Tiergestützte Pädagogik: Die heilsame Wirkung von Kaninchen

Die Schüler sind gerne bei den Tieren.
Lichtgut/Julian RettigAusgerüstet mit Grünzeug und Trockenfutter machen sich die Schüler der Hundeklasse auf zu den Deutschen Riesen der Albert-Schweitzer-Schule. Schon hoppeln zwei Rammler und drei Kaninchendamen zu den sechs Jungen ins Gehege. „Wir können sie anlocken“, schlägt Ben (alle Namen geändert) vor. Auch die anderen halten den Kaninchen das frische Blattwerk entgegen. Ob er eines der Kaninchen auf den Schoß nehmen dürfe, fragt Paul seine Lehrerin, Angelika Boesch. Diesmal noch nicht, antwortet sie ihm. Erst müssten sie besprechen, wie man das richtig macht – eine Erklärung, die Paul offenbar nachvollziehen kann. Der Zehnjährige versucht jedenfalls nicht, das Kaninchen trotzdem hochzuheben, sondern streichelt ihm friedlich das Fell.
Selbstverständlich ist das nicht. Die Albert-Schweitzer-Schule ist schließlich eine besondere Schule: ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Die Kinder sind hier, weil sie ihre Emotionen oft nicht im Griff haben. In der Regelschule kamen sie nicht zurecht – oder besser gesagt: die Regelschule nicht mit ihnen.
Die Kinder haben oft traumatische Erlebnisse hinter sich
„Neun von zehn Kindern sind traumatisiert, sie haben ein hohes Maß an Beziehungsabbrüchen erfahren und problematische Erfahrungen mit ihren Mitmenschen gemacht“, schildert Regionalleiter David Aust, was meist hinter Verhaltensauffälligkeiten steckt. Aust ist bei der Stiftung Jugendhilfe Aktiv, dem Schulträger, für sozialpädagogische Angebote zuständig. Mit ihren Mitmenschen eckten die Kinder regelmäßig an, ergänzt er. Umso faszinierender sei es, sie im Umgang mit den Tieren auf dem Schulgelände zu erleben. Wie ruhig sie dann würden.
Kinder, die eben noch völlig außer sich gewesen seien, würden regelrecht runterfahren, berichtet auch die stellvertretende Schulleiterin, Maria-Theresia Burkert. Um Kinder und Jugendliche fit zu machen für die Regelschule, seien solche Projekte essenziell. Die Schüler entwickelten Verantwortungsbewusstsein, erlebten sich als selbstwirksam und sammelten Selbstvertrauen.
Auch die Klassenlehrerin Angelika Boesch findet es schön, ihre Schüler im Umgang mit den Tieren zu erleben: wie rücksichtsvoll und einfühlsam sie dann agierten. Dienstags hat die Klasse Stalldienst. Dann wird gefüttert, ausgemistet – und mit den Tieren gekuschelt. „Es macht einfach Spaß“, sagt Paul, man könne lernen, was die Tiere mögen und was nicht. Sein Mitschüler Alexander findet zudem, dass auch sie von den Tieren viel lernen. Zum Beispiel? „Draußen sein, nicht so viel vor der Glotze hängen“, meint der Zehnjährige. Timon „fühlt sich sicher“, wenn er bei den Tieren ist. Und Michael mag es, dass die Kaninchen ihm „immer zuhören“.
Ein Hängebauchschwein musste altersbedingt eingeschläfert werden
Hinterm Kaninchengehege stapfen Alpakas durchs Gras. Sie gehören nicht der Schule, aber ihre Besitzerin, eine Heilpädagogin, ermöglicht tierpädagogische Einzelförderungen. Wie viel das ausmachen kann, berichtet die Konrektorin Marie-Therese Burkert: Eine ihrer Schülerinnen habe lange in der Schule gefehlt. Sie hatte Schulangst und fühlte sich nicht wohl in ihrem Körper. Über die Arbeit mit den Alpakas kehrte sie zurück. „Frau Burkert, die Alpakas blicken mir in die Seele“, habe sie zu ihr gesagt. Für die Tiere spielte keine Rolle, wie sie aussieht, was andere über sie sagen oder denken.
Allerdings sind die Kosten für die tiergestützte Pädagogik sehr hoch – das fängt beim Futter an und hört beim Tierarzt auf, der regelmäßig aufs Gelände kommen muss. Vor allem die alten Hängebauchschweine Hanni und Nanni haben schon hohe Ausgaben verursacht. Als eines nun eingeschläfert werden musste, hat man in der Stiftung debattiert, ob die komplette Tierhaltung aufgegeben werden muss. Aber dafür seien die positiven Effekte viel zu groß, erklärt David Aust.
Möglichst viele Kinder sollen profitieren
Die Schule hat sich deshalb Hilfe suchend an die Aktion Weihnachten gewandt – mit einem Konzept, das nicht nur die Weiterführung vorsieht, sondern auch den Ausbau. Die Schule will die tiergestützte Pädagogik professionalisieren und eine Kraft einstellen, die für diese zuständig ist und sich zudem um die Tiere kümmert. Außerdem soll der Tierbestand um Laufenten, Ziegen und Schildkröten erweitert werden, um möglichst vielen Kindern die Möglichkeit zu bieten, Verantwortung zu übernehmen. Die Aktion Weihnachten bittet um Spenden, damit die Schule ihre Pläne umsetzen kann.
So können Sie spenden
Konten
Die Aktion Weihnachten freut sich über jede Spende. Die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, oder Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00. Wenn Ihr Name als Spender oder Spenderin veröffentlicht werden darf, vermerken Sie das bitte unbedingt bei der Überweisung. Alle Texte zur Aktion Weihnachten lesen Sie hier.
Briefmarke
Eine Sonderbriefmarke kommt in diesem Jahr der Aktion Weihnachten zugute. Die Briefmarke zeigt einen Engel aus dem Kreativatelier des BHZ, einer Stuttgarter Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Seit einigen Jahren ist dieser Engel das Erkennungszeichen unserer Aktion Weihnachten.
Weihnachtspost
Die Sondermarke hat einen Wert von 1,20 Euro, wobei 40 Cent (80 + 40) als Spende der Aktion Weihnachten und damit Not leidenden Menschen und sozialen Projekten im Raum Stuttgart zugutekommen. Mit den Briefmarken lassen sich Sendungen bis 20 Gramm (Brief national/Standardbrief) verschicken. Sie eignen sich besonders für die Advents- und Weihnachtspost und sind als 10er-Bogen im Onlineshop der BW-Post erhältlich. Bezogen werden können die Briefmarken hier.
