Restaurant Reussenstein in Böblingen
: Alle Achtung beim Kleingedruckten

Das Restaurant Reussenstein in Böblingen hat eine zu 100 Prozent schwäbische Speisekarte. Alle, wirklich alle ­Zutaten kommen aus Württemberg.
Von
Anja Wasserbäch
Stuttgart
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Sehr beliebt: das Restaurant Zum Reussenstein in Böblingen

privat

Böblingen - Das wirklich Interessante kommt ganz zum Schluss. Auf einer DIN-A4-Seite steht das Kleingedruckte, alphabetisch sortiert. Alle, wirklich alle ­Zutaten kommen aus Württemberg. Der ­Rosen­blütensirup, die Schwarzwaldforellen, das Paniermehl (von der Bäckerei Frech in ­Böblingen) und das Salz. Da, auf der letzten Seite der vielversprechenden Speisekarte, sind alle Produkte, Lieferanten und Erzeuger aufgelistet. Das schafft Vertrauen. Und die lokalpatriotischen Schwaben dürften sich auch über die Seiten davor freuen: Jedes Gericht steht da auf Hochdeutsch, Englisch und natürlich Schwäbisch. Koch Timo ­Böckle, der mit seinen Eltern und seiner Frau das Restaurant samt zugehörigem ­Hotel auf der anderen Straßenseite betreibt, hat eine zu 100 Prozent schwäbische ­Speisekarte geschaffen, auf der nicht nur die Gerichte schwäbisch sind, sondern jede ­einzelne Zutat. Das kann er sich zu Recht stolz auf die Fahnen schreiben.

Das Restaurant Reussenstein ist längst kein Geheimtipp mehr. Empfohlen im Slow-Food-Führer, an einem Samstagabend bis auf den letzten Platz ausgebucht. Da hilft auch das virtuelle Kaminfeuer auf dem Flachbildschirm nichts: Fürs romantische Date ist diese hochfrequentierte Wirtschaft nicht geeignet, aber für Schlemmers, die zu moderaten Preisen qualitativ Hochwertiges wollen. Dieses Restaurant, so viel wird an diesem umtriebigen Abend deutlich, braucht keine Werbung. Voll ist es. Wer hier herkommt, weiß, was ihn erwartet.

Koch Timo Böckle ist halt auch kein Unbekannter: Im dritten Programm ist er bisweilen zu sehen, wie er in der Sendung „Kaffee oder Tee?“ mal ganz ohne Rezept kocht (jeden ersten Mittwoch im Monat um 16.05 Uhr). Vor allem aber setzt Böckle sein Konzept eines durch und durch schwäbischen Lokals mit viel Drumherum im großelterlichen Betrieb in Böblingen um.

Nach Stationen auf der „MS Europa“, im Hotel Bareiss sowie auf Johann Lafers Stromburg leitet er das Hotel-Restaurant Zum Reussenstein gemeinsam mit seiner Schwester Sandra Böckle in dritter Generation. Er gibt Kochkurse, hat ein Feinschmeckerlädle etabliert, in dem es Weine, Manufakturbiere, regionale Säfte, Wild aus der ­Region, Edelbrände, aber auch sogenannte Bequemkost (diese nur auf Vorbestellung) zu erwerben gibt. Das heißt: Spätzle, Sauerbraten, gekochte Biolinsen werden frisch zubereitet, luftdicht verpackt und gekühlt bis zur Abholung gelagert.

So viel zu all den vielen Aktivitäten des Herrn Böckle. Allem voran aber ist er Koch, auch an diesem Abend sieht man ihn in der Küche werkeln. Er und seine ausgezeichnete Crew (auch der Service ist vorbildlich) haben viel zu tun. Als Gruß aus der Küche gibt es ein würziges Kürbissüppchen im Glas. Dazu schmeckt das naturtrübe Bier von der ­Schönbuch-Braumanufaktur. Dann aber mit den Vorspeisen weiß die Küche mehr als bloß zu überzeugen, sie glänzt mit „Landgoggl­läber“ (9,30 Euro). Das Fleisch vom Land­gockel ist rezent und mürbe, der feine Salat eine Mischung aus Kräutern und bunten, kleinen Blättern. Die Unsitte des Eisbergsalats sucht man zum Glück vergeblich. Auch das Tatar von der Schwarzwaldforelle (8,70 Euro) ist ähnlich üppig angerichtet und ausgeglichen im Geschmack.

Bei den Hauptgerichten geht es ähnlich toll weiter: Das „Streuobstwiesaschnidzel“ ist ein Jungschweineschnitzel mit Streuobsttrester und Brotkrumen paniert, dazu gibt es Bratkartoffeln, wie man sie daheim machen würde. Einzig beim Rostbraten (16,90 Euro mit Spätzle) macht man sich Gedanken darüber, ob das mit den frittierten Zwiebeln denn wirklich sein muss. Immerhin: Unter den modernen Eskapaden findet sich eine Schicht fein geschmälzter Zwiebeln. Und die schöne, dunkle Soße – gereicht in einer Sauciere natürlich – ist so etwas, an dem sich Können und Ambitionen eines Kochs wirklich ablesen lassen. Eine solche Soße zu machen braucht Zeit und Leidenschaft. Wie schön, dass es beides hier noch gibt.

Leider passt kein Nachtisch mehr. Kein Baumkucheneis, kein Schokoküchlein mit Holunderblüteneis, kein Ziegenfrischkäse aus Weil im Schönbuch, kein ofenwarmer Birnenschlupfer. Dafür gibt‘s zur Rechnung im Holzkistchen dann noch ein „Bombole“ (so steht’s auf der Ver­packung) in Herzform.

Infos

Restaurant Reussenstein, Kalkofenstr. 20, Böblingen, Telefon 0 70 31/ 66 00 – 0
www.reussenstein.com

Öffnungszeiten Restaurant: Montags 18 bis 23 Uhr, Dienstags bis Samstags 11.30 bis 14.30 Uhr und 18 bis 23 Uhr, Sonntags Ruhetag

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