Nach dem Tod der Mutter räumt Sophie Weber deren völlig vermüllte Messie-Wohnung aus. Und erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend nahe Stuttgart, in der sie nicht mal ein eigenes Bett hatte.
Jetzt ist alles Vergangenheit. Die ein Meter hohe Schicht aus Magazinen, Papieren, Zeitungen auf dem Boden des kleinen Zimmers mit den hübschen geblümten Sesseln. Die Lawine aus leeren Shampoo-, Duschgelflaschen, Kosmetikartikeln und Dosen, die das hellmarmorfarbene Bad verschüttete und es unbenutzbar machte. Das braunpappige Gebirge aus 87 Umzugskisten, das sich in Schlaf- und Wohnzimmer erhob und das Licht der bodentiefen Fenster schluckte.
Auch all die Dinge – Zehntausende sicher –, die in, auf und zwischen den Kistenbergen lagen wie Geröll, sind auf der Ladefläche des Entrümplers davongefahren. Darunter: der Fuchsschwanz und die Pelzmütze, 23 Ansteckblumen, eine Keramikfroschfamilie (4,50 DM das Stück), 15 Pfannen, Ungaro-Pumps (Größe 40), fünf Seifen in Herzform (1,99 DM je), eine ramponierte Barbie, 350 unbeschriebenen Postkarten, Kleider mit Preisschildern daran, zehn große Wandspiegel im Barockstil, Kerzenständer, Hüte und Taschen, so viele Hüte und Taschen. Und der ganze Unrat, der mit den guten Sachen zusammen zu einer schier untrennbare Masse verschmolz. Du lieber Himmel, wie viel Unrat das war!
Tagelang lag die Mutter tot im Messie-Unrat
Verflogen ist auch der Mief, der schon vor der Wohnungstür in der Luft stand wie ein ungewaschener Portier. Und natürlich gibt es die schwarze Kuhle nicht mehr, links auf der Halde im Wohnzimmer, an der Stelle, wo die Mutter tagelang tot gelegen hatte. Wie aufgebahrt auf ihrem Bett aus Müll.
Sophie Weber setzt sich auf das hellbeige Wohnzimmersofa mit den elegant geschwungenen Beinen, eines der wenigen Möbel, die unter dem Abfallteppich überlebt haben, und blickt durch die Leere ins Helle, Freie. Wochenlang – anfangs in einem weißen Einweg-Overall – hat sie sich durch die Hinterlassenschaften ihrer verstorbenen Mutter in der Vier-Zimmer-Wohnung gegraben, hat gesichtet, sortiert, behalten, verschenkt, dem Entrümpler freigegeben. Hat mal gar nichts gefühlt, mal ganz viel. Hat sich geekelt, gestaunt, gehadert, gefreut, erinnert und in jede Kiste wie in einen kleinen Abgrund geblickt, auf dessen Grund die Geschichte ihrer Familie liegt.
Kritteleien und zum Essen die Ravioli-Dose: Sophie fühlt sich ungeliebt
Sophie Weber, 42 Jahre alt, ist in diesem Zustand mit ihrer Mutter Brigitte in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen. Beide Frauen heißen eigentlich anders, zum Schutz der Familie sollen sie anonym bleiben.
Brigitte Weber ist alleinerziehend von Geburt des Kindes an. Zeitlebens habe sie sich schwer getan mit Menschen, so formuliert die Tochter das. Oder vielleicht eher die Menschen mit ihr. „Sie war nicht empathisch.“ Schnell entzweit Brigitte sich. Mit Bekannten, Verwandten, Kolleginnen, Männern. Auch ihr Kind fühlt sich ungeliebt.
Umso enger scheint Brigitte Webers Verhältnis zu den stummen, geduldigen Dingen um sich. Seit sie denken kann, habe ihre Mutter gekauft, gesammelt, sich von nichts trennen können, sagt Sophie. In ihrer Kindheit gab es noch kleine freie Bereiche, Pfade durch die Ansammlungen in den Wohnungen, die sie mehrfach wechselten. Aber schon damals traut sich die Tochter kein Buch aus der Bibliothek mitzubringen. Die wachsenden Zeitungsstapel hätten es sicher verschluckt. Ihre Schulsachen bewahrt sie immer im Ranzen auf.
