Nagomi Norimatsu (links) und Kaori Kochi setzen sich für Kinder ein, die in Fukushima leben. Foto: Lichtgut//Metahan Demirkaya

Auch Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima leben viele Familien noch am Ort des Geschehens. Viele Kinder sind schwer krank. Zwei Stuttgarterinnen aus Japan versuchen, ihnen zu helfen.

S-West - Kurz nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 war Atomkraft auch in Deutschland in aller Munde. Die Grünen erlebten ein Beliebtheitshoch, „Atomkraft, nein danke“-Sticker klebten an Autos, Fahrrädern und Rucksäcken, und Deutschland schwor der Atomkraft ab. Heute – acht Jahre später – ist hierzulande von der Katastrophe in Japan nur noch selten die Rede. Kaori Kochi und Nagomi Norimatsu sorgen dafür, dass das Thema auch in Stuttgart in Erinnerung bleibt. Erst vor Kurzem haben die beiden Japanerinnen im Eltern-Kind-Zentrum (EKiZ) im Stuttgarter Westen den japanischen Dokumentarfilm „Kanon der kleinen Stimmen“ gezeigt und dabei Spenden gesammelt.

Der Film erzählt vom Leben derer, die den Ort der Katastrophe nicht verlassen haben. „Überdurchschnittlich viele Kinder, die heute noch in Fukushima leben, sind an Schilddrüsenkrebs erkrankt“, sagt Nagomi Norimatsu. Viele Leute hat der Film berührt, erzählt auch Elke Arenskrieger vom EKiZ. „Er hat mich noch tagelang beschäftigt“, sagt sie. So ging es wohl vielen. Deshalb haben einige Zuschauer auch zum Geldbeutel gegriffen, um den Familien dort zu helfen. Mit dem Geld ermöglichen Kaori Kochi und Nagomi Norimatsu den Kindern eine Kur, damit sie mal rauskommen. Raus aus dem Gebiet, in dem sie ständig der Strahlung ausgesetzt sind, die sie krank macht. Raus aus dem Gebiet, in dem kleine Kinder nicht draußen spielen dürfen, weil der Boden kontaminiert ist. Und auch die Mütter kommen raus aus dem Gebiet, in dem sie ihren Sprösslingen eigentlich nur verseuchtes Essen servieren können.

Die Arbeit zwingt Menschen, in Fukushima zu bleiben

„Mein Mann hat zum japanischen Neujahr ein Flugticket nach Japan gewonnen“, sagt Nagomi Norimatsu. Als er es ihr geschenkt hat, habe sie sich gedacht: „Damit will ich jetzt etwas Gutes tun.“ Gesagt, getan. Bei dem Besuch in der Heimat hat sie das Geld bei der gemeinnützigen Organisation vorbeigebracht, die den Kindern die Kur ermöglicht.

„Viele Leute fragen uns: Warum ziehen die Familien nicht weg?“, sagt Nagomi Norimatsu. Die Antwort sei oft ganz einfach: Die Arbeit zwinge sie, dort zu bleiben. Außerdem herrsche in Japan oft Ungewissheit über die Gefahr, die noch immer von der Strahlung ausgeht. Die Regierung tue alles, um die Situation klein zu reden. Auch die Massenmedien spielen mit. Unter Kontrolle sei jedoch nichts, sagt Nagomi Norimatsu: „Die Regierung hat einfach den Wert der Strahlung, ab der sie gefährlich wird, nach oben gesetzt.“ Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten – alle seien theoretisch völlig ungefährdet in Fukushima. „Viele Leute in Japan wollen das Thema auch gar nicht so genau beleuchten“, sagt Kaori Kochi. Andere wissen Bescheid. Das spalte die Gesellschaft. Denn gefährlich ist die Strahlung nicht nur in Fukushima nach wie vor. Auch in der Hauptstadt Tokio wurden hohe Werte gemessen.

„Ich habe in Japan ziemlich weit weg von Fukushima gewohnt“, sagt Kaori Kochi. Trotzdem sei die Strahlung auch dort ein Thema gewesen. Sie habe eigenen Reis angebaut – und musste immer nachmessen, ob das Essen auch belastet war. „Das war furchtbar“, erzählt sie. Die Werte erheben die Bürger oft selbst, denn die Regierung fälsche Messungen häufig, so Kaori Kochi.

Auch in Tokio ist Strahlung hoch

Mit der Vorstellung des Films wollen die beiden Frauen das Wissen um die Situation in Fukushima weiterverbreiten. Besonders wichtig finden sie es, das Thema ins Ausland zu bringen, weil im Jahr 2020 die Olympischen Sommerspiele in Japan stattfinden. „In Fukushima selbst soll Baseball gespielt werden“, sagt Nagomi Norimatsu. Auch der Fackellauf beginnt in der Region Fukushima. Wenn die ganze Welt nach Japan blickt, soll sie auch wissen, wie es den Leuten dort geht. Mit dem Film über die Familien können sich viele Leute identifizieren, finden die beiden. Deshalb wollen sie ihn am 15. November im Bürgerzentrum in Stuttgart-West erneut zeigen.

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