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Wangen: Kodak - Bürocampus - Stadtquartier

Der Bürocampus, das ehemalige Kodak-Areal, soll zu einem völlig neuen Stadtquartier aus Wohnen, Gewerbe, Handel und Gastronomie entwickelt werden. Ein städtebaulicher Wettbewerb läuft bereits.

Wangen: Kodak - Bürocampus - Stadtquartier

Eine Fassade des Bürocampus wurde vom portugiesischen Künstlerkollektiv halfstudio gestaltet.

Dieser Tage herrscht auf dem Bürocampus Wangen, kurz BCW, weitgehend Normalbetrieb – sieht man einmal von der Baustelle Hedelfinger Straße direkt davor und gelegentlichen Umleitungs-Irrungen und -Wirrungen für Autofahrer ab. „Unter den Dächern des Campus findet man eine helle und offene Arbeitsumgebung vor. Die Büroflächen lassen sich flexibel aufteilen und als Zell- oder Gruppenbüros gestalten, wodurch eine optimale Arbeits- und Begegnungsqualität geschaffen wird”, so wird auf der Website des Eigentümers dafür geworben. Sozusagen im Hintergrund tut sich aber wirklich Großes: der Bürocampus, das frühere Kodak-Areal, soll zu einem ganz neuen Stadtquartier mit einem Mix aus Wohnungen, Gewerbe, Handel, Gastronomie und Kultur umgestaltet werden. Ein städtebaulicher Wettbewerb läuft bereits. Das Areal ist wahrlich geschichtsträchtig.

Die Kodak-Geschichte

Die Rückansicht des Areals mit dem großen Kamin. Fotos: Jürgen Brand
Die Rückansicht des Areals mit dem großen Kamin. Fotos: Jürgen Brand

Rund ein Jahrhundert lang sind Menschen, die fotografiert haben, kaum ohne Kodak ausgekommen. Oft war es vor allem eine Glaubensfrage, ob Gelegenheits-, Hobby- oder Profifotografen nun Kodak- oder Agfa-Filmen den Vorzug gaben. Der Name Kodak war früher den meisten Menschen ein Begriff. Und deswegen ist das Kodak-Areal zumindest für Foto-Enthusiasten auch so geschichtsträchtig, während jüngere Zugezogene sich fragen werden, was Kodak eigentlich mit dem Stadtbezirk Wangen zu tun hatte.

Die Geschichte ist zunächst einmal etwas kompliziert. Jost Simon hat sie für das Foto-Museum Uhingen recherchiert, auf deren Internetseite ist sie auch nachzulesen: Ausgangspunkt ist demnach die Firma Drexler & Nagel, die 1908 in Stuttgart gegründet wurde. Deren Plattenkamera namens „Contessa“ war so erfolgreich, dass Contessa schon wenig später zum Firmennamen und das Unternehmen zu einem bekannten Kamerahersteller in Deutschland wurde. 1926 schlossen sich vier Hersteller unter dem Dach von Zeiss zur Zeiss-Ikon AG mit Sitz in Dresden zusammen, das „kon” in Ikon stammte von „,Contessa“.

1927 verließen August Nagel und sein maßgeblich an den Entwicklungen beteiligter Bruder Paul Zeiss-Ikon, kauften an der Ulmer Straße in Stuttgart-Wangen eine ehemalige Werkzeugfabrik und starteten wieder mit einer eigenen Kameraproduktion. Als der damals größte Kamera- und Filmhersteller Eastman Kodak nach einem Produktionsstandort in Deutschland suchte, hob August Nagel sozusagen die Hand, wurde sich mit dem Weltunternehmen schnell handelseinig und blieb Generaldirektor. 1931 übernahm Kodak das Wangener Kamerawerk, dort wurden bis 1969 oder noch etwas länger unter anderem die Fotoapparate Kodak Retina hergestellt. So entwickelte sich die Kodak AG Stuttgart „zu einem der führenden Hersteller für Kleinbildkameras weltweit“, heißt es beim Foto-Museum Uhingen.

