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Schwäbisch-alemannische Fasnet In Kornwestheim: Garbenstrickle und Früchtle

Traditionelle Faschingsfiguren der Fasnet: Entstehung, Bedeutung von Masken und Häs, bäuerliche Symbolik sowie Bräuche rund um Garbenstrickle und Früchtle

Schwäbisch-alemannische Fasnet In Kornwestheim: Garbenstrickle und Früchtle

Garbenstrickle und Früchtle sind eigene Figuren beim Kornwestheimer Fasching. Foto: z, Horst Doemoetoer

1970/71 traten das „Garbenstrickle“ und das „Früchtle“ als Kornwestheimer Vertreter des schwäbisch-alemannischen Maskenwesens in der Fasnet-Zunft erstmals in Erscheinung. Aufgrund des großen Zuspruchs bildeten sie schon 1972 innerhalb der Fasnet-Zunft eine eigene Abteilung mit eigener Geschäftsordnung.

Die ersten Maskenräte dieser Abteilung waren der Friseurmeister Walter Scholz als Leiter und Maskenmeister, der Metzgermeister Helmut KornwestSchock als Häsmeister, Bankkaufmann Albert Stäudle als Batzenmeister, heims Standesbeamter Alfred Stäudle als Lautenmeister und Malermeister Günter Weber als Bautenmeister, ergänzt kurze Zeit später durch den Stadtrat Alfred Beutel als Federmeister und den Fotografen Gerd Dalferth.

Wie Masken und Häs entstanden

Die Masken und das Häs, auch Narrenkleidle genannt, nehmen Bezug auf Typisches in Kornwestheim. Sie versinnbildlichen die Fruchtbarkeit der Landschaft, die bäuerliche Klugheit und die Schläue der Bewohner im alten Flecken.

Das „Garbenstrickle“ entstand nach einer Idee des Chefredakteurs der Kornwestheimer Zeitung und Gründungsmitglied der Fasnet-Zunft Paul A. Schweizer, der seine Wurzeln in Schramberg hatte. Der Schramberger Bildhauer Siegried Schaub (19362017) entwarf und schnitze die ersten Larven. Bei der Ausführung der Figur wurde er vom damaligen Werklehrer Friedemann Mayer, auch von Harald und Rosi Linder unterstützt.

Das Garbenstrickle in seinem bäuerlichen Gewand, schwarzen Stiefeln und wuchtigen Schritten zeigt in seiner Gestalt den ursprünglichen Menschenschlag vom alten Kornwestheimer Flecken. Im oberen Teil des gelb-blauen Häs sind die Hanfstricke angebracht, die früher zum Abbinden der Getreidegarben verwendet wurden. So hat diese Narrenfigur den Namen „Garbenstrickle“ erhalten.

Aus der Tasche hängt ein buntes Schnupftuch, das es dringend braucht, wenn ihm etwas in seine freche Nase hineinsteigt. Die bübisch-knitz lachende Holzmaske (Larve) wird eingerahmt von einer wallend fallenden Haartracht aus Hanf, der das Grundmaterial aller Strickle ist. Das Gesicht der geschnitzten Maske zeigt die bäuerliche Schlauheit, wie auch die verhaltene Schadenfreude, sich es nicht anmerken zu lassen, dass man eigentlich mehr in der Tasche hat als allgemein angenommen.

Dass das Garbenstrickle über ansehnliche Kräfte verfügt, kommt im Kummet zum Ausdruck, behangen mit Kuhglocken, dass es voller Stolz trägt, um so stark zu sein wie ein Ochse, der ja vor ihm diese Glocken um den Hals hatte. Das Kornwestheimer Wappen auf seinem Hosenboden dokumentiert das Zeichen der Narrenfreiheit. In den Tagen der Freude und der Ausgelassenheit darf man sich auch mal über etwas hinwegsetzen, oder wie hier, sogar draufsetzen. Zum Häs der Figur gehörte früher neben dem jetzt getragenen Korb auch ein Büschel Weizenähren.

