Wie gern würde man einfach mal einen Knopf drücken und schauen, ob denn etwas passiert. Wie gern würde man den Ausschneidebogen haben, aus dem sich ein ganzer Kronleuchter mit herabhängendem Klunker zusammensetzen lässt. Doch es scheint wie ein Backrezept zu sein: das Geheimnis, das letztendlich das sinnliche Erlebnis ausmacht, wird Marion Eichmann nicht verraten.
Die gebürtige Essenerin ist in der Region Stuttgart längst keine Unbekannte mehr. In der Galerie Stihl in Waiblingen hat sie vor einigen Jahren bereits eine eigene Ausstellung gehabt. Zuletzt war in Waiblingen bei der Sonderausstellung „Ein Fest für die Augen“ ihr Bankett für die meisten Besucher und Besucherinnen das Highlight. Kaum zu glauben, dass Marion Eichmann alles aus Papier macht – und das in einer Zeit, in der der Holzfaserstoff vielleicht schon bald als Relikt gilt. Für die Berliner Künstlerin ist Papier nicht nur ein Träger von Bildinhalten, sondern es ist die Grundlage ihrer künstlerischen Arbeit und Mittel, um die alltägliche Umwelt neu zu betrachten.
Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen
Jetzt präsentiert auch das Kleihues in Kornwestheim vom 7. Februar bis 5. Juli Eichmanns fabelhafte Welt aus Papier. Die Einzelausstellung „The Paper Code“ ist eine umfangreiche Werkschau und versammelt Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensphasen. Farbintensive Collagen, reliefartige Wandarbeiten und raumgreifende Installationen führen in eine Alltagswelt aus urbanen Räumen und alltäglichen Objekten. Zu sehen sein werden sportliche Autos, Waschmaschinen, Abfalltonnen oder sanitäre Motive.
Ausgangspunkt von Eichmanns Arbeiten sind genaue Zeichnungen alltäglicher Dinge, die sie in Collagen und Papierarbeiten überführt. In der Ausstellung sind unter anderem großformatige Werke wie „Porsche 911“, „Gelbe Tonne“ oder „WC“ zu sehen. Die Motive stammen aus unterschiedlichen Bereichen des Alltags, die im allgemeinen Kunstverständnis als nicht bildwürdig erachtet werden würden. Durch diesen humorvollen Blick auf unsere Umwelt und die präzise Formgebung sind die Werke miteinander verbunden und verwandeln die Ausstellung in ein Fest des Staunens. In ihrer Arbeit mit Messer, Schere und Papier knüpft Marion Eichmann zugleich an bekannte Positionen der Kunstgeschichte an. Die Konzentration auf Alltagsgegenstände, kräftige Farben und klare Formen lässt Bezüge zur Pop Art erkennen, etwa zu Andy Warhol oder Tom Wesselmann, ebenso zum sachlichen Realismus.
Besonders präsent in der Ausstellung in Kornwestheim ist die Installation „Laundromat“. Waschmaschinen und Trockner werden hier nicht nur als einzelne Arbeiten gezeigt, sondern zu einer zusammenhängenden Rauminstallation verbunden. Der Waschsalon wird zu einem begehbaren Raum, der an alltägliche Orte in der Stadt erinnert. Durch die Umsetzung in Papier wirken die Maschinen zugleich realistisch und künstlich. Form, Anordnung und farbige Gestaltung rücken in den Vordergrund, während ihre eigentliche Funktion zurücktritt. Die reliefhaften Collage-Elemente machen Vorder- und Hintergrund zu einer visuellen Herausforderung für die Betrachtenden und zeigen zugleich, mit welcher Akribie sich Marion Eichmann diese Spielfläche zu eigen macht.
Über sich selbst sagt Eichmann: „Ich muss immer das Gefühl haben, dass etwas unmöglich ist.“ Einen bewussten Kontrast zum begehbaren Waschsalon bilden die großformatigen Blumenstillleben. Anders als die klar strukturierten technischen Objekte stehen hier organische Formen und fließende Linien im Mittelpunkt. Als gestalterisches Mittel nutzt Eichmann dabei die Verdoppelung der Linien, die sie partiell auf die Zeichnung aufklebt und diese so plastisch hervorhebt. Auch die Blumen sind aus Papier gearbeitet und zeichnen sich durch starke Farbflächen sowie eine dichte Anordnung aus.
Impulse durch Auslandsaufenthalte bekommen
Marion Eichmann studierte von 1996 bis 2002 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Bereits ihre frühen Arbeiten waren als Raumcollagen angelegt. Wichtige Impulse für ihr Werk erhielt sie durch Auslandsaufenthalte, unter anderem in Tokio im Rahmen eines DAAD-Stipendiums sowie in New York und Istanbul, wo Zeichnungen von Stadtansichten entstanden, die sie später zu großformatigen Collagen und Installationen weiterentwickelte. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt und sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. 2021 wurde sie vom Kunstbeirat des Deutschen Bundestages mit einem umfangreichen Kunstprojekt beauftragt, das im Reichstagsgebäude und später in Brüssel ausgestellt wurde.
pm/red
Sonderausstellung
Das Museum im Kleihues-Bau Kornwestheim zeigt vom 7. Februar bis 5. Juli „The Paper Code“. Es gibt zahlreiche Führungen rund um die Sonderschau sowie ein vielfältiges Rahmenprogramm. Die Künstlerin Marion Eichmann wird bei der Vernissage, bei der Finissage und einem weiterem Termin anwesend sein. Außerdem gibt es Workshops für Kinder. Mehr Infos findet man unter www.museum-kleihues-bau.kornwestheim.de. Am Freitag, 23. Januar, 18 Uhr, heißt es übrigens „Nachts im Museum“ – eine Märchenführung mit Xenia Busam, ein Begleitprogramm für Kinder ab sieben Jahren zur aktuellen Ausstellung „Ideale Linien. Werbegrafik der 50er und 60er Jahre von Otto Glaser, Lilo Rasch-Naegele und Franz Weiss“. Man kann sich für den Termin über die Homepage anmelden. Für Erwachsene beträgt der Eintritt sechs, für Kinder acht Euro.
red