Die VfB-Fans feiern sich und die Mannschaft. Foto: Baumann

Bester Zuschauerzuspruch der Zweitliga-Geschichte und nebenbei ein Mitgliederrekord: Ein Fanforscher erklärt, warum die Zweitliga-Spiele des VfB Stuttgart wahre Völkerwanderungen ausgelöst haben.

Stuttgart - Wenn der Star die Mannschaft ist, dann standen im Meisterteam des VfB Stuttgart in dieser Saison zwölf Spieler auf dem Feld. Denn was die Zuschauer in dieser Zweitliga-Spielzeit ihrer Mannschaft an Unterstützung entgegenbrachten, war erstklassig. Mindestens. 55 000 an einem kalten November-Sonntag gegen Bielefeld. 18 000 bei einem Auswärtsspiel in Nürnberg. Eigentlich unvorstellbar. Aber doch Realität. „Wir haben das sehr genossen“, sagt der Trainer Hannes Wolf.

Mit einem Schnitt von 50 700 beendet der VfB seine erste Zweitligasaison seit 41 Jahren. Wer weiß, um wie viel höher der Zuspruch gelegen hätte, wären die Stuttgarter nicht so oft an einem Montagabend angetreten. Stattdessen öfter mal an einem Samstagnachmittag. Doch der traditionelle Fußballtag fiel in dieser Spielzeit vollständig aus dem Heimspiel-Kalender.

Aber auch so erreichte der VfB den besten Zuschauerzuspruch der Zweitliga-Geschichte und hat nebenbei auch noch einen Mitgliederrekord aufgestellt (52 000). „Wer weiß, ob es das je wieder geben wird“, fragt sich Stürmer Daniel Ginczek, dem die Fans nach seiner Leidenszeit besondere Zuneigung entgegenbrachten. Im heimischen Stadion genauso wie auswärts. Die Trips an entlegene Orte wie Aue oder zu immer noch heiligen Stätten des Fußballs wie dem Kaiserslauterer Betzenberg glichen für die Fans einer Abenteurreise. Für viele zählten sie sogar zu den Höhepunkten der Saison.

Der hohe Leidensdruck

Fragt man den Fan-Forscher nach den Ursachen für diese Massenbewegung, muss er nicht lange überlegen: „Nach dem Abstieg war der Leidensdruck in Stuttgart hoch, jeder wollte, dass es sofort wieder hoch geht und seinen Teil dazu beitragen“, antwortet Gunter A. Pilz. Der Sportsoziologe muss auch keine Tiefenanalyse betreiben, um zu dem Schluss zu kommen: „Hätte sich in Stuttgart kein Erfolg eingestellt, wären die Fans auch ganz schnell weggeblieben.“ Spätestens in einem weiteren Jahr zweite Liga.

Im Video sehen Sie den Rückblick auf den großen Aufsstiegstag des VfB Stuttgart:

Der gemeine VfB-Fan ist also nichts anderes als ein ganz gewöhnlicher Erfolgs-Fan? „So kann man das sehen“, meint Pilz nüchtern. Ihm fallen nur zwei Standorte ein, wo die Hütte seiner Meinung nach immer, immer voll sein wird: München und Dortmund. Für den Experten ist weniger die viel beschworene Liebe zum Verein die eigentliche Triebfeder des Stadionbesuchs, sondern die Erhöhung des eigenen Selbstwertgefühls: Eben durch Erfolg. Ob erste oder zweite Liga, ist dabei gar nicht entscheidend – zumindest für einen begrenzten Zeitraum nicht.

Sehen Sie hier, wie die VfB-Profis den Aufstieg auf Ibiza feiern!

Vor dem Hintergrund dieser Expertise erscheint auch der Platzsturm nach dem Saisonfinale gegen die Würzburger Kickers in einem anderen Licht. Mag sein, dass er bei manchen einem spontanen Gefühlsausbruch folgte. Für viele andere, das zeigt die ausgiebige Bilder-Schau im Internet, stand jedoch das Event im Vordergrund – oder die Frage: Wer liefert das beste Selfie mit abgebrochenem Torpfosten?

Wenn sich jemand zurecht dem Vorwurf des Event- und Erfolgsfans widersetzt, dann sind es die Ultras. Sie haben ihrer Mannschaft im Laufe der Saison den nötigen Rückhalt erwiesen, auch wenn es mal nicht so gut lief. Glorifizieren wollen sie die mit der Zweitliga-Meisterschaft beendete Spielzeit aber nicht. Für die Ultras des „Schwabensturms“ hat ihr Herzensclub nur einen Betriebsunfall repariert. Mehr nicht.

Eine differenzierte Bewertung

„Es war die schlichte Pflicht dieser Mannschaft, die Leistung der vergangenen Saison gerade zu rücken. Letztendlich wurde schlicht und ergreifend das Minimalziel Aufstieg erreicht“, heißt es kritisch. So hingebungsvoll, wie die Hardcore-Fans ihre Mannschaft unterstützten, so differenziert bewerten sie den Aufstieg im größeren Kontext des stolzen Traditionsvereins: Richtig, am Ende zählt das nackte Ergebnis. Sicher werden einige nun denken, ist doch egal, wir steigen auf. Alles gut! „Aber seien wir ehrlich: Hat eine solche Einstellung nicht erst die Abwärtsspirale der letzten Jahre begünstigt?“ bilanziert der „Schwabensturm“ „Nein, ein Erfolg war diese Saison nicht!“

In der geplanten Ausgliederung, über die von den Mitgliedern am 1. Juni abgestimmt wird, sieht Fan-Forscher Pilz ordentlich Konfliktpotenzial. „Das wird nachhaltig für Unruhe sorgen“, glaubt Pilz; ganz gleich, ob der VfB künftig als AG oder weiter als Verein firmiert. Die fortschreitende Kommerzialisierung drohe vielerorts zu einer Entzweiung zwischen Anhängern und Verein zu führen. Oder zu einem Auseinanderdriften der Fan-Szene. Hannover 96 etwa stünde angesichts der beabsichtigten Aufkündigung der 50+1-Regel ein „Riesen-Konflikt“ bevor, prophezeit der Experte.

In Stuttgart wird es seiner Meinung nach darauf ankommen, wie die Vereinsführung ihr Vorhaben einer Fußball-AG gegenüber den Mitgliedern verkauft. Nicht jede Aktion im Vorfeld war besonders glücklich gewählt, man denke nur an die versprochenen Gratis-Trikots bei der Mitgliederversammlung.„Die Fans sind nicht blöd“, sagt Pilz.

Aber im Moment noch reichlich beseelt vom Aufstieg. Am Tag danach quoll das Postfach des Vereins über. Es stapeln sich die neuen Mitgliedsanträge.

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