Beim „Früchtle“, das der Kornwestheimer Friseurmeister Walter Scholz (1929-2015) ins Leben gerufen hatte, war es eher die Absicht, eine getragene, aber doch fröhliche Narrenfigur zu schaffen. Scholz, in Sulz am Neckar aufgewachsen, war von Kindheit an mit der Fasnet verbunden. Das Schnitzen brachte er sich autodidaktisch bei. Grundlegende Kenntnis erhielt er durch den Oberndorfer Bildhauer Viktor Göhring. Mit bei der Taufe waren die Familien Gerd und Martina Dalferth sowie Siegbert und Rose Hörer, die Gefallen an der Fasnet hatten und sich unter die Maske wagten. Gemeinsam begann man den Start ins Narrenleben.

Ein Häs mit einer Vielzahl von Ähren

Zukünftig sollte Walter Scholz nicht nur die Masken der Früchtle schnitzen, sondern auch die der Garbenstrickle. Als Maskenmeister der Zunft stellte er auch ab 1984 die Masken der Krähenhexen der Freien Narrenzunft und 1996 die Einzelfigur des Tills her.

Das Früchtle trägt ein Häs aus blauem Leinen mit einem großen Kragen und gelben Rüschen an Armen, Kittelsaum und Hosenbeinen. Bemalt ist das ganze Häs mit einer Vielzahl von Ähren. Das Gehen und Hüpfen beim Früchtle gleichen der Bewegung der Ähren auf den Feldern, die sich leicht, fast elegant unter dem Wind bewegen. Es symbolisiert die Weite der Felder und die Fruchtbarkeit der Kornwestheimer Äcker. Die handgeschnitzte Larve in der korngelb gehaltenen Farbe trägt das Lächeln des verschmitzten Frohsinns. Wenn auch manchmal in einigen Gesichtszügen eine gewisse Strenge zu erkennen ist, so tritt doch das liebliche Aussehen immer zutage. Die Bedeutung der Larve ist die einerseits noch versteckte, vorsichtige, andererseits aber doch schon mehr gezeigte Freude des Menschen, besonders des Bauern, der jetzt bald seine Äcker für ein neues, fruchtbringendes Jahr bestellen kann.

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Mit dem lauten Klingen und Dröhnen der zahlreichen Schellen, die der lustige Kerl an Lederriemen über die Schulter trägt, will er die düsteren und dunklen Tage des Winters verjagen. Den Kopfschmuck hat sich das Früchtle vom Pferd ausgeliehen. In einzelnen Locken sind kleine Rosshaar-Büschel über dem Kopf angebracht. Hier soll gezeigt werden, wie der Bauer mit dem Tier zusammen die geerntete Frucht einbringt, welche sich in der Getreidegarbe wiederfindet, die über dem Knie aufgemalt ist. Das ebenfalls über dem Knie aufgemalte Kornwestheimer Wappen zeigt, dass in Kornwestheim Entscheidungen von großer Tragweite nicht übers Knie gebrochen werden.

Aktiv werden die Narren erst nach dem 6. Januar

Satzungsgemäß und strikt nach den Regeln der schwäbisch-alemannischen Fasnet treten Früchtle und Garbenstrickle traditionell erst nach dem Dreikönigstag, also dem 6. Januar in die Öffentlichkeit. Jeweils am Samstag nach Dreikönig kommen die Hästräger zum „Maskenabstauben“. Es werden die Larven und Häs aus der Truhe geholt und dem Maskenmeister zur Begutachtung vorgelegt. Symbolisch befreit der Häsmeister Narrenkleidle und Maske vom Staub, der sich seit Aschermittwoch des vergangenen Jahres angesammelt hat. Eingeweihte wissen, dass Walter Scholz, seiner Ursprungsprofession folgend, den Früchtlen auch wieder eine Haarauffrischung zukommen ließ. Das Maskenabstauben gibt auch den Anlass, um neue Mitglieder in den Kreis der Narrenfreunde aufzunehmen und denjenigen ihren Maskenbrief zu übergeben, die die übliche Probezeit absolviert haben. Zu diesem Ereignis werden befreundete Zünfte eingeladen, und es ist die erste große Veranstaltung im Jahr von Garbenstrickle und Früchtle. 

Text: Marion Schneebeli, Oberzunftmeisterin Kornwestheim Fasnet-Zunft

Info

Der Text ist ein Auszug aus dem Beitrag „Entstehung der Faschingskultur in Kornwestheim. Garbenstrickle und Früchtle werden 55“ aus „Kornwestheimer Geschichte. Beiträge 2025“, herausgegeben vom Verein für Geschichte und Heimatpflege Kornwestheim