Dialekte in Baden-Württemberg: Warum es Schwäbisch, Hohenloisch und Kurpfälzisch noch lange geben wird

Mundartsprecher müssen sich nicht verstecken.
Zeichnung Peter RugeMit seinem Namen verbinden sich viele Dialekt-Projekte, darunter der „Sprachatlas von Nord Baden-Württemberg“ oder der „Kleine Sprachatlas für Baden-Württemberg“: Professor Hubert Klausmann. Der frühere Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte über ihn: „Schön, dass ein gebürtiger Badener zum besten Kenner des Schwäbischen werden kann.“ Im Interview erklärt er, warum er gerade diesen Dialekt für langlebig hält.
Herr Klausmann, Sie haben das Thema Mundarten über Jahrzehnte bearbeitet. Wie steht's um den Dialekt heute?
Viele alte Begriffe haben sich abgeschliffen und sind verschwunden. Was zu weit weg ist von der Standardsprache oder bei der Kommunikation stört, wird abgelegt. Wir sprechen deshalb heute eher von Regiolekten. Das ist etwas anderes als der Dialekt, den die Oma noch gesprochen hat. Es gibt jedoch große Unterschiede im Land. Wir haben zum Beispiel die Ostalb mit einer sehr starken Dialektkompetenz, und wir haben die Großstädte mit einer Null-Kompetenz. Und noch in anderer Hinsicht gibt es einen großen Unterschied: Die schwäbischen Dialekträume sind heute immer noch sehr stabil, im Gegensatz zu den alemannischen und fränkischen.
Woran liegt das?
Zum einen daran, dass Räume wie die Ostalb oder Oberschwaben relativ weit von den Metropolen entfernt liegen. Dazu kommt, dass das Schwäbische im Bewusstsein viel stärker verankert ist. Die Vorstellung vom Schwäbischen in der Bevölkerung deckt sich mit dem sprachwissenschaftlichen Begriff. Das ermöglicht eine starke Identifikation, die bedeutend größer ist als in anderen Regionen. Wir haben vor einigen Jahren das Sprachverhalten von 13.000 Grundschülern untersucht. Von den ersten zehn Landkreisen, in denen noch stark Mundart gesprochen wird, waren neun schwäbische. Auch das Hohenlohische und das Kurpfälzische sind stabil - auch dort gibt es einen klaren Raumbegriff. Den hat das Alemannische nicht. Es gibt keinen Begriff für diesen Raum. Von „badisch“ zu sprechen, wäre falsch. Es gibt keinen badischen Dialekt.
Merken Sie diese Unterschiede auch persönlich? Sie haben lange auf der Ostalb gelebt und leben jetzt wieder in Breisach.
Ja, sehr stark sogar. Hier in Südbaden ist das Interesse an der Mundart in der Politik wenig verankert. Dagegen wurde unsere Arbeit an der Uni Tübingen von der Politik stets breit unterstützt. Besser geht’s nicht.
Sind Sie optimistisch, dass das Schwäbische auch künftig stabil bleibt?
Ja, sehr. Auf der Ostalb sprechen 30 bis 40 Prozent der Kinder noch eine regionale Sprache.
Mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat Baden-Württemberg einen Förderer des Dialekts verloren - und mit seinem Nachfolger Cem Özdemir einen neuen gefunden. Kann man das so sagen?
Ich denke schon. Ministerpräsident Kretschmann hatte für seine Dialektstrategie einen Beraterkreis berufen. Sein Nachfolger möchte diese Initiative wohl fortsetzen. Das finde ich sehr schön. Um etwas zu erreichen, brauchen wir die Unterstützung der Regierung.
Was für ein Schwäbisch spricht Cem Özdemir?
Man hört nicht genau, wo er herkommt (Bad Urach). Das war bei Winfried Kretschmann (Sigmaringen-Laiz) auch so. Beide verwenden bestimmte Lautungen wie „Minischterpräsident“. Das würde man am Kaiserstuhl aber genauso sagen. Sie sprechen keinen lokalen Dialekt, sondern einfach süddeutsche Standardsprache. Für norddeutsche Ohren vielleicht ungewohnt, aber völlig normal.

