Landhaus Ettenbühl: Gartenträume auf Englisch
Bad Bellingen - So stellt man sich die Einladung zum Fünf-Uhr-Tee in ein englisches Landhaus vor: ein Wohnzimmer mit Balken an der Decke, im Kamin ein loderndes Feuer, an den Fenstern mit Rosen gemusterte Vorhänge und in feinen Blümchen-Porzellantassen zieht frisch aufgebrühter Earl Grey, zu dem eine Auswahl köstlicher Scones mit Clotted Cream und Marmelade auf einer Etagere gereicht wird. Delicous!
Im Landhaus Ettenbühl bei Bad Bellingen wird englische Lebensart mit Hingabe gepflegt. Zur Anlage gehört eine fünf Hektar große Park- und Gartenanlage, dazu Restaurant samt Café, ein Bed & Breakfast sowie ein Country-Shop mit allerlei Nippes. Die kleine britische Kolonie im Badischen hat Gisela Seidel (74) geschaffen. Die anglophile Hobbygärtnerin erwarb in den 1970er Jahren mit Mann und drei Kindern den Aussiedlerhof, damals waren rundherum nur Wiesen und Felder. Mit dem Kauf war auch die Auflage verbunden, das Gelände landwirtschaftlich zu nutzen. „Damals habe ich angefangen zu gärtnern“, erzählt Gisela Seidel, die als Stadtkind bis dato mit Garten nicht viel am Hut hatte. Sie begann, zum Ausgleich zu ihrer Arbeit als kaufmännische Direktorin eines Krankenhauses Gemüse anzubauen und Blumenbeete anzulegen.
Trotz wenig praktischer Erfahrungen hatte sie genaue Vorstellungen ihres Traumgartens im Kopf. Da sie von Kindesbeinen an viel in England gewesen war, wollte sie einen Garten nach britischem Vorbild: romantisch, üppig, aber mit klaren Strukturen. Von der Insel kannte sie historische Rosen, deren prächtige Blüten „unübertroffen sind. Und wie die duften“, schwärmt Gisela Seidel. Einfach beautiful. Da in Deutschland diese Sorten noch relativ unbekannt waren, importierte sie die Pflanzen aus England und setzte sie gemäß dem Motto „learning by doing“ in die südbadische Erde. „Ich habe so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, erinnert sie sich an die Anfangszeit. Ganz daneben lag sie jedoch nicht – ihre Gewächse aus der Alba-Gallica- oder Damazena-Familie, die sie damals für ihr erstes Rosenwäldchen wählte, haben überlebt und betören jetzt im Juni mit ihrer Blütenpracht.
Labyrinth mit 20.000 Hainbuchen
Was mit dem Rosenwäldchen begann, entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einer prächtigen Gartenanlage, in der auch noch andere Blumen, Bäume und Sträucher einen glanzvollen Auftritt haben. Wie in einem Wohnhaus, in dem jedes Zimmer eine Funktion hat, ist auch der Seidel’sche Garten in verschiedene Räume geteilt. Die Pergola neben dem Teichgarten wird beispielsweise von Glyzinien in Blau-, Weiß- und Rosatönen bedeckt, vor einer langen Reihe dunkelgrüner Säuleneiben gedeiht die Sammlung unterschiedlicher Pfingstrosen, schon langsam verblüht, sowie weißer Jasmin. In der Mammutbaumallee haben die aus Kalifornien stammenden Gewächse schon nach 30 Jahren eine beeindruckende Höhe entwickelt. Auch ungewöhnliche Gehölze gedeihen in Ettenbühl, wie etwa eine Magnolie aus der Verbotenen Stadt in Peking, ein Papiermaulbeerbaum oder ein Schlangenhaut-Ahorn.
Auf die Idee, den Garten auch für Besucher zu öffnen, kam 1998 die Tochter von Gisela Seidel. Sie engagierten den aus England stammenden Gärtner John Scarman, der die Anlage mit vielen Ideen bereicherte. Für das Labyrinth pflanzte Scarman beispielsweise 20.000 Hainbuchen – mit drei Kilometer Länge ist es für jeden Besucher eine Herausforderung, hier den Ausgang wiederzufinden. Auch das Restaurant, eine englische Gartenschule sowie eine Rosenzüchterei entstanden. Letztere gehört mit über 1000 Sorten zu den großen in Süddeutschland. Wer will, kann in Ettenbühl auch – certainly – stilecht nächtigen. Im Bed & Beakfast warten romantisch-verspielt eingerichtete Zimmer mit viel Blümchen-Dekor.
Die Leitung des Gartens hat inzwischen der Engländer James Foggin übernommen. Der studierte Historiker (39) begann erst nach seinem Studium eine Gärtnerlehre. Jetzt ist er happy: „Ich habe schon immer gerne gegärtnert“, erzählt Foggin in fließendem Deutsch. Er schätzt an seinem Beruf die Mischung aus Kopf- und Handarbeit. Zu seinen neuen Projekten in Ettenbühl gehört ein Präriegarten und ein Bambuswäldchen.
Gisela Seidel kann dabei kaum noch mithelfen. Aufgrund eines Rückenleidens darf sie sich nicht mehr bücken, dabei juckt es ihr förmlich in den Händen. Die Lust am Buddeln, Pflanzen und Graben stand bei ihr immer im Vordergrund, nicht das untätige Rumsitzen: „Unkraut jäten ist himmlisch.“