Kein Kinderzimmer, keine Spielsachen in der Messie-Wohnung
Überhaupt ist in den übervollen Räumen kein Raum für das Kind. Seine Kleidung sammelt sich in Haufen auf Stühlen, wochenlang ungewaschen. Ein Zimmer für sich hat Sophie nicht. Das Bett muss sie mit der Mutter teilen. Kommt sie nachmittags aus der Schule, bleibt nur der Fernseher. Vor dem fühlt sie sich stundenlang „wie festgekettet“. Oft streift sie durch die Läden der Stadt, studiert die Regalinhalte, um die Zeit bis zum Schlafengehen zu überbrücken. Sie hätte so gern Spielsachen gehabt! Beim Ausräumen der Wohnung nun hat sie Kinderbücher, Spiele und Malsachen gefunden, alle nagelneu. Die Mutter muss sie später gekauft und im Chaos begraben haben.
Es habe zwei Brigittes gegeben, sagt Sophie Weber. Die Messie-Mutter daheim, die der Tochter oft Raviolidosen öffnet, weil sich in der Spüle, auf und im Ofen der Unrat beugt. Die in Waschbecken, Badewanne und Eimern Plastikverpackungen und Aludeckel einweicht, um sie zum Wertstoffhof zu tragen – was sie niemals tut. Die jähzornig ist und fies. Statt Ansprache hat sie für die Tochter nur Kritteleien übrig. „Zupf’ dir endlich die Augenbrauen! Schmink dich doch mal! Nimm ab!“ hört die Heranwachsende, die bis heute am liebsten Jeans, Turnschuhe und Pullis trägt.
Draußen gibt die Messie-Mutter die feine Dame
Und dann gibt es die strahlende Draußen-Brigitte mit wallender Mähne, im Pelzmantel und mit kirschrotem Lippenstift, den sie über die Gläserränder verteilt. Die witzig ist, selbstironisch und schlagfertig und die Tochter im Kleid mit Rüschenkragen und weißen Strumpfhosen vorzeigt. Die einen extravaganten Geschmack hat und sich Limoges-Porzellan kauft, 125 Euro die Tasse.
Ein bisschen anstrengend ist diese Frau, aber von einer Originalität, die sehr einnehmen kann. Und die vielleicht dazu beiträgt, dass niemand das Kind befreit. Nicht Nachbarn, nicht Bekannte, nicht Verwandte, nicht Lehrer, nicht die Mutter selbst. Obschon sie Momente der Selbsterkenntnis hat. „Du brauchst ein eigenes Zimmer“, sagt sie manchmal zu Sophie. Aber dann: „Alles wäre besser, wenn wir ein größeres Haus hätten.“ In den Rahmen der Küchentür klebt sie einen Zettel, darauf steht: „Täuschung nichts als Täuschung! Rosenbouquet und Müll. Wie passt das zusammen?“
Sophie hat sich oft gefragt, woher die Sammelwut und die Lieblosigkeit der Mutter kamen und wie beides zusammenhängt. Ob diese – Jahrgang 1943 – ein Leben lang versuchte, die rauen schwäbischen Nachkriegsverhältnisse, das Kleine-Leute-Milieu hinter sich zu lassen, in dem sie als Tochter einer verwitweten Schneiderin aufwuchs. Den Vater hatten italienische Partisanen im Krieg verschleppt. Er kehrte nie zurück.
Es gibt nicht die eine Ursache hinter dem zwanghaften Horten und Vermüllen, das Messie-Syndrom genannt wird. Häufig ist es ein Begleiter von Schizophrenie, Psychosen oder Borderlinestörungen. Verlustängste, Traumata, die Unfähigkeit, sich zu regulieren und zu fühlen, können dahinter stecken. Die Psychoanalyse spricht von Löchern in der Seele, die gefüllt werden müssen. Was Brigitte Weber in ihre Sammelwut trieb, weiß niemand. Hilfe holte sie sich nie.
Bis heute leidet Sophie unter der Vernachlässigung
Die Tochter hat es anders gemacht. Als sie im Studium psychische Probleme bekommt, geht sie in Behandlung. Sie arbeitet sich zurück in ein eigenständiges Leben und hin zu einem Studienabschluss, auch wenn sie noch schwer an den Paketen trägt, die ihr die Mutter durch die Vernachlässigung und die Kälte aufgeladen hat. Das immaterielle Erbe der Eltern lässt sich nicht so leicht entrümpeln.