In den Hochzeiten beschäftigte Kodak allein in Stuttgart mehr als 4000 Mitarbeiter, die Kameras, Kopierer und Diaprojektoren herstellen. In den 1990ern begann der Niedergang. Als Eastman Kodak im Januar 2012 in den USA Gläubigerschutz beantragte, waren in der Stuttgarter Kodak-Zentrale noch 220 Mitarbeiter beschäftigt. Das Kodak-Areal selbst war bereits im Jahr 2006 an das Berliner Immobilien-Unternehmen Beos verkauft und nach und nach zum heutigen Bürocampus umgebaut worden. 2014 hatten sich bereits 27 Firmen mit rund 1000 Mitarbeitern dort angesiedelt. 2015 war der Campus voll vermietet, 30 Firmen mit mehr als 1400 Mitarbeitern waren dort ansässig, Daimler hatte sich die letzten verfügbaren Flächen gesichtert.

Der Bürocampus

Wie es im Immobilienmarkt bei solchen Großẞprojekten inzwischen üblich ist, wechselte das einstige Kodak-Areal mehrfach den Besitzer. Beos hatte nach eigenen Angaben insgesamt 53 Millionen Euro in das Areal investiert, rund 15 Millionen Euro davon in den Umbau. Laut Stuttgarter Zeitung zahlte 2018 die Firma Investcorp aus Bahrain 80 Millionen Euro für den heutigen Bürocampus.

Drei Jahre später, 2021, übernahm Art-Invest Real Estate das große Areal. Die aktuellen Flächenangaben sind auf den Seiten des heutigen Eigentümers nachzulesen: 61.500 Quadratmeter Grundstücksfläche plus 27.700 Quadratmeter Waldfläche, davon 51.300 Quadratmeter „im Bestand”, 600 Stellplätze gibt es dort.

Ideen für eine Neuordnung

Die Art-Invest Real Estate beschrieb sich bei der Übernahme selbst als „langfristig orientierter Investor, Asset Manager und Projektentwickler von Immobilien in guten Lagen mit Wertschöpfungspotenzial.“ Der Fokus liege auf den Metropolregionen Deutschland, Österreich und Großbritannien. Der neue Eigentümer beschäftigte sich früh mit den „Wertschöpfungsmöglichkeiten“ in und schrieb jetzt in Abstimmung mit der Stadt und nach Zustimmung von Bezirks- und Gemeinderat einen städtebaulichen Realisierungswettbewerb aus. In einem nicht offenen Ausschreibeverfahren wurden 20 Planungsbüros eingeladen, Ideen für eine Neuordnung des Areals zu entwickeln. Das Preisgericht soll im Juni entscheiden.

So könnte auf dem ehemaligen Kodak-Areal eines der größten neuen Stadtquartiere in Stuttgart entstehen. Im Wettbewerb wird ein Wohnanteil von mindestens 20 bis 30 Prozent dort angestrebt, das entspricht mindestens 150 neuen Wohnungen. In der Stuttgarter Zeitung hieß es Anfang des Jahres, dass dort „e in innovatives, zukunftsweisendes und sozial durchmischtes Quartier“ entstehen solle, mit Wohnungen und gewerblicher Nutzung, Kindergarten, Kultur und Gastronomie.

Die gewerbliche Nutzung soll künftig zur Hedelfinger Straße hin konzentriert werden, Wohnungen dagegen im hinteren Bereich zum Wangener Berg hin. Der Baumarkt soll auf Wunsch der Stadt erhalten bleiben, auch das ehemalige Hauptgebäude von Kodak. Der Erhalt weiterer Gebäude wird geprüft. Vorgesehen ist eine maximale Gebäudehöhe von 20 Metern, was vier bis sechs Etagen entspricht. Alle Häuser sollen nach Möglichkeit begrünt werden. Nach den Vorstellungen des Investors soll das „neue“ Kodak-Areal bereits 2030 fertig sein. 

Jürgen Brand