Stadtansichten Oh, wie schön war Stuttgart

Götz Schultheiss/bel, 12.01.2012 16:49 Uhr
Neue DVD: Wir zeigen, wie Stuttgart einst aussah und wie es sich verändert hat.

Stuttgart - Bilder aus dem Postflugzeug aufgenommen, alte Kupferstiche, moderne Stadtpläne: Eine Zeitreise per Mausklick bietet die DVD "Stadtentwicklung Stuttgart - von den Anfängen bis zur Gegenwart." Sie wurde der Öffentlichkeit am Mittwochabend im Rathaus vorgestellt.

Die DVD birgt Archiv-Schätze, die der Allgemeinheit normalerweise verschlossen bleiben: Mehr als 70 zoombare Karten und Stadtmodelle aus allen Epochen, Hunderte von Stadtansichten, Stichen und Fotos aus der Frühzeit der Fotografie bis heute vermitteln einen plastischen Eindruck vom Wachstum Stuttgarts von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Wer die Schönheit der Landeshauptstadt aus der Vogelperspektive erleben will, kann sich ins Jahr 1920 zurückversetzen und mit dem Postflugzeug einen Rundflug über das Stadtzentrum erleben. Andere Filmdokumente zeigen den damals noch spärlichen Verkehr in der Innenstadt im Jahre 1938. Auf der längst zur Flaniermeile umgewandelten Königstraße fahren 1958 noch Autos und Straßenbahnen, gebändigt vom Schupo auf einem Podest.

Herbert Medek, Leiter des Sachgebiets Allgemeine Verwaltung, Zentrale Dienste im Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung, entführt die Betrachter zu einem Rundgang durch das Stadtmodell von 1760/90. In Hörbeiträgen erklärt der profunde Kenner der Stadthistorie kompetent das Innenstadtoval, den etwa 500 Meter langen und 250 Meter breiten Stadtkern, der einst innerhalb einer Maueranlage mit Wassergraben und Wällen lag. Die Nordgrenze markierte der Obere Graben, heute Königstraße. Anstelle des einstigen kleinen Grabens im Süden verläuft heute die Eberhardstraße.

Interaktiver Stadtrundgang

Ende des 14. Jahrhunderts entstand im Süden eine Vorstadt, eine weitere ab 1450 im Norden. Wer im ausgehenden Mittelalter in Stuttgart übernachten wollte, tat dies am besten in den beiden Kloster-Pfleghöfen, dem Herrenalber Hof und dem Bebenhäuser Hof. Medek: "Das waren damals die besseren Hotels. In den Schilderwirtschaften ging es derber zu." In seiner launigen Führung geht Medek auch auf schillernde Gestalten ein, die sich in Stuttgart aufhielten. Zu ihnen gehörte auch der berühmte Verführer Casanova. Der Venezianer blieb nicht lange in Stuttgart, er türmte, weil er seine Spielschulden nicht bezahlen konnte.

Mit nicht nur einem weinenden Auge werden alte Stuttgarter die Fotografien der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und kurz danach betrachten. Dort ist unter anderem das Kronprinzenpalais zu sehen. Obwohl die Fassade einen Bombenangriff überstanden hatte, wurde sie abgerissen und machten dann einer Betonwildnis Platz, die erst jüngst durch das Kunstmuseum ersetzt wurde. Fast nicht mehr zu erkennen sind auf Bildern um 1920 Teile der oberen und unteren Königstraße, und es braucht ein sehr geübtes Auge, den Charlottenplatz von einst ausfindig zu machen.

Die DVD ist übersichtlich gegliedert. Ein Menü zeigt folgende Felder: Thema, Zoombare Stadtkarten, Videoüberflug 1920, Modell 1760, Innenstadt 1760/90 interaktiv. Der Klick auf das Themenfeld bietet ausgesuchte Straßen und Plätze. Beim Anklicken erhält der Betrachter einen erklärenden Text und mit einem weiteren Klick eine Bilderschau mit Ansichten des ausgesuchten Objekts.

