Wie wichtig Krebsvorsorge sein kann, zeigt das Beispiel von Wolfgang Krauss (Name von der Redaktion geändert), 53 Jahre alt. „Man geht doch nur zum Arzt, wenn man krank ist“, sagt er. Das ist ein Satz, den viele unterschreiben würden und der für Wolfgang Krauss beinahe fatale Folgen gehabt hätte. Nur auf Drängen seiner Frau ließ er sich zur Vorsorge überreden. Bei der Darmspiegelung entdeckten die Ärzte dann etwas im Darm "was da nicht hingehört". Sie diagnostizierten ein sogenanntes Rektumkarzinom im frühen Stadium und konnten es rechtzeitig behandeln. Krauss hatte Glück, doch viele Betroffene erfahren erst viel zu spät von einer Darmkrebserkrankung.
Darmkrebs gehört zu den häufigsten Tumorerkrankungen in Deutschland. Bei Frauen ist er die zweithäufigste, bei Männern die dritthäufigste Krebsart. Jedes Jahr erkranken rund 55.000 Menschen, etwa 23.000 sterben daran. Viele dieser Fälle wären Experten zufolge vermeidbar, denn Darmkrebs entwickelt sich fast immer sehr langsam aus zunächst gutartigen Polypen. Diese kleinen Wucherungen im Darm bleiben oft harmlos, manche wachsen jedoch über Jahre hinweg weiter und können sich schließlich zu bösartigen Tumoren verändern. Genau darin liegt die große Chance der Vorsorge: Wird ein Polyp früh entdeckt, kann er entfernt werden, bevor er gefährlich wird.
Einheitliche Vorsorge ab 50
Blut im Stuhl, anhaltende Bauchschmerzen, Gewichtsverlust oder Blutarmut - Darmkrebs macht sich häufig erst bemerkbar, wenn er schon weit fortgeschritten ist. In vielen Fällen haben Betroffene über lange Zeit überhaupt keine Beschwerden. Da das Risiko für eine Erkrankung mit zunehmendem Alter steigt, sollten Menschen ab 50 Jahren an einer Vorsorgeuntersuchung beispielsweise in Form einer Darmspiegelung, also einer Koloskopie, teilnehmen. Wer familiär vorbelastet ist oder an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung leidet, hat ein erhöhtes Risiko.
In solchen Fällen können Vorsorgeuntersuchungen schon vor dem 50. Geburtstag sinnvoll sein.
Seit dem letzten Jahr ist die Darmkrebsvorsorge in Deutschland einheitlich für Frauen und Männer geregelt, sie haben ab dem 50. Geburtstag die gleichen Ansprüche. Gesetzlich Versicherte können zweimal im Abstand von zehn Jahren eine Darmspiegelung durchführen lassen oder sich alternativ alle zwei Jahre für einen immunologischen Stuhltest entscheiden. Zusätzlich besteht ab 50 ein einmaliger Anspruch auf eine ausführliche Beratung in der Arztpraxis. Wer sich nach der ersten Darmspiegelung gegen eine zweite entscheidet, kann stattdessen Stuhltests nutzen. Ist das Ergebnis auffällig, besteht immer Anspruch auf eine Darmspiegelung zur Abklärung.
Zwei Wege der Früherkennung
Der Stuhltest ist der niedrigschwelligste Einstieg in die Vorsorge. Er ist zuhause durchführbar und erfordert nur eine kleine Probe, die man in der Arztpraxis abgibt. "Der immunologische Stuhltest ist einfach, aber sensitiv genug, um Blut im Stuhl zu erkennen, das von kleinen Tumoren oder Adenomen stammen kann", erklärt Professor Leopold Ludwig, stellvertretender Vorsitzender des Bundes niedergelassener Gastroenterologen (bng). Der Test eigne sich für Menschen, die Hemmungen vor einer Darmspiegelung haben. Er muss regelmäßig wiederholt werden und ein auffälliges Ergebnis sollte immer durch eine Koloskopie abgeklärt werden.
