Mafia drängt sich in Regionalwahlen

Von "Stuttgarter Nachrichten" 

Von unserem Korrespondenten Thomas Migge ROM. Silvio Berlusconi wird von Tag zu Tag

Von unserem Korrespondenten

Thomas Migge

ROM. Silvio Berlusconi wird von Tag zu Tag nervöser. Am Sonntag und am Montag gibt es Regionalwahlen. Italiens Regierungschef könnte eine ähnliche Schlappe wie Nicolas Sarkozy in Frankreich einstecken.

Berlusconi versucht mit seinen ständigen Attacken auf die Justiz von einem Problem abzulenken, das die Regionalwahlen überschattet. Stichwort: Mafia und Politik. "Ich bin davon überzeugt, dass man heute riskiert, dass diese Wahlen von der Mafia bestimmt werden", meint der Journalist Roberto Saviano, der mit seinem Mafiabuch "Gomorrha" auch in Deutschland ein Begriff ist. Der Journalist ist sehr besorgt. Er befürchtet, dass mit den Regionalwahlen viele Politiker in verantwortungsvolle Positionen aufrücken, die nur vordergründig Kandidaten einer Partei sind, in Wirklichkeit aber Untergebene von Bossen.

Wie der inzwischen verhaftete Senator Nicola di Girolamo. Für die Berlusconipartei Volk der Freiheit wurde er bei den letzten Parlamentswahlen mit den Stimmen von Auslandsitalienern in den Senat gewählt. Auch mit Stimmen aus dem Großraum Stuttgart. Von der Polizei abgehörte Telefonate und Ermittlungen ergaben, dass Di Girolamo ein Mann der kalabresischen Mafia war, die mit Hilfe ihrer Leute in Deutschland Auslandsitaliener unter Druck setzte, damit sie Di Girolamo wählen. In den Telefonaten jubelten die Bosse: "Endlich haben wir einen der Unseren im Senat."

Saviano weiß, "die kalabresischen Ermittler sind sich sicher, dass die Mafia zum ersten Mal im ganz großen Stil bei Wahlen mitmischen will". Er forderte deshalb, dass Beobachter der Vereinten Nationen nach Italien kommen, um in Süditalien die Regionalwahlen zu kontrollieren. "Die Bosse haben ja das Geld, das durchzusetzen, was sie wollen, denn sie sind heute in Sachen Umsatz Italiens Unternehmen Nummer eins."

UN-Beobachter werden nicht kommen, denn dazu brauchen sie die Zustimmung der Regierung, und Silvio Berlusconi wird eine solche Zustimmung nie geben. Ein Regierungssprecher bezeichnete Savianos Vorschlag als "lächerlich".

Doch Savianos Popularität und sein Mut, sich nicht zu verstecken, sondern der Mafia die Stirn zu bieten, sorgen dafür, dass alle seine Äußerungen großes Aufsehen erregen und Reaktionen auslösen. So wird seine Forderung nach UN-Beobachtern inzwischen nicht nur von über 50 000 Bürgern unterstützt, beispielsweise über Facebook, sondern auch von Oppositionspolitikern. Antonio Di Pietro, Chef der Partei "Italien der Werte", die sich für mehr Legalität und den Kampf gegen die Mafia einsetzt, spricht sich ebenfalls für UN-Beobachter aus.

"Hier besteht ein schwerwiegendes Problem für die Demokratie", so Di Pietro, "denn Sizilien, Apulien, Kalabrien und der Großraum Neapel befinden sich so gut wie in den Händen von Clans und ihren Bossen". In Süditalien sind in den letzten zwei Jahren 16 Stadtverwaltungen wegen mafioser Infiltration aufgelöst worden. "Dagegen muss Regierungschef Berlusconi doch was unternehmen." Tut er aber nicht.

Wird gegen seine Parteifreunde wegen möglicher mafioser Verstrickungen ermittelt, dann sind die Richter "verrückt" oder "Kommunisten".

Wie im Fall von Marcello Dell"Utri. Der Vertrauensmann Berlusconis und Senator seiner Partei "Volk der Freiheit" ist bereits 2004 in erster Instanz wegen Nähe zu Bossen der Cosa Nostra zu neun Jahren Haft verurteilt worden. Und doch sitzt er immer noch im Senat. Jetzt liegen weitere Aussagen reuiger und mit der Justiz zusammenarbeitender Bosse vor, wonach Dell"Utri der Verbindungsmann zwischen der Cosa Nostra und Berlusconi gewesen sein soll. Schwere Vorwürfe, doch die Richter sind für den Regierungschef "auf dem Holzweg".

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