Michael Kraus (Mitte) und die SG BBM Bietigheim tun sich schwer: Oft gibt es für den Weltmeister von 2007 in der zweiten Liga kein Durchkommen. Foto: Baumann

Sie hatten in einem dramatischen Finale den Klassenverbleib nur haarscharf verpasst. Nach dem Absturz in die zweite Liga tun sich die Handballer der SG BBM Bietigheim im Unterhaus äußerst schwer. Eine Ursachenforschung.

Bietigheim-Bissingen - Ob das Saisonziel direkter Wiederaufstieg schon abgehakt ist? Hannes Jon Jonsson muss kurz überlegen, dann sagt der Trainer von Handball-Zweitligist SG BBM Bietigheim mit klarer Stimme: „Abgehakt nicht, aber es wäre doch dumm und arrogant in unserer Lage vom Aufstieg zu reden.“ Vor dem Heimspiel an diesem Sonntag (14.30 Uhr/MHP-Arena) gegen den Tabellenzweiten HSC 2000 Coburg beträgt der Rückstand auf die zwei Aufstiegsplätze acht Punkte. Auf einen Abstiegsplatz ist das Polster auf zwei Zähler geschrumpft.

2015 setzte es 2:16 Punkte

„Natürlich haben wir uns das alles ganz anders vorgestellt“, räumt der Geschäftsführer Bastian Spahlinger unumwunden ein. Aber sein Club (derzeit 8:12 Punkte) sei vorgewarnt gewesen. Nach dem ersten Abstieg aus der Bundesliga 2015 war die SG BBM im darauf folgenden Zweitligajahr mit 2:16 Punkten gestartet, kletterte am Ende noch auf Platz neun. Die Rückkehr in die Beletage gelang mit Trainer Hartmut Mayerhoffer dann erst zwei Jahre später.

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Doch der Vergleich hinkt etwas. Diesmal hat Bietigheim eine Mannschaft zusammen, die nicht wie 2015 sang- und klanglos aus der Bundesliga abgestiegen war. Diesmal kämpft ein Team um den Aufstieg, dem nach dem dramatischen Abstiegsfinale am 9. Juni gegen den VfL Gummersbach (25:25) gerade mal ein Tor zum Klassenverbleib fehlte. Nur Keeper Domenico Ebner (zum Bundesliga-Überraschungsteam TSV Hannover-Burgdorf) verließ das Team. Alle anderen, die der Club halten wollte, blieben – auch Weltmeister Michael „Mimi“ Kraus. Genauso Wunschtrainer Jonsson, der eigentlich mit der Familie nach Island zurückkehren wollte. Es kam sogar eine prominente Verstärkung: Linkshänder Tim Dahlhaus (26) kehrte mit der Erfahrung von zwei Jahren in der ersten französchen Liga bei Pays d’Aix Université Club Handball zurück.

SG nun Favorit statt Außenseiter

Warum also tut sich dieses Team so schwer? Warum hat dieses Team in fünf Heimspielen (2:8 Punkte) noch immer keinen einzigen Sieg eingefahren? Warum fehlt die Kompaktheit in der Abwehr? Warum mangelt es an Spielfreude und Effizienz im Angriff? Dass das Trauma vom unglücklichen Abstieg noch nachwirkt, glaubt keiner. Vielmehr sieht Trainer Jonsson in der neuen (Favoriten-)Rolle der Mannschaft ein Kernproblem: „Es soll keine Ausrede sein, aber in der Bundesliga waren wir immer der Außenseiter. Wir hatten absolut nichts zu verlieren und konnten das Spielfeld immer mit breiter Brust verlassen.“ Und jetzt? Jetzt setzte es gleich am ersten Spieltag eine krachende 18:27-Heimklatsche gegen den ASV Hamm-Westfalen. „Das war ein Schock“, sagt Jonsson. Von dem sich das Team bis heute nicht erholt hat. „Ich kann keinen Spieler rausnehmen, der bisher eine gute Saison spielt“, meint der Coach.

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Für viele Spieler ist diese zweite Liga Neuland. Superstar Kraus hat dort bis zum Sommer noch nie gespielt, er ist in jeder Halle der Gejagte. Der 36-Jährige konnte bisher wenig Impulse setzen, was auch daran lag, dass ihn eine Wadenverletzung zurückwarf. Den Weltmeister kritisierte der Trainer auch schon öffentlich, genauso wie das zweite, bisher enttäuschende, Rückraum-Ass Jonas Link. „Die zweite Liga ist eben etwas ganz anderes“, weiß der langjährige Kapitän und Abwehrchef Patrick Rentschler (29): „Die Gegenspieler sind viel wendiger, kleiner, schneller.“

Klare Rolle für Kraus

Darauf gilt es sich einzustellen. Mit einer klaren Rollenverteilung soll es nun aufwärts gehen. Lange war nicht klar, wer ist der Spielmacher, wer spielte im linken Rückraum. „Jetzt haben wir festgelegt, Kraus ist unser Spielmacher“, sagt Jonsson.

Die aktuelle Lage bezeichnet Jonsson als „Riesenherausforderung“. Aufgeben kommt für den 39-Jähringen nicht in Frage. „Ich fühle mich nach wie vor wohl hier“, sagt der Familienvater, der mit seiner Frau und den drei Kindern (3, 8, 10) in Kleinsachsenheim lebt, und von der SG BBM im Sommer bekniet wurde, weiterzumachen. Ob er die geänderte Lebensplanung nicht schon längst bereut hat? „Nein, nein, ich liebe diesen Job, ich liebe diese Mannschaft – und sie wird ihr Potenzial auch noch abrufen.“

Am besten am Sonntag gegen den Tabellenzweiten HSC 2000 Coburg.

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