Zweite Chance Filmkritik: Kategorien brechen

Von Brigitte Jähnigen 

Nikolaj Coster-Waldau und Maria Bonnevie in „Zweite Chance“ Foto: Verleih
Nikolaj Coster-Waldau und Maria Bonnevie in „Zweite Chance“ Foto: Verleih

Ein Polizist tauscht sein totes Baby gegen eines von Junkies aus: Susanne Bier (Auslands-Oscars für „In einer bessere Welt“, 2010) verwischt in diesem Thriller von lebendiger geistiger Tiefe alle moralischen Grenzen, sie bricht konsequent Kategorien von Gut und Böse, stößt den Zuschauer in die Abgründe menschlicher Existenz.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Zweite Chance"

Babytausch: Andreas, dessen kleiner Sohn unter mysteriösen Umständen starb, stiehlt das Baby eines drogensüchtigen Paares. Sein lebloses Kind beschmiert er mit dem Kot des verwahrlosten Kleinen, wechselt die Garderobe der Babys, lässt sein totes Kind in der Wohnung der Junkies zurück, rast mit dem Auto in die Nacht, reinigt das Kind, legt es daheim ins Babybett. Gibt es für ihn und seine Frau eine zweite Chance auf Familienglück und Normalität? Eine zweite Chance auch für das verwahrloste Junkie-Baby?

Susanne Bier (Auslands-Oscars für „In einer bessere Welt“, 2010) verwischt in diesem Thriller von lebendiger geistiger Tiefe alle moralischen Grenzen, sie bricht konsequent Kategorien von Gut und Böse, stößt den Zuschauer in die Abgründe menschlicher Existenz, weckt Neugier, erschüttert durch Wahrheitssuche und -findung.

Andreas ist Polizeikommissar, sein Baby ein sogenanntes Schreikind, dessen schöne, emotional labile Mutter ­Anna damit immer wieder überfordert. Im luxuriösen Eigenheim aber wird der Schein der Normalität gewahrt. Und in was für eine Gegenwelt ­hinein wurde das Kind von Sanne und Tristan in der Stadt ­geboren: Nur mit Mühe kann das Junkie-Pärchen sein Baby aufziehen. Andreas ist völlig verstört, als er bei einer Razzia das Kind verwahrlost im Bad auf dem Boden­­ findet. Ist der spätere Babytausch nicht eine ­samaritanische Rettungsaktion, nachdem Andreas’ und Annas’ Kleines ­offenbar am plötzlichen Kindstod starb? Doch wie viel richtiges Leben im falschen kann es wirklich geben?

Nikolaj Coster-Waldau, der im dänisch-isländischen Thriller „Vildspor“ gemeinsam mit Mads Mikkelsen vor der Kamera stand und in der Rolle eines arroganten Prinzen in der US-Fantasyserie „Game Of Thrones“ alle Facetten seiner Schauspielkunst zeigt, ist ein brillanter Andreas. Er führt die Fäden in diesem Labyrinth der Fakten und Gefühle. Blitzschnell wechselt er von innerer Anspannung zu echter oder vorgetäuschter Empathie, wirkt ebenso normal wie mysteriös.

Ulrich Thomsen in der Rolle seines Kollegen Simon, der nach einer Scheidung den Boden unter den Füßen zu verlieren scheint, wird zum Korrektiv für Andreas’ verzweifeltes Handeln. Fein differenziert führen Maria Bonnevie als Anna und Newcomerin May Andersen als Sanne vor: Mutterliebe, Überforderung und Affekthandlungen sind milieuunabhängig.

Unsere Bewertung zu "Zweite Chance": 5 von 5 Sternen - anschauen lohnt sich!

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Mehr Input gefällig? Unsere Rezension eines Dramas über eine Leihmutterschaft und Schicksalsverschmelzung "Melodys Baby".

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