Die Mannschaft der Stunde nach einem 0:2-Rückstand mit enormer Energie und Effizienz 5:2 besiegt, dazu ein Torjäger, dem derzeit alles gelingt. Ist der 1. FC Heidenheim nach dem dicken Ausrufezeichen gegen den Karlsruher SC sogar ein heißer Tipp für den Direktaufstieg?
Die Fans des 1. FC Heidenheim unter den 12 975 Zuschauern in der Voith-Arena riefen begeistert „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ und sangen glückselig „Oh, wie ist das schön...“. Dieses 5:2 (2:2) der Mannschaft von Trainer Frank Schmidt in der Zweiten Fußball-Bundesliga gegen den davor fünfmal in Folge siegreichen Karlsruher SC war schon etwas ganz Spezielles. Und einen Mann ließen sie auf der Ostalb besonders hochleben: Tim Kleindienst. Der Torjäger drehte den 0:2-Rückstand mit seinem Dreierpack (38., 45., 49.) praktisch im Alleingang und schoss sein Team damit – zumindest für eine Nacht – an die Tabellenspitze.
Ist der FCH jetzt nicht mehr nur ein heißer Tipp für Relegationsplatz drei, sondern auf den Direktaufstieg? Der gefeierte Held (19 Saisontore) hielt lieber den Ball flach: „Es sind noch neun Spiele zu absolvieren, das ist saulang. Und hier ist auch keiner böse, wenn wir am Ende Vierter werden. Da gibt es andere Mannschaften, die mehr unter Druck stehen“, sagte Kleindienst und ergänzte dann etwas, das inzwischen eigentlich gar nicht mehr nötig ist, zu erwähnen: „Man sollte uns lieber nicht abschreiben.“
Außergewöhnliche Mentalität
Welch außergewöhnliche Mentalität in diesem Team steckt, zeigte die Partie gegen den KSC eindrucksvoll. Nach „einem unfassbar schlechten Start“ (Kleindienst) gegen einen selbstbewussten, mutigen und ballsicheren Gegner kamen die Heidenheimer zurück. Und zwar weil sie das haben, was zu einem echten Spitzenteam eben auch dazugehört: einen Torjäger, der auch aus dem Nichts eiskalt zuschlägt. Mit dem Treffer zum 1:2 weckte der 27-Jährige bei seiner Mannschaft und bei den FCH-Fans die Lebensgeister. Spätestens mit dem Ausgleich kurz vor der Pause war der Glaube endgültig zurück und wieder alles offen.
„Tim hat einen Lauf, er war nicht einzufangen, er war überall auf dem Platz zu finden und für den Gegner gar nicht zu greifen. Er übernimmt auch immer mehr Verantwortung“, lobte Schmidt seinen Vorzeigestürmer. Kleindienst traf mit links, Kleindienst traf mit rechts, beim 3:2 zeigte er Köpfchen. „Dieser Spieler hat in dieser Liga nichts verloren“, strich KSC-Trainer Christian Eichner voller Anerkennung die Leistung des Ausnahmekönners heraus, machte aber auch klar, was das Ensemble von der Ostalb insgesamt auszeichnet: „Wir sind in der zweiten Halbzeit körperlich paniert worden.“
„Brutale Effizienz“
Was er damit sagen wollte: Der Wucht, der Energie, der Physis, der Leidenschaft, die dieses Kollektiv auf den Platz brachte, war nichts mehr entgegenzusetzen. Zumal dann auch noch Florian Pick (62.) und Kevin Sessa (88.) mit ihren Distanzschüssen die „brutale Effizienz“ (Schmidt) der Mannschaft belegten.
„Jetzt geht der Spaß erst richtig los“, hatte der „Mister Heidenheim“ vor der Partie gesagt. Und jetzt? Endet der Spaß in der ersten Liga? „Natürlich sind wir lieber oben als unten. Uns war es wichtig, zu zeigen, dass wir da sind über Nacht. Aber wir sind ja noch nicht am Ende, es ist noch lange zu spielen“, blieb der Coach gewohnt vorsichtig. Der Pragmatiker Schmidt ist kein Träumer, er blickt lieber aufs nächste Spiel, das aber mit der Bundesliga zu tun hat: Am kommenden Freitag (14 Uhr/Schlienzstadion) wird beim VfB Stuttgart ein Testspiel ausgetragen.
Aufstellungen
1. FC Heidenheim Kevin Müller – Busch, Mainka, Siersleben (46. Sessa), Föhrenbach – Maloney – Pick (77. Theuerkauf), Schöppner, Kühlwetter (46. Schimmer), Beste (85. Köther) – Kleindienst (90. Geipl).
Karlsruher SC Gersbeck – Thiede (79. Brosinski), Kobald, Franke, Heise – Gondorf – Jensen (66. Cueto), Wanitzek – Nebel (79. Rossmann) – Kaufmann (79. Rapp), Schleusener (66. Zivzivadze).