Von außen sieht die St.-Bonifatius-Kirche in Steinhaldenfeld aus wie immer. Wer das Gotteshaus betritt, befindet sich jedoch in einer anderen Welt. Goldene Leuchter hängen von der Decke, die Altarraum ist durch eine schmuckvolle Wand mit Ikonenbildern vom Kirchenschiff abgetrennt. Rechts üben Sänger und Sängerinnen liturgische Gesänge. Durch die offenen Türen der Ikonenwand ist der Priester bei den Vorbereitungen für den Gottesdienst zu erkennen.
Bereits seit 2017 ist die ehemals katholische St.-Bonifatius-Kirche die Heimat der bulgarisch-orthodoxen Gemeinde Stuttgart. War die Gemeinde in den ersten Jahren nur zur Miete, konnte das Gebäude 2023 schließlich gekauft werden. Es ist damit das erste eigene Kirchengebäude innerhalb der bulgarisch-orthodoxen Diözese von West- und Mitteleuropa, zu der auch Stuttgart gehört. Die Patrone der Kirche sind der Heilige Bonifatius, Kyrill und Methodii.
Ikonenbilder werden geküsst und Kerzen entzündet
Ab 9 Uhr morgens ist die Kirche jeden Sonntag zur Frühmesse geöffnet. Zu den Klängen des Chors kommen immer wieder Gläubige nach vorne zum Pfarrer, um die Beichte abzulegen. Um 10 Uhr läuten schließlich die Glocken zum Haupt-Gottesdienst. Nach und nach treffen die Gemeindemitglieder ein, die teils weite Anfahrten auf sich nehmen.

Die Messe beginnt zwischen 10 und 10.30 Uhr - je nach Dauer der Vorbereitungen. Später kommen oder früher gehen ist erlaubt. Manche Besucher halten nur kurz inne, küssen die Ikonen und zünden eine Kerze an, andere bleiben bis 12 Uhr. An diesem Sonntag im November ist etwas weniger los als sonst, denn am Tag davor wurde bereits das Fest
Zu den Hochfesten ist die Kirche voll„,an Ostern waren fast 1000 Menschen da“, berichtet Pfarrer Rayko Sinev. Zirka 10 000 bulgarisch-orthodoxe Gläubige leben in der Region, die nächsten Gemeinden sind in Mannheim und München. Wie viele Mitglieder die Stuttgarter Gemeinde hat, ist schwer zu sagen: Es gibt keine offizielle Mitgliedschaft wie bei der evangelischen oder katholischen Kirche. „Die Gemeinde ist als Verein organisiert, dieser trifft auch die Entscheidungen“, erklärt Pfarrer Rayko Sinev. Zu den Gottesdiensten könne aber jeder kommen. Wer die katholische Liturgie kennt, wird vieles wiedererkennen und auch der leichte Geruch nach Weihrauch ist vertraut. Dennoch ist einiges anders: Fast die komplette Messe einschließlich Evangelium und Lesung wird gesungen.
Gebete und Lieder auf Bulgarisch, Kirchenslawisch und Deutsch
Das meiste davon auf Bulgarisch, einiges aber auch auf Kirchenslawisch - vergleichbar mit dem Latein, das früher hierzulande verwendet wurde. Evangelium, Vater Unser und Glaubensbekenntnis werden auf Deutsch wiederholt. „Jeder soll verstehen können, worum es geht“, so Sinev. Der Familienvater studiert aktuell Theologie, arbeitet aber hauptberuflich als Ingenieur. Denn die Gemeinde finanziert sich rein aus Spenden. „Damit müssen wir die laufenden Kosten wie für Heizung oder Strom decken.“ Zudem stehen einige größere Investitionen an. „Das Dach müsste renoviert werden, und das Fundament abgedichtet.“ Auch eine neue Heizung, die weniger Energie verschlingt, steht auf der Wunschliste. Derzeit wird der Gemeindesaal unter dem Kirchenschiff hergerichtet.
Wer einmal einen bulgarisch-orthodoxen Gottesdienst besuchen will, ist jeden Sonntag ab 10 Uhr herzlich eingeladen. „Traditionell tragen Frauen ein Tuch über ihren Haaren“, erklärt Sinev eine Besonderheit.„Wir sind da aber nicht so streng.“ Auch unter den bulgarischen Besucherinnen trägt nur etwa die Hälfte ein Tuch. Auch ansonsten ist die Kleiderordnung eher locker.
Und was ist mit der katholischen St.-Bonifatius-Gemeinde passiert? Diese ist nun in der Kirche St. Thomas beheimatet, ebenfalls in Steinhaldenfeld. Dort hat übrigens auch die polnische Gemeinde Heimat gefunden. Martina Fürstenberger
Termine und Veranstaltungen
Gottesdienst: Die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde feiert sonntags ab 10 Uhr Gottesdienst. Weibne rti Am 14 Dezember lädt
Weihnachtskonzert: Am 14. Dezember lädt die Gemeinde ab 13 Uhr (nach Gottesdienst und Mittagspause) zum Weihnachtskonzert r ein.
Erscheinungsfest (Epiphanie): Am 6. Januar wird an die Taufe Jesu im Jordan erinnert. Das wird durch das Segnen und Werfen eines Kreuzes in einen Fluss gefeiert. Nach dem Gottesdienst ziehen die Gläubigen zum Max-Eyth-See.