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Beruf & Weiterbildung

Im Gespräch mit Karin Reiber: Durch nichts zu ersetzen

Kein Beruf ist so facettenreich und bietet so viele Entwicklungsmöglichkeiten wie der Pflegeberuf. Ein Forschungsprojekt gibt Anregungen zu Verbesserungsmöglichkeiten.

Im Gespräch mit Karin Reiber: Durch nichts zu ersetzen

Die menschliche Verbindung ist essenziell. Foto: Maren Beßler/Pixelio.de

„Einfache Lösungen gibt es nicht“, stellt Karin Reiber klar. Sie muss es wissen. Die Frau mit dem herzlichen Lachen kommt selbst aus der Pflege, hat mal Krankenschwester gelernt und mehrere Jahre auf unterschiedlichen Stationen gearbeitet. Heute ist sie Professorin für Erziehungswissenschaft und Berufspädagogik an der Hochschule Esslingen. 

Fünf Jahre lang hat sie den Projektverbund „ZAFH care4care“ geleitet. Das Zentrum für angewandte Forschung an Hochschulen hat sich von 2017 bis 2022 mit der Frage beschäftigt, wie es gelingt, Pflegefachkräfte zu gewinnen und den Pflegeberuf insgesamt attraktiver zu machen. Mit dem Projekt tauchten Karin Reiber und ihr Team in den Arbeitsalltag in Kliniken und Pflegeheimen ein, sprachen mit Fach- und Führungskräften, Pflegepersonal, Betriebsräten und Auszubildenden; haben Lösungsansätze entwickelt und Handlungsempfehlungen formuliert und all das auf einer Projektplattform gesammelt. 

Überraschend für das Forschungsteam: Die Pflegebranche tut schon sehr viel, um Personal zu gewinnen und zu binden. Erschreckend war jedoch, wie viel Energie die Fachkräfte darauf verwenden, eine Art Notbetrieb am Laufen zu halten. 

Der Fachkräftemangel ist – anders als etwa im Handwerk oder in der Gastronomie – nicht nur ein aktuelles Phänomen, sondern eines, das weit zurückreicht. Mindestens bis in die 90er-Jahre, als mit explodierenden Kosten plötzlich die ökonomische Seite des Gesundheitswesens in den Fokus rückte: Um zu sparen, wurden Krankenhausbetten gestrichen und vor 20 Jahren die sogenannten Fallpauschalen eingeführt. Dadurch verkürzten sich zwar tatsächlich die Krankenhausaufenthalte, zugleich nahm aber der Durchlauf an Patienten zu und damit die Arbeitsverdichtung für die Pflege. All das hat Folgen bis heute und führt dazu, dass immer mehr Pflegefachkräfte gleich der ganzen Branche den Rücken kehren. 

Das macht den Handlungsdruck groß und zugleich schwierig. Denn für jede Maßnahme braucht es letztlich wieder Personal. „Der Fachkräftemangel schiebt sich inzwischen selbst an – wie ein Perpetuum mobile“, sagt Karin Reiber und nennt als Beispiel die Anwerbung von ausländischen Fachkräften oder die Integration von zugewanderten Menschen. Beides könne hilfreich sein, aber eben nur, wenn es auch intensiv begleitet wird; etwa durch zusätzlich angestellte Pflege- oder Sozialpädagogen, die das übernehmen, was sonst das angestammte Personal zusätzlich stemmen muss. 

Lösungsansätze und Stellschrauben hat das Team dennoch ausgemacht. Die vielleicht wesentlichste liegt in der beruflichen Bildung. Genauer gesagt in einer übergreifenden Bildungsstrategie, die schon bei den Berufspraktika ansetzt und diese nicht als Last, sondern als Chance begreift. Die mit Mentoringprogrammen vor allem die Übergänge gut begleitet, von der Schule in die Ausbildung und – aus Sicht von Karin Reiber mindestens ebenso wichtig – von der Ausbildung in den Beruf. 

Bei der Attraktivität des Pflegeberufs spielen auch die Arbeitsbedingungen eine entscheidende Rolle: Pflegende sind an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr da. Gefragt sind aus Sicht des Projektteams deshalb Modelle, die das angemessen entschädigen, nicht nur finanziell, sondern in Form von Arbeitszeitausgleichen oder Lebensphasen, die von den 24/7-Einsätzen befreit sind. Zu einer angenehmen Arbeitsatmosphäre gehören aber auch Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Partizipation; all das, was mit dem Begriff „New Work“ überschrieben ist. Hier hat sich durch Fort- und Weiterbildung von Führungskräften laut Karin Reiber „schon manches getan, aber es ist auch noch viel Luft nach oben.“ Luft nach oben gebe es auch bei der Frage des Gehalts, wobei die Bezahlung in der Pflege deutlich besser sei als ihr Ruf. Potenzial, um den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, hat das Forschungsteam auch in Sachen Technik und Digitalisierung ausgemacht. Durch nichts zu ersetzen ist freilich, was Pflegende leisten und was den Beruf letztlich ausmacht: menschliche Zuwendung. Und noch etwas macht eine Pflegeausbildung in den Augen der gelernten Krankenschwester besonders: „Es gibt keinen Beruf, der so viele Facetten an Spezialisierungen und so viele Entwicklungsmöglichkeiten bietet wie der Pflegeberuf“, ist Karin Reiber überzeugt. Nicole Spiegelburg