Beim Grand Prix am vergangenen Sonntag kollidierte Mercedes-Mann Lewis Hamilton (li.) mit dem Red Bull von Alexander Albon – das sorgte für heftigen Ärger nach dem Rennen. Foto: imago

Der Zwist zwischen Mercedes und Red Bull reicht in der Formel 1 lange zurück, es knallte schon 2014 zwischen den Teambossen. Nur Weltmeister Lewis Hamilton will in Österreich kein Öl ins Feuer gießen.

Stuttgart - Die Zahl der Freunde sind in der Formel 1 rar gesät. Wenn schon der Teamkollege als der erste, als der schärfste Gegner gilt, braucht es nicht viel Fantasie, um zu erahnen, dass Freundschaften außerhalb der eigenen Garage so selten sind wie Förderer der Elektromobilität bei den Mitgliedern der Erdöl-Vereinigung OPEC. Die von Corona verstümmelte Formel-1-Saison ist erst ein Rennen alt, da tritt eine Abneigung zutage, die als traditionell bezeichnet werden darf. Mercedes gegen Red Bull Racing, oder: Toto Wolff gegen Helmut Marko. Im Juni 2014 hatte der Mercedes-Teamchef Wolff emotionslos auf eine entsprechende Frage geantwortet: „Wir reden nicht miteinander. Er ist einfach kein Ansprechpartner in seiner Rolle für mich und deswegen besteht auch keine Veranlassung, miteinander zu reden.“

An der Funkstille zwischen dem Motorsportchef des Automobilkonzerns und dem Motorsportkonsulenten des Getränkeimperiums hat sich seit sechs Jahren eigentlich nichts geändert. Die stumme Abneigung der beiden Österreicher hat nichts damit zu tun, dass vergangenen Sonntag der Große Preis ihres Heimatlandes ausgefahren wurde und an diesem Sonntag (15.10 Uhr/RTL) der Große Preis der Steiermark ansteht.

Es geht nicht darum, wer Platzhirsch im steirischen Spielberg ist, was im Grunde den gebürtigen Grazer Marko mehr zustünde als dem Wiener Wolff. Allein auch deshalb, weil Red Bull Eigentümer der Rennstrecke ist und dies mit einem 14,6 Meter hohen springenden Bullen aus Metall inmitten des Kurses demonstriert. Die Nichtbeachtung des anderen ist Teil der Umstände, die das kostenintensive Geschäft mit sich bringt.

Lesen Sie hier: Das muss man zum Rennen in der Steiermark wissen

Da Ferrari in dieser Torsosaison wohl wieder als erster Herausforderer von Dauerweltmeister Mercedes ausfällt, ist Red Bull gefordert – und hat sich dann auf und neben der Strecke kräftig gegen den Branchenführer aufgelehnt. Gleich drei Proteste feuerten die Bullen in Spielberg ab, was Toto Wolff mit den Worten quittierte: „Die Samthandschuhe sind ausgezogen!“ Am Freitag vor dem Österreich-GP hatte Red Bull gegen das neue DAS-System von Mercedes protestiert, mit dem man die Lenkradneigung auf den Geraden verstellen kann. Red Bull wollte entweder den Konkurrenten schwächen oder die Gewissheit erhalten, die Methode abkupfern zu dürfen. „Das war in Ordnung, man sollte Klarheit haben“, befand Wolff und freute sich über das OK von Automobil-Weltverband Fia. Tags darauf zeigte Red Bull Lewis Hamilton an, weil der unter gelber Flagge zu schnell gewesen sei. Nach einem Freispruch folgten am Sonntag als dritte Salve neue Beweise, was dem Weltmeister eine Strafversetzung einbrachte. „Das geben die Regeln her“, knurrte Wolff. Dass im Rennen der Silberpfeil von Hamilton mit dem Bullen-Boliden von Alexander Albon kollidierte, was den Red-Bull-Zögling um seine mögliche Siegchance und dem Briten eine Fünf-Sekunden-Strafe brachte, setzte dem Disput die Krone auf. „Wenn jemand so offensichtlich schuldig ist und dann nur eine Zeitstrafe von fünf Sekunden kriegt und so in den Punkten bleibt, dann ist das nicht gerecht“, polterte Marko: „Unser Rennen hat er komplett ruiniert.“

Lesen Sie hier: Wird Lando Norris der Nachfolger von Lewis Hamilton?

Nicht erst in Österreich 2020 haben sie sich bei Red Bull und Mercedes der Samthandschuhe entledigt, sofern sie sie überhaupt je getragen haben. Lange schon gönnen sich die Bosse entweder böse Worte oder noch bösere Blicke. 2013 hatte Wolff bezweifelt, dass es offenes Fahrerduell bei Red Bull gebe und warf dem Team „Augenwischerei“ vor, weil anderes behauptet wurde. Im März 2015 hatte Wolff den Red-Bull-Granden, die wegen der Mercedes-Dominanz mit dem Formel-1-Ausstieg gedroht hatten, geraten, sich zum Jammern zur Klagemauer nach Jerusalem zu begeben. Nachdem es zur Saison 2016 ein langes Hin-und-Her um die Motorenlieferung von Mercedes an Red Bull gegeben hatte (was letztlich nicht zustande kam), verteilte das Bullen-Team zu Weihnachten eine Karikatur-Karte, auf der Wolff von einem steinzeitlichen Fred-Feuerstein-Auto mit den Piloten Daniil Kwjat und Daniel Ricciardo überfahren wird. Mercedes konterte, verschickte ein Video, in dem Wolff und Chefingenieur Aldo Costa mit Elektrokarts in zwei Stapel Energydrink-Dosen rasen. Es neckt sich nicht nur, wer sich liebt.

Vor dem Steiermark-GP ist immerhin der Champion bemüht, die wachsende Abneigung zwischen den Mannschaften vor dem zweiten Aufeinandertreffen in Spielberg nicht noch zusätzlich zu pflegen. Böses Blut zwischen Red Bull und Mercedes? „Da kann ich nicht viel zu sagen“, antwortete Lewis Hamilton und zuckte mit den Schultern. „Ich denke nicht zu sehr an das Negative. Die Kämpfe im Hintergrund sind alle politisch. Am Ende ist dies ein Machtkampf zwischen ein paar einzelnen Individuen.“ Namen nannte der 35 Jahre alte Engländer nicht. Das ist auch gar nicht nötig.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: