Center steht neben der medizinischen Tumorbehandlung auch die Lebenssituation der Patientinnen und Patienten im Blick. Psychoonkologie, Bewegung, Ernährung, Mind-Body-Medizin und weitere Angebote können die notwendige Krebstherapie ergänzen. Das Ziel ist nicht, medizinische Behandlung durch Resilienz zu ersetzen. Es geht vielmehr darum, die psychischen und sozialen Folgen einer Erkrankung ebenso ernst zu nehmen wie ihre körperlichen. Denn Krebs findet nicht nur im CT statt. Die Erkrankung findet zwischen Arztterminen und Arbeit statt, zwischen Familie und Freundschaften, zwischen Nebenwirkungen, Erschöpfung und dem Wunsch nach einem möglichst normalen Alltag.
Was heute möglich ist
Thomas kennt seine Statistik. Sabine weiß, dass ihre Erkrankung nicht heilbar ist. Beide können nicht bestimmen, wie sich ihre Krankheit entwickeln wird. Aber sie können Entscheidungen darüber treffen, wie sie mit dieser Ungewissheit leben. Vielleicht liegt darin ein wesentlicher Kern von Resilienz: nicht die Fähigkeit, eine Krankheit ungeschehen zu machen. Und auch nicht die Verpflichtung, jederzeit stark zu sein. Sondern die Möglichkeit, trotz der Unsicherheit immer wieder Handlungsspielräume zu finden – und unter veränderten Bedingungen einen Weg zurück ins eigene Leben.
Hilfestellung und Unterstützung finden Krebspatienten in der Psychoonkologie des Klinikum Stuttgart. Weitere Informationen zum Zentrum für Integrative Turmormedizin finden Interessierte auf der Webseite des Klinikum Stuttgart.