Button fürs Gerberplätzle Foto: Haar

Ein unorthodoxer Bezirksbeirat stellt den Wert des bürgerschaftlichen Engagements über alles und sendet wichtige politische Signale in die Gesellschaft.

Stuttgart - Die Stadt protestiert. Gegen Dieselfahrverbote, gegen den Mietwucher, gegen Stuttgart 21 oder für eine bessere Zukunft ohne gravierende Folgen des Klimawandels. Und zuletzt für die Umbenennung eines kleines Stückchen Erde im Gerberviertel. Eine Initiative aus Anwohnern und Gewerbetreibenden des Viertels engagiert sich für den Erhalt des Namens Gerberplätzle und lehnen die Bezeichnung Therese-Huber-Platz ab.

Im Vergleich zu den wichtigen Stadt- und Gesellschaftsthemen scheint die Debatte um einen Platznamen eher unbedeutend zu sein. Wer sich diese Geschichte jedoch genau ansieht, erkennt: Im Widerstand einer kleinen Initiative, der anfänglichen Überreaktion der Verwaltung und schließlich der fraktionsübergreifenden Vernunft des Bezirksbeirats stecken sehr viel mehr Potenzial und politische Botschaft, als man zunächst annimmt.

Um dies nachzuvollziehen, ist eine kurze Chronologie der Ereignisse nötig: Begonnen hat alles mit einem Wunsch. Dem Wunsch von Bürgern, dass ein kleines Stück Niemandsland zwischen Christoph- und Sophienstraße einen offiziellen Name haben sollte. Und weil er inoffiziell schon immer als Gerberplätzle bezeichnet wurde, war auch klar: So soll er heißen!

Als Mann der Tat setzt der frühere Quartiersmanager Hannes Wolf diesen Bürgerwillen um. In einer Nacht- und Nebelaktion installiert er ein Platzschild. Dies wiederum schmerzt einige Mitarbeiter in der Stadtverwaltung derart, dass sie diesen anarchisch-frechen Akt rüde beantworten: Ein Trupp von der Abfallwirtschaft flext das Schild gnadenlos ab.

Überreaktion der Verwaltung

Ab jetzt wird die Sache politisch. Der Bezirksbeirat hört sich alles an, berät und entscheidet: Der Platz möge in Zukunft Therese-Huber-Platz heißen und Bürgermeister Fabian Mayer soll ihn feierlich taufen.

Es ist die Geburtsstunde der Bürgerinitiative. Von diesem Moment an erwacht im Gerberviertel das politische Engagement. Oder wie es Cornelia Silbermann, die Sprecherin der Initiative, nennt: „Es wurde damit Unmut und ein Aufstand entfacht.“ Die Bürger fühlen sich „düpiert und uniformiert“.

Heute ist im Viertel allen klar: Demokratie hat Regeln und Strukturen. Wer mitreden und -entscheiden will, sollte den Weg ins Plenum finden. In diesem Fall: in den Bezirksbeirat Mitte.

Da standen sie nun auch am vergangenen Montag im Rathaus: mit kreativen Buttons am Revers, der ihr Gerberplätzle mit einem Herz symbolisiert, und mit gewaltiger Präsenz im mittleren Sitzungssaal: Knapp 30 Leute, die schon vorher Unterschriften gesammelt, eine Broschüre und eine Internetseite zu ihrer Sache erstellt hatten. Wie die Geschichte des Protests in der Stadt zeigt, muss so viel Engagement nicht unbedingt zum Ziel führen. Besser gesagt: Im Grunde sind die Chancen gleich null. Doch im Gegensatz zu manch anderen Politikern, sagt Bezirkschefin Veronika Kienzle nie, der Käs sei gegessen. Mutig wie eine Löwin stellt sie sich schon vor einem halben Jahr der Bürgerwut bei einem Lokaltermin auf dem Plätzle und verspricht dort: „Wir beraten das Thema neu im Rat.“

Am Montag war es nun soweit. Die Geschichte fand ein gutes Ende. Was als Anhörung und Beratung an den Start gegangen war, endete in einer Abstimmung mit einstimmigem Ergebnis: Aus Therese-Huber-Platz soll nach dem finalen Plazet des Gemeinderats ein Gerberplätzle werden.

Beeindruckende Entscheidung

Eine beeindruckende Entscheidung, mit ungeheurer Strahlkraft auf alle politischen Akteure. Denn die Bezirksbeiräte loben nicht nur den Gestaltungswillen der Initiative, sie machen ihn vielmehr zum alles entscheidenden Argument. Obwohl die Bürger des Gerberviertels eigentlich zu spät – nach einer demokratisch gefällten Entscheidung – mit ihrer Forderung dran waren, obsiegten sie schließlich.

Mehr noch: Auf kleinster politischer Bühne haben die Räte so den Menschen viel Vertrauen in politische Systeme zurückgeben. Statt dem Gefühl der Ohnmacht – nichts gegen die taube und blinde Politiktechnokratie bewirken zu können – entsteht an diesem Abend Hoffnung und eine Aufbruchstimmung zu einem neuen Miteinander.

Im Viertel soll es jedenfalls die Geburtsstunde sein, das Gerberplätze zu einem lebendigen, urbanen Platz der Bürgerschaftlichkeit aufleben zu lassen. Auch Therese Huber (1764 – 1829) soll dort künftig mit einer Büste oder einer Tafel gewürdigt werden. Eine feine Geste für eine couragierte Frauenrechtlerin, die gegen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit kämpfte. In diesem Sinne wäre wohl auch Therese Huber stolz auf die Damen und Herren des Bezirksbeirates samt ihrer Vorsteherin sowie auf diese kleine Sternstunde der Graswurzel-Demokratie.

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