Die Darmspiegelung gilt Experten zufolge als Goldstandard der Darmkrebsvorsorge. Sie dauert zirka 30 Minuten und kann auf Wunsch in Kurznarkose erfolgen. Bei der Untersuchung wird der gesamte Dickdarm mit einem flexiblen Endoskop betrachtet. "Die Koloskopie erkennt nicht nur frühe Tumoren - sie verhindert aktiv Krebs, weil wir Polypen direkt während der Untersuchung schmerzfrei und risikoarm entfernen können", sagt Professorin Ulrike Denzer, Leiterin der Sektion Endoskopie der Klinik für Gastroenterologie, Stoffwechsel und klinische Infektiologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg.
Aktuelle Leitlinien belegen, dass sich durch eine Koloskopie das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, um 80 Prozent senken lässt. Dennoch nehmen aktuell nur 20 Prozent der Berechtigten das Angebot in Anspruch - aus Unwissenheit, aus Scham oder aus Angst vor der Untersuchung. Darmkrebs gilt nach wie vor als Tabuthema und die Vorstellung einer Darmspiegelung wirkt auf viele abschreckend. Dabei ist es meist nicht die Untersuchung selbst, die Sorgen bereitet, sondern die Vorbereitung.
Das Abführen im Vorfeld empfinden viele als den unangenehmsten Teil der gesamten Prozedur. Doch wer diese Hürde überwindet, gewinnt an Sicherheit für die nächsten Jahre. "Wir müssen die Menschen motivieren - die beste Methode ist immer die, die tatsächlich gemacht wird“, betont Professorin Birgit Terjung, Mediensprecherin der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. "Darmkrebs entwickelt sich über Jahre. Die Früherkennung gibt uns die Chance, rechtzeitig zu handeln - ob per Test oder Koloskopie."
Moderne Behandlungsmöglichkeiten
Wird Darmkrebs früh erkannt, sind die Heilungschancen gut. Welche Behandlung infrage kommt, hängt vom Tumortyp, seiner Ausbreitung und dem allgemeinen Gesundheitszustand ab. Im Mittelpunkt steht meist die Operation: Bei Dickdarmkrebs wird der betroffene Darmabschnitt entfernt und die gesunden Enden verbunden. Kleine, oberflächliche Tumoren können in einigen Fällen auch endoskopisch abgetragen werden. Bei Enddarmkrebs ist der Eingriff komplexer, da der Tumor im engen Beckenraum liegt. Ziel ist immer, den Schließmuskel zu erhalten. Ist der Tumor sehr tief gelegen, kann vorübergehend ein künstlicher Darmausgang nötig sein.
Häufig wird die Operation durch weitere Therapien ergänzt. Eine Chemotherapie kann vor oder nach dem Eingriff eingesetzt werden, um Tumorreste zu bekämpfen und Rückfälle zu verhindern. Bei Enddarmkrebs kommt zumeist eine Strahlenoder kombinierte Radiochemotherapie hinzu, die den Tumor verkleinern und eine schonende Operation erleichtern soll. Moderne Verfahren wie Immuntherapien spielen vor allem bei fortgeschrittenen Stadien eine Rolle, indem sie gezielt in Wachstumsprozesse eingreifen oder das Immunsystem aktivieren. Zunehmend werden auch robotergestützte Operationstechniken genutzt: Sie ermöglichen besonders präzises Arbeiten auf engem Raum und können helfen, Nerven und Kontinenz zu erhalten.
Von Brigitte Bonder
Darmkrebsvorsorge auf einen Blick
Ab wann? Ab 50 Jahren haben Frauen und Männer die gleichen Ansprüche auf Vorsorge. Welche Untersuchungen gibt es?
• Darmspiegelung (Koloskopie): Zweimal möglich, jeweils im Abstand von zehn Jahren. Polypen können dabei sofort entfernt werden.
• Immunologischer Stuhltest (iFOBT): Alle zwei Jahre möglich. Einfach zu Hause durchführbar.
Was passiert bei einem auffälligen Stuhltest? Immer folgt eine Darmspiegelung zur Abklärung.
Warum ist Vorsorge so wichtig?
Darmkrebs entsteht meist langsam aus gutartigen Polypen. Werden diese früh entdeckt, können sie rechtzeitig entfernt werden.
Wer sollte früher zur Vorsorge? Menschen mit familiärer Vorbelastung oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sollten das mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen.
Wo gibt es den Stuhltest? In Hausarztpraxen sowie bei Gynäkologen, Urologen oder Internisten.
brbo