Im Kampf um chinesische Kunden setzt Volkswagen jetzt auch auf E-Autos mit benzinbetriebener Reichweitenverlängerung. Was hält Mercedes und BMW davon ab, auf den Zug mit dem sogenannten Range Extender aufzuspringen?
Jetzt steigt auch VW ein. Der Wolfsburger Autokonzern setzt bei seiner Aufholjagd im chinesischen Markt unter anderem auf eine wiederentdeckte Technologie, die sich dort als Trend der Stunde entpuppt: Elektroautos, deren Reichweite von einem benzinbetriebenen Stromgenerator verlängert wird. Die Technik nennt sich Range Extender – und zwei der 18 neuen Modelle, die VW bis 2030 in China an den Start bringen will, sollen damit ausgestattet werden, teilte das Unternehmen mit.
In einer Autowelt, die sich von Grund auf neu sortiert, feiert der Zwitter aus Elektro- und Verbrennungsantrieb fröhliche Urständ. Anders als bei Plug-In- und Full-Hybrid-Autos ist der Verbrenner dabei nicht Teil des Antriebsstrangs, es braucht folglich auch kein Getriebe. Der Benzinmotor erzeugt lediglich Strom, der in die Hochvolt-Batterie für den Elektromotor gespeist wird. Das chinesische Start-up Li Auto erhöht damit etwa die Reichweite seines Modells Li 7 von rund 200 auf mehr als tausend Kilometer. Neun Prozent aller „New Energy Vehicles“ – wozu E-Autos und Hybride gezählt werden – wurden in China zuletzt mit Range Extender verkauft. Marktbeobachter rechnen damit, dass in den kommenden Jahren Millionen solcher Autos abgesetzt werden.
BMW hat die Technik schon genutzt – und wieder gestoppt
Neu ist die Idee nicht. Schon für den elektrischen BMW i3 gab es einen Reichweitenverlängerer als Sonderausstattung zu kaufen. Ein kleiner Verbrenner im Heck samt Neun-Liter-Tank lieferte zusätzliche 130 Kilometer. Bei einem Aufpreis von 5000 Euro setzte sich die Technik, die das Gewicht des Kompaktwagens um 120 Kilo erhöhte, nicht durch. 2018 wurde nach fünf Jahren die Produktion eingestellt. Auch der Opel Ampera mit ähnlichem Konzept wurde kein Renner. Technologische Fortschritte führen nun dazu, dass die Antriebskomponenten anders dimensioniert und viel größere Aktionsradien erreicht werden können.
Der Erfolg in China dürfte auch auf einer psychologischen Komponente fußen. Während der Großteil der Alltagsfahrten elektrisch absolviert werden kann, wird die Reichweitenangst vor dem Ausflug am Wochenende beseitigt. Auch dort, wo Ladesäulen dünn gesät sind, könnten Range Extender den Umstieg aufs E-Auto erleichtern. Kein Wunder, dass VW mit der Tochtermarke Scout auch in den USA E-Autos mit Auspuff anbietet, wo es die Weiten Wyomings und ähnliche Landschaften zu durchqueren gilt.
Mercedes sieht sich ohne Range Extender gut aufgestellt
Skepsis herrscht derweil bei den Premiumherstellern BMW und Mercedes. Sie eint die Auffassung, mit dem bestehenden Angebot schon gut aufgestellt zu sein – vor allem angesichts der Leistungsfähigkeit moderner E-Autos. Mercedes verweist auf das Flaggschiff EQS mit mehr als 800 Kilometer Reichweite und im Einstiegssegment auf den kommenden CLA, dessen Topmodell 750 Kilometer schafft und in zehn Minuten 300 Kilometer nachladen kann. Mit den Plug-In-Hybriden biete man zudem das Beste aus beiden Welten: „Mit einer rein elektrischen Reichweite von über 120 Kilometern lassen sich alltägliche Strecken lokal emissionsfrei bewältigen. Für längere Fahrten kann der Verbrennungsmotor zugeschaltet werden“, so das Unternehmen in einer Stellungnahme. Mit den Diesel-Hybriden sei damit eine Gesamtreichweite von mehr als 1000 Kilometern möglich.
Was für Range Extender spricht – und was dagegen
Technisch haben Range Extender Vor- und Nachteile. Der Antrieb bietet die stufenlose Durchzugskraft und Laufruhe des E-Motors. Der Verbrenner muss keine Leistungsspitzen abdecken und arbeitet damit immer im schadstoff-optimierten Drehzahlbereich. Die teure Batterie kann kleiner ausfallen als bei einem reinen Elektroauto, dafür steigen technische Komplexität und Wartungsbedarf.
Das entscheidende Problem des Verbrenners, der klimaschädliche CO2 -Ausstoß, kann jedoch nur verringert und nicht beseitigt werden. In der EU wäre die Technik von 2035 an nicht zulassungsfähig – es sei denn, die Ausnahme für E-Fuels käme wie avisiert noch ins Regelwerk, und es gäbe ausreichende Mengen der klimaneutralen Kraftstoffe. Möglicherweise wird die Klimagesetzgebung der EU unter dem zunehmenden Druck aus der Autoindustrie bis dahin auch noch verändert.
Der Zulieferer Bosch will am Geschäft mit Range Extender teilhaben. Bosch-Chef Stefan Hartung nennt das Konzept schon seit längerem als gutes Beispiel für technologieoffenen Klimaschutz. Besonders in China, aber auch in den USA seien Range Extender sehr gefragt. „In diesen Ländern ist Bosch mit Fahrzeugherstellern bereits in Gesprächen und diskutiert konkrete Lösungen, in denen Elektrifizierungs- als auch Einspritzkomponenten sowie die zugehörige Elektronik zum Einsatz kommen“, teilt Bosch mit.
Die Wetten für und gegen den Range Extender sind damit gesetzt. Wie sie ausgehen, entscheiden die Kunden in China.
Autos mit Range Extender
Entwicklung
Neben chinesischen Herstellern wie Li Auto und BYD planen zahlreiche internationale Hersteller neue Modelle mit Range Extender. Dazu gehören neben VW auch die koreanische Firma Hyundai und die japanischen Firmen Mazda und Nissan. Bezeichnung
Das Prinzip, einen Verbrennungsmotor als Stromgenerator für ein E-Auto einzusetzen, hat mehrere Namen. Range Extender heißt auf deutsch Reichweitenverlängerer. In der Autoindustrie werden auch die Begriffe serieller Hybridantrieb und EREV (Extended Range Electric Hybrid Vehicles) verwendet.