Kernkraftwerke sollen vernebelt werden Foto: dpa

Das Kernkraftwerk Philippsburg soll eine Vernebelungsanlage bekommen.

Stuttgart/Karlsruhe - Sollten Terrorpiloten ein Flugzeug in ein deutsches Atomkraftwerk steuern, gäbe es eine Katastrophe. Das weiß man seit Jahren. Nun endlich wird im Südwesten gehandelt, oder besser: vernebelt.

Es ist ein Konzept für den Ernstfall: Zum Schutz vor Terrorangriffen aus der Luft installiert der Energiekonzern EnBW offenbar noch in diesem Jahr rund um das Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) eine Anlage zur Blitzvernebelung. "Wir werden die Genehmigung dafür voraussichtlich Anfang April erteilen", sagte ein Sprecher des Umweltministeriums unserer Zeitung. Der Bau der Anlage werde vermutlich rund ein Dreivierteljahr benötigen. Demnach wären die Nebelbatterien Anfang 2011 einsatzbereit.

Die Vernebelungsanlage soll es Terroristen erschweren, ein Flugzeug zielgenau in ein Reaktorgebäude zu steuern und so eine atomare Katastrophe auszulösen. Wie die Anlage genau funktioniert und wann sie in Betrieb gehen wird, wird mit Blick auf potenzielle Attentäter geheim gehalten. "Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir zu Maßnahmen der Objektsicherung in der Öffentlichkeit keine Stellungnahme abgeben", sagte ein Sprecher der EnBW. Der Konzern betreibt im Südwesten noch vier Reaktorblöcke - zwei in Philippsburg (Landkreis Karlsruhe) und zwei in Neckarwestheim (Kreis Heilbronn).

Philippsburg wäre nach Grohnde und Biblis das dritte und bislang größte deutsche Atomkraftwerk, das mit einer solchen Anlage ausgestattet wird. Laut dem Stuttgarter Umweltministerium sieht der Plan der deutschen Energieversorger vor, dieses Jahr auch den Atommeiler in Brunsbüttel und möglicherweise auch noch das Kernkraftwerk Unterweser mit entsprechenden Nebelbatterien auszustatten. Insgesamt werden in Deutschland momentan noch 17 Reaktorblöcke an elf Standorten betrieben. Bereits stillgelegte Reaktoren wie der in Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis) sollen keine Vernebelungsanlage erhalten.

Bezahlt wird der Bau solcher Anlagen von den Energieversorgern und damit von deren Kunden. Die Rede ist von einem zweistelligen Millionenbetrag pro Kraftwerk. Aufgrund technischer Probleme und politischer Widerstände hat sich die Umsetzung aber immer wieder verzögert. So sollte die Vernebelung des Meilers in Philippsburg nach früheren Angaben des Umweltministeriums eigentlich bereits vergangenes Jahr erfolgen. Angesichts der Größe des Geländes (60 Hektar) und einer "neu entwickelten Leittechnik", die zum Einsatz kommen soll, habe es aber Verzögerungen gegeben, so der Sprecher des Ministeriums. Auslöser der Aktivitäten ist eine Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), die im Jahr 2003, zwei Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center, eine aufsehenerregende Studie vorlegte. Demnach würden die meisten deutschen Atomkraftwerke dem Absturz eines großen Passagierflugzeugs nicht standhalten. Zu den drei Reaktoren, die bundesweit besonders verletzlich sind, zählt Block I in Philippsburg.

Zum einen, weil die Form des Reaktorgebäudes einer Schuhschachtel ähnelt, so dass ein Aufprall mehr Zerstörung verursacht als bei einem eiförmigen Gebilde. Zum anderen weil das Reaktorgelände topografisch "auf dem Präsentierteller" liege, wie es heißt, also leicht angesteuert werden kann. Die beiden Reaktoren in Neckarwestheim hingegen gelten als vergleichsweise gut geschützt aufgrund der sie umgebenden Landschaft. Neckarwestheim steht im Zeitplan der Betreiber daher auf den hinteren Rängen. Wann dort eine Vernebelungsanlage errichtet werden soll, ist noch unklar.

Früheren Berichten zufolge ist geplant, rings um jedes Kernkraftwerk Batterien mit Nebelgranaten aufzustellen. Im Alarmfall, wenn ein Flugzeug seine Route verlässt und auf ein Kernkraftwerk zusteuert, würden die Granaten elektronisch und je nach Windrichtung gezündet. Das Kraftwerksgelände soll so großflächig innerhalb von nur 40 Sekunden in dichten Nebel eingehüllt werden und damit dem Terrorpiloten das Zielen erschweren. Trifft er nicht genau das Reaktorgebäude, ließe sich zumindest eine atomare Katastrophe durch die Freisetzung großer Mengen an Radioaktivität verhindern. Der Nebel hält zwar nur wenige Minuten. Die Granaten können aber erneut gezündet werden, sollte der Pilot beidrehen und einen zweiten Versuch unternehmen.

Der Nutzen einer solchen Vernebelung ist umstritten. Kritiker verweisen auf mobile Navigationsgeräte, die auch bei Nebel einen zielgenauen Angriff ermöglichen. Die Betreiber wollten daher die Satellitensignale für Navigationsgeräte im Alarmfall weiträumig stören lassen. Doch da davon auch alle anderen Flugzeuge in dem Gebiet betroffen wären, legte das Bundesverkehrsministerium sein Veto ein. Laut Landesumweltministerin Tanja Gönner (CDU) hat man inzwischen eine Lösung des Problems gefunden, die man allerdings der Öffentlichkeit nicht verraten will. Auf Anfrage der Grünen teilte sie im Juni vergangenen Jahres lediglich mit: "In einem im Auftrag des Umweltministeriums durch eine Gruppe erfahrener Flugexperten erstellten Gutachten wurde die Wirksamkeit der Tarnmaßnahmen für die Standorte Philippsburg und Neckarwestheim sowohl für den Sichtflug als auch für einen automatischen Anflug mit Nutzung von Navigationsinstrumenten in jeder Hinsicht bestätigt."

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