Neun Jahre nach Beginn der Energiewende hapert es bei der Umsetzung an allen Ecken und Enden. Auch am Beispiel Stuttgarts lässt sich zeigen, warum der Umbau der Stromversorgung so ein Kraftakt ist.
Stuttgart - Als 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima der Atomausstieg beschlossen wurde, war die Euphorie groß. Weltweit wurde mit Neugier beobachtet, wie ein großes Industrieland die Energiewende bewerkstelligen wollte. Damals wurden auf einen Schlag acht, seither drei weitere Kernkraftwerke abgeschaltet. Die restlichen sechs – davon ist Neckarwestheim der einzige, noch laufende Atommeiler im Südwesten – gehen bis Ende 2022 vom Netz. Doch jetzt, wo die Bundesregierung mit dem Kohleausstieg die zweite Etappe einläutet, ist die Begeisterung verflogen.
Der Fortschritt stockt. Das Wachstum bei der Solar- und Windenergie ist zum Erliegen gekommen. Bürgerinitiativen kämpfen gegen Stromtrassen und Windräder. Verbraucher und Wirtschaft klagen über steigende Strompreise. Klimapolitikern und -aktivisten geht der Kohleausstieg, der bis 2038 vollzogen sein soll, zu langsam. Das ist Grund genug, für Baden-Württemberg eine Zwischenbilanz zu ziehen, was geschafft wurde, und was nicht.
Der Ausgangspunkt
2010, in dem Jahr bevor der Atomausstieg endgültig beschlossen wurde, verbrauchte Baden-Württemberg insgesamt 81,4 Terawattstunden Strom. Gut 93 Prozent wurden laut den Daten des Statistischen Landesamtes im Südwesten produziert, knapp sieben Prozent importiert. Beim Strommix stellte die Atomkraft mit 48 Prozent den mit großem Abstand größten Anteil. Zweitwichtigster Energieträger war Steinkohle mit 24,8 Prozent, Ökostrom kam auf einen Anteil von 17,2 Prozent.
Die Zwischenbilanz
Der Stromverbrauch ist seit 2010 deutlich auf 72,2 Terawattstunden im Jahr gesunken. Daraus lässt sich schließen, dass Energieeffizienz mittlerweile nicht mehr nur ein Schlagwort ist. Die Bedeutung der Kernenergie im südwestdeutschen Strommix ist stark gesunken. 2017 – das ist das jüngste vollständige Jahr in der Statistik – stammte nicht mehr knapp die Hälfte, sondern nur noch ein knappes Drittel des Stroms (30,4 Prozent) aus Kernkraftwerken. Spätestens 2020 wird dieser Anteil noch einmal deutlich geringer werden, weil Ende 2019 das Atomkraftwerk Philippsburg stillgelegt wurde, das zuletzt allein elf Terawattstunden jährlich geliefert hat. Steinkohle ist dagegen seit 2010 zum wichtigsten Energieträger im Land geworden (29,3 Prozent). Die Erneuerbaren Energiequellen haben seit 2010 stark zugelegt und stellen 27,1 Prozent des hierzulande produzierten Stroms. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass mehr Strom (16,2 Prozent) importiert wird. Die Bruttostromerzeugung im Südwesten trägt nur noch 83,8 Prozent zur Versorgung bei.
Das Problem der schieren Menge
In der Landeshauptstadt wird mit einem Jahresstrombedarf von 3,62 Terawattstunden nur ein Bruchteil der Elektrizität im Land verbraucht. Aber schon der Blick auf Stuttgart zeigt, wie enorm die Herausforderungen bezüglich der Strommenge sind, die künftig nicht mehr aus konventionellen, sondern aus alternativen Quellen zu beziehen ist (siehe Grafik). Das letzte Atomkraftwerk im Südwesten – Neckarwestheim – produziert pro Jahr so viel Strom, dass man Stuttgart fast drei Jahre versorgen könnte. Das Großkraftwerk Mannheim – der größte Energie- und Steinkohlestandort im Land – könnte Stuttgart immerhin ein Jahr und 240 Tage versorgen, wenn Stuttgarts Energiehunger aus einer einzigen Elektrizitätsquelle gestillt werden müsste. Die Ökostromlieferanten Sonne und Wind können da nicht mithalten. Der Jahresertrag eines mittlerer Windparks im Südwesten, wie etwa Langenburg, würde Stuttgart für neun Tage, eine Jahresproduktion vom Solarpark Engelswies (Landkreis Sigmaringen) würde sogar nur für etwa 20 Stunden reichen. Sogar der derzeit größte deutsche Offshore-Windpark Hohe See – Albatros mit 87 Windrädern in der Nordsee, könnte Stuttgart mit seinem Jahresertrag nur 252 Tage lang versorgen. Und wenn die größte derzeit projektierte, deutsche Solaranlage Weesow-Willmersdorf in einigen Jahren Strom ins Netz einspeist, wird eine Jahresproduktion den Elektrizitätsbedarf Stuttgarts nur für knapp 18 Tage decken können.
Die Aussichten
2018 kamen in Baden-Württemberg laut dem Statistischen Landesamt noch 34 Prozent Atom- und 29 Prozent Steinkohlestrom aus der Steckdose. Fast zwei Drittel des Strombedarfs im Land müssen in den nächsten 18 Jahren auf ökologische Quellen umgestellt werden. Von 2023 an wird in Deutschland wie in Baden-Württemberg kein Atomstrom mehr aus der Steckdose kommen. Vor der Energiewende lag der Anteil deutschlandweit mit 22 Prozent deutlich unter dem Niveau im Südwesten mit 48 Prozent Kernenergie. Die zentrale Herausforderung ist nach wie vor, Deutschland an 365 Tagen 24 Stunden lang mit Strom zu versorgen, also auch bei Wind- und Sonnenflaute. In der Vergangenheit wurde diese Grundlastversorgung hauptsächlich durch Atommeiler getragen, in zunehmendem Maß werden Steinkohlekraftwerke dafür genutzt. Für die EnBW, mit fünf Millionen Haushaltskunden Baden-Württembergs größter Stromversorger, hat deshalb erheblich Konsequenzen, wie genau der Kohleausstieg gestaltet wird. Das Unternehmen wollte in der Vergangenheit bereits Kohlekraftwerke stilllegen, durfte das aber nicht, weil sie im Fall von „Dunkelflauten“ (ohne Wind und Sonne) für die Versorgung in Süddeutschland systemrelevant sind. Schon heute hat EnBW deshalb neun Kraftwerke in der Netzreserve. Daran wird sich vor der Mitte des Jahrzehnts nichts ändern. Südlink und Ultranet – die beiden Hochspannungsstromtrassen von Nord nach Süd, die für die Versorgung Baden-Württembergs entscheidend sind – werden erst 2024 beziehungsweise 2026 fertig. Erst danach besteht die Chance, dass es etwas einfacher wird mit der Stromversorgung im Südwesten.