Freude am Dialekt: Sprachwissenschaftler Hubert Klausmann hat viel zu den Sprachgewohnheiten im Südwesten geforscht.
Christoph SchmidtWarum braucht das Land überhaupt eine Dialektstrategie? Gibt es nicht Wichtigeres zu tun?
Man muss das Thema größer fassen. Im Kern geht es um Mehrsprachigkeit. Das müssen wir in der Gesellschaft und in der Schule viel mehr würdigen. Das bedeutet auch, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, dass Sprache ein monolithischer Block ist. Standardsprache ist wichtig, aber es gibt kein homogenes Deutsch. Das ist pure Ideologie. In Wahrheit ist unser Alltag sprachlich heterogen. Das gilt es endlich anzuerkennen.
Ihre Nachfolgerinnen in der Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“ der Universität Tübingen, haben ein Webportal gestartet (https://dialektunddu.de), das Lehrern kostenfreie Unterrichtsmaterialien an die Hand gibt. Damit soll der Diskriminierung von Dialektsprechern entgegengewirkt werden. Gibt es das heute immer noch?
Ja leider, vor allem unterschwellig. Das war ja auch ein Grund dafür, dass Ministerpräsident Kretschmann seine Dialektinitiative gestartet hatte. Das Vorurteil, Dialekt sei geistig einfach und etwas Minderwertiges, sitzt in den Köpfen drin. Dafür gibt es viele Beispiele. Sogar bei der Beurteilung von Referendaren kann das eine Rolle spielen. Deshalb muss man weiter an diesem Thema arbeiten.
Auch unsere Zeitung hat vor 17 Jahren eine Art Dialektoffensive gestartet: „Auf gut Schwäbisch“. Bisher sind 5285 Kolumnen erschienen. Jetzt startet die Dialektspalte auch in den Zeitungen der Südwestpresse. Was lässt sich über deren Verbreitungs- und Sprachraum Ab-Donau-Kreis, Neckar-Alb-Raum, Hohenlohe, Schwäbisch Hall und Aalen/Göppingen sagen?
Das sind alles relativ stabile Dialekträume, Aalen, Ellwangen sowieso.
Kann die Kolumne etwas für den Erhalt des Dialekts beitragen?
Ja, ich finde das sehr positiv. Wenn man dokumentiert, was die Leute im Dialekt sagen, stärkt dies das Bewusstsein für die Mundart.
Haben Sie ein Lieblingswort?
Sehr schön finde ich ein Wort vom Ostrand der Ostalb: Modwerfel für Maulwurf. Darin ist noch das alte Wort Molt für Erde enthalten. Ich finde es toll, wenn Wörter Bedeutungen erhalten, die aus der Standardsprache verschwunden sind.
Sprachforscher Hubert Klausmann
Biografie Hubert Klausmann wurde 1955 in Freiburg im Breisgau geboren und hat an der dortigen Universität seine Dissertation über die „Breisgauer Mundarten“ geschrieben. Er arbeitete als Deutsch- und Französisch-Lehrer am Peutinger-Gymnasium in Ellwangen und war Mitarbeiter am „Vorarlberger Sprachatlas“. Über die Universität Bayreuth, wo er sich im Jahr 2000 habilitierte, kam er 2009 nach Tübingen. Von 2015 bis 2024 leitet er am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen die von seinem Vorgänger Arno Ruoff geschaffene Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“. Für seine Verdienste um die Mundart und den Kampf gegen die Diskriminierung von regionaler Sprache wurde Hubert Klausmann Anfang des Jahres von Ministerpräsident Kretschmann mit der Staufer-Medaille in Gold ausgezeichnet. Demnächst erscheint Klausmanns neues Buch „Sprachgenüsse“, das er zusammen mit dem Namensforscher Konrad Kunze verfasst hat. Thema sind Familiennamen, die etwas mit Essen und Trinken zu tun haben, die Namen von Gasthäusern, und regionale Unterschiede bei der Benennung von Speisen. red