„Ich kann bis heute meine Gefühle schlecht wahrnehmen. Als Kind musste ich sie von mir abspalten, weil ich sonst zu traurig gewesen wäre“, sagt Sophie Weber. Sie kennt ebenfalls den Drang, Dinge aufzuheben. Einmal sammelt sie 15 leere Kartons auf ihrem Balkon. Eine Freundin weist sie darauf hin. Da entsorgt sie die Schachteln allesamt.
Sophie zieht in eine Wohngruppe des Jugendamtes
Auch aus der Zwangsgemeinschaft mit der Mutter hat sie sich als Teenagerin befreit. Sie wird immer bedrückter, Mitschüler hänseln sie in ihren schmutzigen Kleidern. Sie zieht sich zurück, geht wochenlang nicht zur Schule. In der neunten Klasse erzählt sie einem Lehrer, wie es daheim steht. „Dann musst du eben aufräumen“, ist sein einziger Rat. Auf dem Heimweg entdeckt sie das Schild einer psychiatrischen Praxis und tritt einfach ein. Der Psychiater hört zu und vermittelt sie ans Jugendamt. Das reagiert sofort. Mit 15 Jahren zieht Sophie in eine betreute Wohngruppe für Jugendliche. Sie macht ihr Abitur, eine Ausbildung, studiert. Die Mutter unterstützt sie finanziell.
Der Kontakt zu ihr bleibt lose und schwierig, besteht zuletzt kaum noch. Wut sei das stärkste Gefühl der Mutter gegenüber gewesen, sagt Sophie Weber. Darüber, dass sie ihr nie entgegen kam, sie bis heute unter ihr leiden muss. Die Wut vergeht auch nicht, als die Polizei sie informiert, dass Brigitte gestorben ist, allein in der Wohnung. Erst nach einigen Tagen kam der übervolle Briefkasten Nachbarn komisch vor. Im Tod endet jede Feindschaft. Das lässt sich nicht für jedes Schicksal einlösen. Immerhin spürt sie Erleichterung: „Früher habe ich mich gefragt: ,Warum kümmert sie sich nicht um mich?‘ Jetzt muss ich das nicht mehr, sie ist tot.“
Zwischen Messie-Unrat kommen die Erinnerungen
Als sie den Erbschein hat, beginnt Sophie mit dem Sortieren und Räumen. Sie hat in dem Wust manches gefunden, das sie behalten will. Nützliches wie einen Koffer, Geschirrhandtücher, ein Besteck- und Stifteset. Aber auch Erinnerungen. Ihre Abizeitung, Zeugnisse, ein Fechtflorett mit Maske, und ein Paar Schuhe, das sie lange vermisst hat. Außerdem Familienfotos. Von ihren Großeltern, den Urgroßeltern, unbekannten Verwandten, von Brigitte Weber als junger Frau mit Sophie auf dem Arm. Kürzlich fuhr sie zu einer alten Cousine der Mutter und ließ sich erzählen, wer das auf den Bildern ist und wie ihre Mutter war, bevor sie Mutter war.
Die Wohnung will sie vermieten. Die Räume sind ja jetzt leer. Viel Platz für ein neues Leben darin.
Sechs wissenswerte Fakten zum Messie-Syndrom
- 1,8 Millionen Messies leben Schätzungen zufolge in Deutschland.
- Als Krankheit ist das Messie-Syndrom bislang in Deutschland von den Krankenkassen noch nicht anerkannt.
- 2018 wurde pathologisches Horten erstmals durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der 11. Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten als eigenständige Diagnose aufgenommen.
- Die Selbstregulationsschwäche kann vom zwanghaften Sammeln über Hygieneschwäche bis zur totalen Vermüllung führen.
- Durch die Zwangsstörung kann die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben extrem eingeschränkt werden. Es kommt zu Rückzug und Isolation der Betroffenen und zur Distanzierung von Freunden und Familienangehörigen. Vereinsamung und Selbstzweifel sind das Ergebnis.
- Nach Paragraf 67 ff. SGB XII haben Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten einen Rechtsanspruch, in ihren eigenen Wohnräumen Hilfe durch mobile soziale Arbeit zu erhalten.