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Das letzte Bild 

Das letzte Bild 

Tilly-Projekt: Wenn sich das Leben eines Haustieres dem Ende zuneigt, können Fotos dabei helfen, die letzten Momente einzufrieren. Lena Rausch, Fotografin und Jägerin, erzählt vom Tilly-Projekt und warum sie Abschiedsbilder von Haustieren macht.

Fabienne Borchers

Fabienne Borchers

Der Napf bleibt leer, das Haus ist still. Wo vor einer Woche noch ein Hund gelegen hat, ruht nun eine unberührte Decke. Die Haustür öffnet sich, doch niemand wartet.

Lena Rausch kennt die Trauer, die mit dem Verlust eines Haustieres verbunden ist. Als bei dem Hund ihrer Arbeitskollegin eine schwer zu behandelnde Schilddrüsenkrankheit diagnostiziert wurde, befürchtete sie, dass sein kurzes Leben sich bereits dem Ende zuneigt. „Auch wenn es keiner so richtig gesagt hat, waren wir uns eigentlich alle ziemlich bilder, die dann - Gott sei Dank keine Abschiedsbilder geworden sind“, erklärt die Studentin. Durch Zufall erfuhr sie später vom Tilly-Projekt und entdeckte die End-of-Life-Fotografie. Die Non-Profit-Organisation aus Amerika hat sich zum Ziel gesetzt, Fotograf:innen, die diesen Service anbieten, weltweit mit Tierbesitzer:innen in Verbindung zu bringen. Rausch registriert sich als Fotografin auf der Website des Projekts, um ihre Dienste in ganz Deutschland anzubieten.

Wenn Halter:innen ein solches Shooting bei ihr buchen wollen, wird sie meistens über Instagram oder ihre Website kontaktiert. Darauf folgen eine Terminabsprache und eine Unterhaltung, in der Lena Rausch die wichtigsten Informationen klären kann. Dabei werden zum Beispiel auch Rituale zwischen Haustier und Besitzer:innen erfragt, die als Bildmotiv und Erinnerung zugleich dienen können. Thematisiert wird aber auch, ob es Wünsche gibt, was nicht auf den Bildern zu sehen sein soll. Wenn Besitzer:innen zum Beispiel nicht wollen, dass eine Operationsnarbe auf den Bildern verewigt wird, dann kann Lena beim Fotografieren darauf achten oder im Anschluss mit Photoshop nachhelfen. Für das Fotografieren der Bilder nimmt sich Lena Rausch den ganzen Tag Zeit für die Tiere und beeilt sich auch mit der Bearbeitung, um die Fotos möglichst noch am gleichen Tag an die Halter:innen zu verschicken. Das ist ihr wichtig, damit die Besitzer:innen die Bilder schon haben, bevor das Tier tatsächlich verstirbt.

Die Shootings führt die Tierliebhaberin kostenlos durch. Nur die Fahrtkosten werden von den Halter:innen erstattet. Als Fotografin finde ich es schade, dass Erinnerungen einen Preis haben“, erklärt sie, aber als Studentin weiß sie, dass sich nicht jede:r Tierbesitzer:in ein Fotoshooting für dreihundert Euro leisten kann. Sie will, dass die Abschiedsbilder für jede:n zugänglich sind, versteht aber auch, dass einige selbstständige Fotograf:innen sich das nicht leisten können. Für Lena Rausch ist es ebenfalls keine Voraussetzung, dass das Tier bereits todkrank ist. Sie macht die Abschiedsbilder auch vorausschauend für alte Tiere, deren Lebenserwartung nahezu schon erreicht ist. Diese sehr großzügigen Regeln hat die Studentin selbst festgelegt, sie gelten aber nicht für alle Fotograf:innen des Tilly-Projekts. Die gemeinnützige Organisation bietet den Rahmen, um Tierbesitzer:innen und Fotograf:innen zusammenzubringen allerdings darf jeder Fotografierende selbst entscheiden, ob die Shootings etwas kosten und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen.

Diese Tage sind auch für die Fotografın sehr emotional, aber eben nicht nur traurig. Sie beschreibt die anfängliche Situation als bedrückt, weil die Anwesenden wissen, dass der Grund für das Treffen kein schöner ist. „Es ist eine Erinnerung, und deswegen finde ich es auch so gut und wichtig, dass es keine traurigen Tage sind, weil dann dieses Bild allein schon mit einer schönen Erinnerung verknüpft ist“, schildert sie. Dank der Chance für die Besitzer:innen ausgiebig über das Tier zu sprechen, kommen auch positive Gefühle auf. „Die Menschen an sich sind verschieden, aber sie werden alle gleich, wenn sie über ihr Tier reden. Ihr Tier ist natürlich das beste, das jemals auf der Erde sein wird.“ Allerdings hat nicht jeder das Bedürfnis, Bilder mit seinem kranken Tier zu machen, erklärt sie. „Weil das die Erinnerungen auch ein bisschen trübt, weil das Tier eben nicht nur die Krankheit der letzten Wochen, Monate - oder wie lange auch immer - war, sondern das Tier war ja viel mehr.“

Durch ihre Tätigkeit als Jägerin hat sie einen anderen Zugang zu dem Thema als jemand, der sich nicht so oft mit dem Tod befasst - weil sie gezwungen ist, sich damit auseinanderzusetzen. „Als Jäger:in hat man noch mal mehr mit dem Tod zu tun, weil man ja auch selbst die Entscheidung trifft, ob man ein Leben beendet oder nicht. Das kann sehr viele Gründe haben. Wahrscheinlich viele, die Leute mehr oder weniger nachvollziehen können“, bemerkt die Fotografin. „Das Schlimme ist auch, dass man irgendwann erkennen muss, dass die Natur, was den Tod angeht, auch nicht unbedingt so fair ist. Ein Tod in der Natur ist in den allerwenigsten Fällen so friedlich und schön, wie man sich das wünscht.“

Das Sterben eines Haustiers oder das eines Wildtiers sind für sie jedoch zwei verschiedene Szenarien. „Wenn du nach einem Wildunfall ein Reh daliegen hast, das quasi schon am Sterben ist..., da stellen sich keine Fragen“, erklärt sie. „An einem Haustier hängen viel mehr Emotionen. Das ist ja nicht nur ein Tier, sondern dein Tier.“ Sie hält es für besonders wichtig, sich Gedanken über das Ableben eines Haustiers zu machen, bevor eine akute Entscheidung droht. „Wenn du dein Tier liebst, dann musst du dich mit dem Tod auseinandersetzen“, begründet die junge Frau. „Jeder muss für sich wissen, was er vom Herzen aus entscheiden würde und nicht in dem Moment, wenn es so ist,  – im schlimmsten Fall - vom Geldbeutel aus.“

Lena Rausch weiß auch aus eigener Erfahrung, dass es nicht nur alte Tiere sind, die sterben können. Als der Dackelwelpe ihrer Mutter krank wurde und ein paar Tage nach seinem ersten Geburtstag eingeschläfert werden musste, war das für sie ein Schock. „Du wusstet, das ist ein todkranker Hund, aber sie war so fit und voller Leben und glücklich, dass es noch schlimmer war.“ Deshalb betont sie auch, dass man nicht erst an Erinnerungen denken sollte, wenn die Zeit knapp wird.

Dass Lena Rausch ihre Dienste irgendwann nicht mehr für das Tilly-Projekt zur Verfügung stellt, ist für sie undenkbar. „Es ist schön, jemandem Erinnerungen zu geben, und deswegen mache ich das auch nicht für Geld. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich damit aufhöre, einfach, weil es so viel wert ist.“

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