Marbach
: Ein Hausarzt kämpft gegen das System an

Es gibt immer weniger Hausärzte – die Versorgung der Patienten leidet. Der Marbacher Dr. Dieter Böhm prangert Missstände an und gibt Einblicke in seine Praxis.
Von
Oliver Schaewen
Stuttgart
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Zunehmende Bürokratie erschwert den Alltag von Hausärzten. Dr. Dieter Böhm muss sich um vieles kümmern.

Michael Raubold Photographie

Marbach - Geduldig lässt Walburga Seidl im Labor die Blutabnahme über sich ergehen. „Meine Leberwerte sind hoch“, erzählt die 75-Jährige, die aus Poppenweiler in die Praxis von Dr. Dieter Böhm in der Panoramaklinik nach Marbach gekommen ist. Den Weg nimmt sie in Kauf, weil Böhm sich die Zeit nahm und ihren inzwischen verstorbenen Mann in dessen Krebsleiden bis zum Schluss in Hausbesuchen begleitete. „Ich brauche einen Arzt, zu dem ich Vertrauen habe und der sich Zeit nimmt“, sagt Walburga Seidl.

Zeit ist ein kostbares Gut im Gesundheitssystem. Dass Ärzte unter Druck sind, gibt Dieter Böhm wenig später im Vier-Augen-Gespräch unumwunden zu. „Die Krankenhäuser sind stark überlastet, die Krankenschwestern gehen auf dem Zahnfleisch“, sagt der 60-Jährige, der seine Praxis wegen der Barrierefreiheit vor drei Jahren von Steinheim nach Marbach verlegte. „Die Menschen werden älter – sie haben mehr Krankheiten und kommen öfter“, sagt der Mediziner, der seit 20 Jahren als Hausarzt tätig ist und davor 13 Jahre lang im Krankenhaus arbeitete. Viel Zeit hat Böhm auch an diesem Donnerstagvormittag nicht. Trotzdem merkt man ihm an, dass er die Dinge zu Ende besprechen will. Schnelle Abfertigung? Nicht mit Böhm. Mit seiner Meinung hält er nicht hinterm Berg. Beklagt den Zeitdruck, den das System vorgebe. „Die Krankenhäuser reagieren auf den ökonomischen Druck immer öfter mit blutigen Entlassungen“, erklärt er und berichtet von Patienten, die mit zwei Hand großen Löchern im Leib nach der OP für die Wundversorgung zu ihm kommen. „Die müsste ich eigentlich gleich wieder ins Krankenhaus zurückschicken.“

Erneut wechselt Böhm das Sprechzimmer. Er widme sich gerne den Patienten, da bleibe er Idealist, betont der Arzt. „Wir müssen über die Probleme im Gesundheitswesen in aller Öffentlichkeit sprechen“, erklärt er später in einer kurzen Pause. Die Leidtragenden seien vor allem die älteren Patienten, die nicht versorgt würden. „Uns fallen 250 Hausärzte in Baden-Württemberg pro Jahr weg“. Gleichzeitig beschränke die Kassenärztliche Vereinigung die Hausärzte darauf, nur eine bestimmte Zahl von Kassenpatienten pro Jahr zu behandeln – zu einem dreimonatigen Betrag von bis zu 42 Euro brutto. „Wer mehr behandelt, dem werden die Leistungen gekürzt.“ Zudem müssten die Allgemeinmediziner immer mehr Kosten tragen: Vorschriften für Hygiene, Qualitätsmanagement und Verwaltung sowie die Wartung von Elektrotechnik fressen laut Böhm Zeit, die er lieber für die Patienten aufbringen würde. Den Kopf in den Sand stecken will der Marbacher Arzt aber nicht. So bildet er seit diesem Jahr für die Universität Heidelberg Medizinstudenten aus. „Ich will Mut machen, Hausarzt zu werden, damit er in den Orten erhalten bleibt.“ In Zeiten, in denen manche Schwarzwaldgemeinden schon Anzeigen in Medien schalteten, um Hausärzte mit mietfreien Praxen und Umsatzgarantien für ihre Kommune anzuwerben, müsse man den Beruf wieder attraktiver machen – „das setzt aber voraus, ihn von dem ganzen Müll zu entschlacken“.

Gerade mal zwei Tage ist die 23-jährige Hang Yeng Wong in der Praxis. Sie beobachtet die Arbeit Böhms interessiert und macht sich Notizen. Die junge Medizinstudentin stammt aus Singapur, strebt aber an, zunächst in Deutschland als Ärztin zu arbeiten. Ob sie Hausärztin werden wolle? „Das ist schwer zu sagen“, antwortet sie. Ihre Kommilitonen interessierten sich eher dafür, Facharzt zu werden, da dies besser bezahlt würde. Insgesamt gefalle ihr das deutsche Gesundheitssystem aber besser als das in ihrer Heimat: „Die Menschen hier gehen zur Vorsorge – bei uns in der Regel erst, wenn sie krank sind.“

Was es heißt, mit einer schweren Krankheit leben zu müssen, weiß Eckhard Müller. Der 70-Jährige aus Marbach hat schon viel mitgemacht. Diabetes, Operationen an Herz und Galle sowie ein Prostatakarzinom. „Mein Hausarzt muss mich kennen, wenn ich aus einer Notlage heraus anrufe“, sagt er, und Dieter Böhm nickt: „Genau das ist das Problem, wenn ich in der Notfallpraxis in Ludwigsburg siebenmal im Jahr von 8  Uhr an einen 24-Stunden-Dienst machen muss: Ich kenne die Patienten nicht und bin nach 22 Stunden Dienst ohne Pause dann auch nicht mehr hundertprozentig belastbar.“ Als 60-Jähriger stoße er auch physisch an seine Grenzen. Dies sei beim dezentralen Notdienst der Ärzte, der vor einigen Jahren abgeschafft wurde, besser gewesen. „Da bist du zwar mal in der Nacht rausgeklingelt worden, hast aber am nächsten Tag noch deine Praxis für deine Patienten öffnen können.“

Was eine gut geführte Hausarztpraxis trotz manchen Ansturms menschlich zusammenhält, bringt die Assistentin Renate Schugt am breiten Eingangstresen auf den Punkt: „Wir bleiben immer ruhig und freundlich – das schaffen wir, weil wir uns sonst auch gut verstehen.“