Jeder Bundesbürger wirft im Schnitt 75 Kilo an Lebensmitteln im Jahr weg. Foto: dpa/Patrick Pleul

Es sind die Endverbraucher, die die meisten Nahrungsmittel wegwerfen – doch genau sie sind schwer zu erreichen. Das Land wirbt jetzt in einer Aktionswoche für mehr Sensibilität.

Stuttgart - Am Ende war von Agrarminister Peter Hauk (CDU) sogar ein kleines Bekenntnis zu hören: Bei ihm liege Käse manchmal vier Monate im Kühlschrank, sagte er jetzt bei einer Onlineveranstaltung zum Thema Lebensmittelverschwendung: „Und in neun von zehn Fällen kann ich ihn dann noch essen.“

 

So vorbildlich sind leider die meisten Menschen nicht: Nach einer häufig zitierten Studie des Thünen-Instituts und der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2019 entsorgt jeder Bundesbürger 75 Kilo an eigentlich noch genießbaren Lebensmitteln pro Jahr – das macht, wenn man die Verluste in der Produktion und im Handel mitrechnet, zwölf Millionen Tonnen allein in Deutschland, vor allem Obst und Gemüse, die Reste von Selbstgekochtem sowie Brot. Laut einer etwas älteren Analyse des WWF sind es sogar 18 Millionen Tonnen.

Die politischen Ziele sind gut, ihr Erfolg aber kaum zu überprüfen

Seit etwa zehn Jahren sei aber zum Glück einiges in Bewegung geraten, sagte der Regisseur Valentin Thurn in der Podiumsdiskussion – er hat 2011 mit seinem verstörenden Film „Taste the waste“ (Schmecke den Abfall) dazu einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet. So hat die EU das Ziel ausgerufen, bis 2030 die Menge an verschwendeten Lebensmitteln zu halbieren. Das Land Baden-Württemberg hat 2018 einen Maßnahmenplan aufgelegt, der Bund zog 2019 mit einer nationalen Strategie nach.

Lesen Sie aus unserem Angebot: 15 Tipps für den Endverbraucher

Und tatsächlich gibt es Erfolge. Das Land tut mit Modellprojekten und Aktionstagen viel dafür, dass in Kantinen, Großküchen und Schulmensen nicht mehr so viel weggeworfen wird. Und der Einzelhandel hat selbst ein ureigenes Interesse daran, dass er möglichst wenige eingekaufte Produkte entsorgen muss. Manche Supermärkte würden sogar Wetter-Apps einsetzen, um vorher einschätzen zu können, wie viele Kunden heute voraussichtlich kämen, sagte Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg. Tatsächlich haben viele Supermarktketten längst eigene Ziele festgelegt. Wie gut die Maßnahmen der Politik und des Handels aber wirken, weiß niemand so genau: Es gibt kaum Daten zu den Abfallmengen und schon gar keine Zahlen zu der Entwicklung in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg.

Die Debatte um das Mindesthaltbarkeitsdatum schwelt seit Jahren

Das eigentliche Problem sind laut der genannten Studie mittlerweile die Endverbraucher: Während der Handel lediglich für vier Prozent des Lebensmittelabfalls verantwortlich ist, sind es zu 52 Prozent die Bürger selbst. Und da wird es schwierig. Man könne nur aufklären und sensibilisieren, meinte Agrarminister Peter Hauk – und das ist auch das Ziel der Aktionswoche, die derzeit digital und mit Präsenzveranstaltungen läuft. Dieser Einschätzung widersprach Valentin Thurn. Zum Beispiel sei das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum oft kontraproduktiv – Befragungen zeigten, dass viele Produkte nach dem Ablauf unbesehen weggeworfen werden, obwohl die Waren noch gut sind. Er plädierte für eine neue Regelung und für eine klarere Unterscheidung zwischen einem fixen „Verbrauchsdatum“ (danach kann das Lebensmittel tatsächlich krank machen) und einem Mindesthaltbarkeitsdatum, das lediglich anzeige, bis wann ein Hersteller die einwandfreie Qualität seines Produktes garantiere. Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelverbandes plädierte für einen neuen Begriff, etwa „Qualitätsdatum“. So richtig überzeugt habe aber noch keine der bisher vorgeschlagenen Alternativen.

Mit Künstlicher Intelligenz gegen die Verschwendung

Bei der Veranstaltung wurde aber auch aufgezeigt, wie mit digitalen Mitteln neue Wege begangen werden können. So stellte Franziska Lienert, die in Heidelberg und Friedrichshafen studiert hat, das Start-up-Unternehmen „Too good to go“ (Zu gut zum Wegwerfen) vor: Man lädt sich eine App aufs Handy und kann dort sehen, welche Supermärkte und Restaurants am Abend Lebensmittel oder Gerichte meist zu einem Drittel des Preises abgeben. Bisher habe man so knapp zehn Millionen Mahlzeiten retten können, sagte Lienert.

Am Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik in Augsburg wird derzeit sogar daran geforscht, wie man mit Künstlicher Intelligenz zu weniger Abfall kommen könnte. Patrick Zimmermann berichtete, dass mit dieser neuen Technik riesige Datenmengen ausgewertet werden könnten. Etwa könne man dann eine Maschine, die Kuchenböden backt, so einstellen, dass nach dem Anlaufen schon der erste Kuchenboden perfekt ist und nicht erst der zwanzigste. Ein großes Problem sei aber, dass die Betriebe in der Produktion und im Handel aus altem Konkurrenzdenken heraus ihre Daten nicht preisgeben möchten.

Der Abfall ist auch unter dem Aspekt der Klimafolgen eine Katastrophe

Die derzeitige Sensibilität für Fragen des Klimawandels könnte aber auch dem Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung neuen Schwung geben. Hauk machte darauf aufmerksam, dass bei der Produktion, der Lagerung und dem Transport von Lebensmitteln riesige Mengen an CO2 entstünden – wenn man diese Waren dann wegwerfe, sei das Kohlendioxid völlig sinnlos emittiert worden: „Wäre die Lebensmittelverschwendung ein Staat, dann wäre sie global gesehen der drittgrößte CO2-Verursacher nach China und den USA.“

Die eine Lösung im Kampf gegen den Abfall aber gibt es nicht. Peter Hauks Fazit trug deshalb durchaus einen Hauch von Fatalismus in sich: „Es geschieht schon viel, aber es wird noch ein sehr langer Weg“, sagte er.