Initiiert wurde die DVD von Herbert Medek und Johannes Gienger, Leiter des Stadtmedienzentrums Stuttgart am Landesmedienzentrum. Verwendet wurden Karten des Stadtmessungsamts, Modelle des Stadtplanungsamts, Bilder des Fotoarchivs des Landesmedienzentrums, Filmclips des Hauses des Dokumentarfilms und Texte des Planungsstabs des Stadtmuseums. Johannes Gienger hält die digitale Schatzkiste auch in Schulen für einsetzbar: "Sie zeigt den Wert der Digitalisierung von Archiven für das digitale Arbeiten im Unterricht."

Stuttgart damals und heute:  Wir zeigen, wie die Stadt einst aussah, und wie sie sich verändert hat. Klicken Sie sich unsere Bildergalerie.

Die Bilder des Landesmedienzentrums sind urheberrechtlich geschützt. Unter www.medienshop.lmz-bw.de können sie erworben werden.

Wer die DVD erwerben will, kann sie bestellen. Per Mail: rbogenfeldt@lmz-bw.de; per Post: beim Stadtmedienzentrum, Rotenbergstraße 111, 70190 Stuttgart. Die DVD kostet 20 Euro plus Versand.

 
 
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Kommentare (22)
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Andy Ist schon länger als 1 Jahr her
Wohl niemand ist nach dem Krieg so dermaßen rüde mit seiner Stadt umgegangen, wie die Stuttgarter. Sicher war Moderne und Abstand zur Vergangenheit nach dem Krieg auch ein gewisser 'Zeitgeist' aber andere Städte haben da vieles besser gemacht und dadurch heute mehr Beachtung und touristische Bedeutung. Es wurden ja schon viele Beispiele aufgezählt, aber dass das Neue Schloss in seiner Fassade nur wegen ein paar Stimmen noch erhalten wurde sagt ja wohl alles? Bestes Beispiel dieses rüden Umgangs war die Umgestaltung des Opernhauses in den 50ern im 'modernen Stil' - königlicher Pomp und Akustik verschwanden aus dem Zuschauerraum. Wer macht sowas? Die Stuttgarter... Nur schade, dass sie es bis heute nicht gelernt haben und immer weiter machen! Dann werden Neubauten verzweifelt als herausragende Architektur vorgebetet und sind eigentlich doch nur eines: Absolut austauschbar! Sie könnten so in jeder anderen Stadt der Welt stehen und haben keinen Charme. Lassen wir sie weitermachen, denn wer es nach 60 Jahren nicht gelernt hat wird es wohl nie mehr lernen! Und der Besuch von Auswärts kann dann ja durch's schöne alte Esslingen geführt werden...
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Zeitungsleser Ist schon länger als 1 Jahr her
@Ehli: 'Stuttgart bleibt...immer eine schöne Stadt, egal wieviel gebaut wird oder nicht...' Na wenn das so ist, dann können wir uns ja gemütlich zurücklehnen...Jetzt mal im Ernst: Werter Herr 'Ehli', wenn´s so weiter geht, bleibt von Stuttgart bald nur noch die schöne Lage (die wird demnächst, wenn die Lobhudeleien so weiter gehen, auch noch Herrn Schuster zugeschustert...). Wie oft höre ich von Besuchern: schöne Kessellage - aber scheußliche Innenstadt. Und sie haben ja so recht! Der schöne Schlossplatz reißt´s halt nicht raus. Komisch, dass Sie gerade an dem was auszusetzen haben:' irgendwie sah der Schloßplatz mit den vielen Bäumen viel schöner aus wie jetzt, wo es nur noch die Grünflächen gibt...' Entschuldigung, aber das ist Quatsch. Die Stuttgarter haben ihr schönes Neues Schloss (das wär nach dem Krieg 'schiergar' auch plattgemacht worden...) hinter Bäumen versteckt. Die neue Baumbepflanzung ist historisch viel stimmiger. Man muss beim Bäumepflanzen schon auch auf den Stanndort achten. Da wo sie wunderbar 'passen' - nämlich im Mittleren Schlossgarten - werden sie wohl demnächst gekillt. Aber hier gilt wohl auch Ihre Devise: ' Stuttgart ist so oder so eine sehr schöne Stadt...'
