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„Es war fast, als wäre sie schon tot“

„Es war fast, als wäre sie schon tot“

Leben im Wachkoma: Wie lebt es sich, wenn die eigene Mutter in ein Wachkoma fällt und nicht mehr aufwacht? Ein betroffener Sohn erzählt von dieser nur sehr schwer aushaltbaren Situation, die sein Leben abrupt veränderte. 

Alicia Atexinger

Alicia Atexinger

An den 19. Dezember 2004 kann sich Tom*, damals 17 Jahre alt, gut erinnern. Das Freundschaftsspiel Deutschland gegen Südkorea. Der weihnachtliche Geruch von Gänsebraten. Dann das heftige Schnaufen seiner Mutter. Die Sirenen des Krankenwagens. Die ungewohnte Stille und die um sich greifende Angst, geteilt mit seinem jüngeren Bruder. An diesem Tag hatte er zum letzten Mal mit seiner Mutter sprechen können.

Nach einer 12-stündigen Notoperation bekam die Familie die erste Diagnose: Sie sei stabil und vorerst in ein künstliches Koma versetzt worden. Ursächlich dafür waren eine Hirnblutung und eine daraus resultierende Hirnquetschung. Man müsse seine Mutter einige Wochen beobachten und warten. „Es waren sehr harte Wochen“, erzählt Tom, heute 36 Jahre alt, im Interview. „Der Schock saß tief, ich fühlte mich hilflos und rauchte eine Zigarette nach der anderen, um mich zu beruhigen.“

In der Hoffnung auf Besserung verlegte man die Mutter in eine Spezialklinik nach Neresheim. Sie wurde aus dem künstlichen Koma geholt und verfiel in den Zustand des Wachkomas. Doch auch hier konnte man trotz der vorhandenen Fachkompetenz keine größeren Fortschritte erzielen.

Im Mai 2005 bat der Chefarzt Tom und seinen Vater zu einem langen Gespräch. Die Familie müsse sich damit abfinden, dass sie nicht mehr aufwachen würde, und solle sich um einen Pflegeplatz bemühen. Diese Nachricht traf die beiden hart. Tom erinnert sich, wie sie während der Heimfahrt auf einem Autobahnparkplatz halten mussten, weil sein Vater zu weinen begann.

„Ursachen für ein Wachkoma sind Hirnverletzungen, die vererbt werden können, aber auch bei Unfällen oder spontan entstehen“, so die Hannelore Kohl Stiftung, die sich für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems einsetzt. „Die Anzahl der Patienten im Wachkoma in Deutschland ist schwer zu definieren.“

Glücklicherweise fand die Familie zeitnah einen Pflegeplatz auf einer Wachkoma-Station in unmittelbarer Nähe. So konnte die Familie regelmäßig die Mutter besuchen. Während der Vater über all die Jahre jeden Tag ins Pflegeheim kam, wurden die Besuche der Söhne immer unregelmäßiger.

Das beschreibt Tom als eine Art Verdrängungsmechanismus. In der Anfangsphase war er oft gereizt, suchte unnötig Streit und kompensierte seine Gefühle in häufigem Alkoholkonsum. Die Besuche waren für ihn oft unaushaltbar. „Sie liegt einfach da, bewegt sich zufällig und hat die Augen offen. Sie reagiert allerdings nicht auf einen, und es fühlt sich an, als schaue sie durch einen hindurch“, erzählt Tom weiter. Aufgrund seines schlechten Gewissens sieht er seine Mutter dennoch. „Die eigene Mutter ist da, aber irgendwie auch nicht. Man fühlt sich wie ein schlechter Sohn, wenn man sie nicht besucht. Aber vor Ort fühlt man sich blöd, weil man so hilflos ist und sogar Angst davor hat, seine eigene Mutter anzufassen.“

Nach über 14 Jahren im Wachkoma verstarb seine Mutter trotz allem unerwartet. Tom wusste nur von einer leichten Erkältung. Doch schwächelte ihr Immunsystem seit Langem, und auch aufgrund des Knochenschwundes war sie anfälliger für Infekte. Die Nachricht von ihrem Tod erhielt er an einem Sonntagmorgen. Der Schock saß tief, und er weinte unter der Dusche, kurz bevor er sich auf den Weg zu seinem Vater machte. Dieser war am Ende seiner Kräfte und froh über Toms Hilfe, der mit den Ärzten sprach und die Bestattung regelte.

Es stellt sich die Frage, warum seine Mutter über ein Jahrzehnt in diesem Zustand ausharren musste. „Bereits nach der Hälfte der Zeit dachten wir realistisch über Sterbehilfe nach“, erinnert sich Tom. „Dies war rechtlich leider nicht möglich, da keine Patientenverfügung vorlag.“

*Name von der Redaktion geändert

Patientenverfügung?

Die Hannelore Kohl Stiftung bestätigt, dass ein Patient laut Gesetz am Leben gehalten werden muss, wenn keine Patientenverfügung vorliegt. Der Appell der Stiftung lautet, sich frühzeitig damit zu beschäftigen.

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