Von unserem KorrespondentenJoachim Rogge, WashingtonORANGE COUNTY. Janine geht wieder putzen wie

Von unserem Korrespondenten

Joachim Rogge, Washington

ORANGE COUNTY. Janine geht wieder putzen wie zu Teenager-Zeiten. Damals hatte ihre Mutter Janine gedrängt, sich ein bisschen Taschengeld nebenher zu verdienen.

Heute, gut 25 Jahre später, ist der Putzjob überlebenswichtig, um noch halbwegs über die Runden zu kommen. Ihre fotokopierten Handzettel, auf denen sie sich als Putzfee anpreist, verteilt Janine weit entfernt von ihrem eigenen Wohnviertel im kalifornischen Orange County. Die Nachbarn sollen nicht mitbekommen, wie sehr der 41-jährigen alleinerziehenden Mutter von drei halbwüchsigen Kindern inzwischen das Wasser bis zum Hals steht. In der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression verlor Janine Booth ihren gut dotierten Job als Elektronik-Großhändlerin, der ihr monatlich rund 10 000 Dollar aus Provisionen einbrachte. Inzwischen wartet sie voller Bangen auf den stets wichtigsten Tag der Woche, wenn der Briefträger den 450-Dollar-Wochenscheck der Arbeitslosenversicherung in den Briefkasten steckt.

Die Raten für ihr Haus, 1500 Dollar, leiht sie sich wiederum größtenteils bei ihrer Mutter, die, seit sie selbst arbeitslos ist, von ihren schnell schrumpfenden Ersparnissen lebt. Würde ihr Ex-Mann nicht 2500 Dollar Kindesunterhalt zahlen, sähe Janines Gegenwart noch düsterer aus. "Ich weiß, ich komme da wieder raus", ist sie trotz allem überzeugt. "Wir werden nicht als Obdachlose auf der Straße enden." Aber die Angst vor der Zukunft bereitet ihr trotzdem schlaflose Nächte. "Was ist los in unserm Land? Warum finde ich keinen Job? Mich bedrückt, dass meine Kinder mich für eine Versagerin halten."

Wer in den USA seinen Job verlor, fand früher schnell einen neuen. Heute kommen statistisch sechs Bewerber auf eine freie Stelle. Seit über einem Vierteljahrhundert war die Arbeitslosigkeit nicht mehr so hoch. Fast jeder zehnte Amerikaner im erwerbsfähigen Alter ist heute ohne Job. Und immer mehr Menschen müssen immer länger suchen, ehe sie tatsächlich eine neue Stelle finden. Knapp die Hälfte der 15 Millionen Arbeitslosen Amerikas war im Januar schon länger als sechs Monate ohne Job. Die neue Erfahrung, dass nichts mehr geht, traumatisiert zunehmend Amerikas Mittelschicht, führt zu Abstiegsängsten vor allem bei jenen, die sich dank guter Löhne, aber ohne spezielle Qualifikationen bis vor kurzem noch ein Mittelschichtsleben leisten konnten. Experten sprechen schon von Amerikas "neuen Armen", für die eine Rückkehr in ihr altes Leben auch dann ausgeschlossen ist, wenn die Wirtschaft wieder auf vollen Touren, aber mit weniger Arbeitskräften läuft.

Auf die dramatisch wachsende Zahl der Langzeitarbeitslosen hat US-Präsident Barack Obama bereits reagiert und die bisherige maximal 26-wöchige Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes in Bundesstaaten mit besonders hoher Arbeitslosigkeit auf 99 Wochen praktisch vervierfacht. Scharfe Kritik der parlamentarischen Opposition hat dieses milliardenteure Programm Obama eingebracht.

"Arbeitslosenhilfe ist alles andere als ein Job-Beschleuniger", rügen die Republikaner in dieser Hartz-IV-Debatte auf Amerikanisch. Dass sich Amerika schleichend in einen beschützenden Sozialstaat verwandeln könnte, der Eigeninitiativen verkümmern lasse, fürchtete freilich auch eine ganze Reihe von Demokraten, die Obamas Gesetzesvorlage mit einem Hinweis passieren ließ, der Bauchschmerzen erkennen ließ: Zeitlich ausgedehnte Hilfe für Langzeitarbeitslose könne die Anstrengungen der Betroffenen dämpfen, sich um neue Jobs zu bemühen, hieß es. Aber: Diese "Sorge" sei nachrangig, wenn der Arbeitsmarkt auf längere Sicht so verriegelt sei wie zurzeit.

Zwar wächst Amerikas Wirtschaft längst wieder kräftig. Aber anders als nach früheren Krisen schlägt das nicht auf den Arbeitsmarkt durch. Experten sind skeptisch, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert. "Es sieht schlecht aus für Leute, die wirklich einen neuen Job wollen", meint der Wirtschaftsprofessor Philipp Swagel von Washingtons Georgetown-Universität.

Bequem leben lässt sich nicht von den Schecks, die in die Briefkästen von rund elf der fast 15 Millionen amerikanischen Arbeitslosen flattern. Die Unterstützung ist auf 36 Prozent des letzten durchschnittlichen Wochenlohns begrenzt. "Ich brauche dieses Geld", sagt Anthony Brown, der als Souschef in einem feinen Restaurant Arlingtons gegenüber von Washington monatlich 3000 Dollar (rund 2100 Euro) nach Hause brachte. Auf 1200 Dollar beläuft sich jetzt sein Arbeitslosengeld. Mit der Miete - 1500 Dollar - ist Brown inzwischen im Rückstand, leiht sich hier und dort was und fürchtet den Moment, wenn der wöchentliche Scheck demnächst ganz ausbleibt. Seine Ersparnisse sind aufgezehrt.

20 Bewerbungen hat er in den letzten vier Monaten auf Jobangebote geschrieben, die in etwa seinem früheren Gehaltsniveau entsprechen. "Ich kann keinen Job annehmen, wo ich deutlich weniger verdiene", sagt der Familienvater. "Irgendwie muss ich die Rechnungen bezahlen. Mit drei Minijobs ist das nicht möglich." Nicht nur Anthony Brown und Janine Booth hoffen inständig, dass Amerikas Jobmotor bald wieder anspringt.

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