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Enduser Ist schon länger als 1 Jahr her
Sehr schöne Auswahl auf der DVD, Präsentation eher Edutainment-artig, d.h. wenig weitergehenede Bedienmöglichkeiten, z.B. Massstäbe einblenden nicht vorhanden. Leider sind die Fotos gerade mal in Bildschirmauflösung, ausdrucken wäre über Postkartengrösse sinnlos. Da hat man von den Möglichkeiten der DVD gegenüber CD keinen Gebrauch gemacht. Bei den Karten wäre etwas näheres heranzoomen, doppelte Auflösung erwünscht.
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Matthias Ist schon länger als 1 Jahr her
aber wenn man die Bilder des alten und des neuen Rathauses sieht, dann kann man nur noch weinen. Interessant waere allerdings auch, was fuer neue Ideen man eigentlich hat. Von den Gruenen und der S21 Gegner Fraktion kommt bekanntermassen gar nichts. Stoppen und verzoergern - ja. Etwas Neues entwickeln - Null. Hotel Silber z.B. - kein Konzept. Breuninger - man ist dagegen - kein Konzept. Hauptbahnhof - dagegen und dann will man eine Fressmeile a la Leipzig mit 400 Laeden aufziehen. Und nicht zu vergessen, die S21 Gegner haben auch ein Herz fuer die alte Kruschtmesse auf dem Killesberg, Gleisanlagen findet man auch toll. Ein Postgebaeude im Koenigsbau findet auch Anklang. Also bei dem Geschmack, bekommen wir mit den S21 Gegner ein Eisenbahngleis (oder 2) auf die Koenigstrasse.
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Stuttgarter Bürger Ist schon länger als 1 Jahr her
@Borismusberg - Hallo Boris, erlauben Sie, dass ich Ihren Text aus meinen Augen ein bisschen zurechtrücke. Sie schreiben: 'Bei einem Talkessel mit vorgegebener Bebauung ist es nicht immer einfach alle Neu- Um- und Erweiterungsbauten optimal einzugliedern.' Ein merkwürdiger Satz; das klingt fast so, als ob die Kessellage , was das Stadtbild betrifft, ein Negativposten wäre. Sie ist aber eigentlich DIE städtebauliche Hauptattraktion. Freilich gilt hier auch: Es kommt drauf an, was man draus macht. Warum sollten gute Architekten nicht in der Lage sein, Neubauten zu errichten, die sich der Stuttgarter Topographie harmonisch eingliedern? Früher ist das ja auch gelungen. Auch Florenz hat eine Kessellage - immer wieder wurde abgerissen und neu gebaut, und es ist ein einmaliges Stadtkunstwerk entstanden. Das war Stuttgart vor demn Krieg durchaus auch! 'Hätten die Stadtplaner nach dem Krieg auch so ängstlich agiert gäbe es in Stuttgart noch nicht einmal eine Straßenbahn , geschweige einen Fernsehturm.' Na ja - eine 'Straßenbahn' gab´s vor dem Krieg auch...Die Städteplaner haben in Stuttgart nach dem Krieg allerdings nicht 'ängstlich agiert', sondern den Innenstadtgrundriss radikal dem Autoverkehr geopfert, eine Stadtzerstörung, unter der Stuttgart heute noch leidet und die nicht einfach zu reparieren wäre. Dazuhin haben sie bedeutende Bauwerke, die leicht hätten erhalten werden können, gnadenlos abgerissen (Steinernes Haus, Kronprinzenpalais, das Kaufhaus Schocken, die Garnisonskirche, das Rathaus, unzählige Villen und und und...Leider setzt sich diese Mentalität ungebrochen fort. Wo anderswo Zerstörtes idealistisch wieder aufgebaut wird (Dresdens Frauenkirche), wird in Stuttgart das wenige Erhaltene massakriert (Bonatzbahnhof).
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