Der Rote Flitzer rattert wieder über Land

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Kornwestheim/Stuttgart. Ein Schienenbus aus den 1950ern ist im Stuttgarter Hauptbahnhof getauft und in Betrieb genommen worden. Das Gefährt gehört einer Kornwestheimer Firma. Von Marius Nobach

Kornwestheim/Stuttgart. Ein Schienenbus aus den 1950ern ist im Stuttgarter Hauptbahnhof getauft und in Betrieb genommen worden. Das Gefährt gehört einer Kornwestheimer Firma. Von Marius Nobach

Beim ersten Versuch hält die Flasche noch stand, im zweiten Anlauf jedoch zerspringt sie an den Puffern des leuchtend rot lackierten Schienenbusses, der nun offiziell auf den Namen Roter Flitzer getauft ist. Damit steht einer Inbetriebnahme des Schienenbusses nichts mehr im Wege. Die 150 Teilnehmer der Eröffnungsfahrt steigen in die Wagen ein, und um 10.20 Uhr startet der Schienenbus mit dem charakteristischen Motorknattern seine Jungfernfahrt vom Stuttgarter Hauptbahnhof nach Heilbronn.

Beim Roten Flitzer handelt es sich um einen historischen Schienenbus, der nach einer technischen Aufbereitung vom Kornwestheimer Reiseveranstalter DNV-Tours wieder in Betrieb genommen wurde. Die Schienenbusse waren zuerst in den 1950er Jahren aufgekommen und gelten als Symbol für die Aufbruchsstimmung der gemeinhin als Wirtschaftswunderzeit bekannten Epoche. Die Bahn suchte damals nach einem Mittel, um ihre Nebenstrecken wirtschaftlich rentabel zu machen, und fand dieses in den Schienenbussen. Wegen der bis dahin nicht bekannten Bepolsterung der Sitze galten die Schienenbusse als sehr komfortabel. Durch ihre Rundumverglasung und die umklappbaren Sitzlehnen, die stets einen Blick in Fahrtrichtung ermöglichten, waren die Schienenbusse besonders für Ausflüge beliebt. "Sie waren nicht nur Transportmittel, sondern auch populäre Sympathieträger", sagte Gerd Hesse von DNV-Tours über die besonderen Bahnen, die bis in die 1990er Jahre hinein eingesetzt wurden. Heute sind von den ursprünglich 1500 betriebenen Schienenbussen nur noch wenige erhalten. Für die erneute Inbetriebnahme des Roten Flitzers war es nötig, das Modell aus den 50ern zu reparieren und instand zu setzen. Um dies finanzieren zu können, wurde eigens ein Förderverein Schienenbus gegründet. Laut Hans-Jörg Jäkel, dem ersten Vorsitzenden der Gesellschaft zur Erhaltung von Schienenfahrzeugen Stuttgart (GES), ist es das Ziel des Fördervereins, die Erinnerung an den Schienenbus als besonderes Kapitel der Bahngeschichte wachzuhalten und ihn im Fahrbetrieb der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Rote Flitzer besteht aus drei Sitzwagen, die je 50 Personen Platz bieten, und einem Multifunktionswagen. Wie in früheren Zeiten werden die Fahrten des Schienenbusses von Schaffnern in historischer Uniform mit "Galoppwechsler" und Abreißblock begleitet. Seine erste Fahrt führte den Roten Flitzer am Samstag ins Süddeutsche Eisenbahnmuseum nach Heilbronn, wo an diesem Tag der Saisonauftakt begann. Unterwegs gab es für die Reisenden Fotostopps an landschaftlich reizvollen Stellen. In Heilbronn angekommen hatten die Teilnehmer der Einweihungsfahrt Gelegenheit, sich über die Geschichte des denkmalgeschützten Bahnbetriebswerks Heilbronn zu informieren und die zahlreichen Exponate des Eisenbahnmuseums zu bewundern. Gegen 16 Uhr ging es dann wieder zurück Richtung Stuttgart.

Dr. Klaus Vogt, Leiter der Wirtschaftsförderung Stuttgart, wünschte dem Roten Flitzer bei der Taufe im Stuttgarter Hauptbahnhof allzeit gute Fahrt und drückte seine Hoffnung aus, dass die Eisenbahnfreunde aus der Region in Zukunft eifrig die Gelegenheit, Ausflüge mit dem Schienenbus zu unternehmen, wahrnehmen werden. Das hofft auch das Kornwestheimer Unternehmen DNV-Tours, das den Roten Flitzer künftig regelmäßig für eintägige Ausflugsfahrten und mehrtägige Kurzreisen einsetzen will. Neben den organisierten Ausfahrten besteht aber auch die Möglichkeit, den Schienenbus vollständig oder wagenweise für private Gesellschaften zu mieten.

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