Daniela Dunkel und Anna Katharina Hahn haben sich einander durch Vermittlung einer gemeinsamen Freundin angenähert. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn und die Pfarrerin Daniela Dunkel sind Freundinnen. Über eine gemeinsame Freundin haben sie zu einander gefunden. Im Erwachsenenalter gelingt offenbar, was in der Schule aus Eifersucht nicht möglich ist.

Vor fast 20 Jahren haben sie einander kennengelernt. Die Stuttgarter Autorin Anna Katharina Hahn wollte mit ihren kleinen Söhnen zum Krippenspiel. Daniela Dunkel war die Pfarrerin in der evangelischen Markuskirche. Aber erst eine gemeinsame Freundin bracht die beiden zusammen. Ein Gespräch übers Vogelfüttern, Eifersucht unter Schulfreundinnen und den Mut zu glauben.

 

Frau Hahn, Frau Dunkel, wie würden Sie Ihre Freundin beschreiben?

Dunkel: Sie ist eine der liebenswürdigsten Personen, die ich kenne. Charmant und literarisch hoch gebildet.

Hahn: Und Daniela ist eine der mutigsten Personen, die ich kenne. Sie hat keine Angst, anzuecken und ihre Meinung zu sagen. Was ich sehr bewundere, weil ich harmoniesüchtig bin. Außer beim Schreiben bin ich überhaupt nicht mutig. Daniela ist treu und absolut verlässlich.

Dunkel: Wenn das Vertrauen nicht da wäre, gäbe es gar keine Freundschaft. Sonst kommt man sich ja gar nicht nahe.

Hahn: Zu wissen, dass Geheimnisse bei der anderen gut aufgehoben sind, ist ja die Voraussetzung von Freundschaft. Sonst kann man einander nichts erzählen.

Dunkel: Das Schöne an Freundschaft ist ja, dass man die Schamgrenze auch mal überschreiten kann. In einer Freundschaft wird man mit seinen Schwächen und den Seiten angenommen, die nicht so schön sind. Das ist wirklich ein Geschenk.

Ihre Freundschaft war nicht schon immer da. Sie mussten irgendwann mal den Schritt tun, aufeinander zugehen.

Dunkel: Das war in einer Zeit, da war Anna für mich einfach eine junge Mutter aus der Gemeinde.

Hahn: Etwa um 2007, vor meinem Durchbruch mit „Kürzere Tage“. Ich wollte mit meinen kleinen Jungs in die Kinderkirche zum Krippenspiel.

Als Katholikin sind Sie in eine evangelischen Kirchengemeinde gegangen?

Hahn: Ja. Aber ich bin ein Wanderer zwischen den Welten, auch wenn mir die evangelische Kirche vom Verstand her näher ist.

Dunkel: Sie ist aber auch im schönen Sinn verankert in den katholischen Traditionen. Das finde ich spannend und für mich auch sehr bereichernd.

Hahn: Über Glauben kann ich auch nur mit Daniela sprechen. Mit einer Theologin, die es nicht als intellektuelle Bankrotterklärung ansieht, dass man glaubt.

Aber wie sind Sie näher in Kontakt gekommen?

Dunkel: Beim Krippenspiel hat sich Anna bei mir gemeldet, ob sie mich unterstützen kann.

Frühstück bei Anna Katharina Hahn Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Und warum sind Sie ausgerechnet in Frau Dunkels Gemeinde mit Ihren Kindern gegangen?

Hahn: Ich hatte schon Danielas Vorgängerin als Pastorin erlebt. Mein Vater war öfters in der Markuskirche im Gottesdienst und hat Daniela „die schöne Frau Dunkel“ genannt. Da habe ich auch ein Auge auf sie geworfen. Und auf einmal leitete sie das Krippenspiel. Aber als Katholikin war ich es gewohnt, respektvoll Abstand zur Pastorin zu halten. Doch dann kam unsere gemeinsame Freundin. Sie war in der Gemeinde fest verwurzelt und hat mich zum Frühstück eingeladen. Als es dann klingelte, kam Daniela herein.

Dunkel: Ich wurde angelockt.

Hahn: Und dann warst du ein ganz normaler Mensch. Hast gelacht und geschimpft. So ganz anders, als ich es mir in meinen Kopf vorgestellt habe. Unsere gemeinsame Freundin war äußerst hartnäckig, uns zusammenzubringen. Ich habe oft gedacht, ich habe keine Zeit, wochentags zum Frühstück. Und sie sagte immer: „Die Frau Dunkel kommt auch“.

Dunkel: Ein gemeinsames Frühstück mit Anna Katharina Hahn war schon sehr attraktiv! Ich hätte von mir aus nicht gewagt, sie einzuladen, und wäre mir aufdringlich vorgekommen.

Hahn: Mir ging’s ähnlich. Und das Krippenspiel war jedes Jahr eine Herausforderung.

Dunkel: Wir haben jeden Sonntag in der Kinderkirche das Krippenspiel geprobt.

Hahn: Am Heiligabend stand Daniela vor der Haustür, um sich bei mir zu bedanken. Ich hätte sie so gerne hoch gebeten, aber mich das nicht getraut. Ohne unsere Freundin wären wir nicht zusammengekommen.

Dunkel: Sie hatte die große Gabe, uns Raum zu geben. Sie war eine tolle Gastgeberin. So haben wir uns intensiv kennengelernt.

Das muss man können, Freundinnen zu teilen. Sie war offenbar frei von Eifersucht.

Dunkel: Ja, sie konnte sich zu unseren Gunsten stark zurücknehmen.

Hahn: Sie hat uns reden lassen und zugehört. Das hat sie uns geschenkt. Als sie krank wurde, haben wir sie mit vielen anderen aus ihrem sozialen Netzwerk am Lebensende begleitet. Das hat uns verbunden.

Können Sie mit dem Begriff beste Freundinnen etwas anfangen?

Hahn: Für mich ist der Begriff beste Freundin in der Unizeit gestorben. Damals merkte ich, dass man mit mehr als einer Freundin durchs Leben gehen kann. In der Schulzeit litt ich immer an Eifersucht, wenn zu mir und meiner besten Freundin noch jemand dazukam. Es ist vielleicht ein Zeichen von Reife, wenn man merkt, dass man man seine Zuneigung teilen kann. Ich habe nicht viele Freundinnen. Aber die, die ich habe, sind mir lieb und teuer.

Können Sie mit dem Begriff beste Freundin, etwas anfangen?

Dunkel: Ich denke, es sind auch immer wieder Phasen, in denen man mit einer Person besonders intensiv ist, weil es in einer speziellen Lebensphase etwas gibt, was einen speziell mit ihr verbindet. Vielleicht weil man gemeinsame Erfahrungen teilt.

Hahn: Aber die allerbesten Freundinnen bleiben dann. Zwei Studienfreundinnen und eine aus der Schule, die habe ich heute noch.

Dunkel: Mein Beruf ist so zeitaufwendig, dass ich viele Freundschaften nicht so intensiv pflegen kann, wie ich gerne möchte. Durch die Gemeinde habe ich aber so viele soziale Kontakte, dass ich davon wirklich erfüllt bin. Da ist vieles freundschaftlich und familiär. Dadurch, dass ich an vielen Schicksalen meiner Gemeindemitglieder Anteil nehme, fühle ich mich ihnen nah.

Was unterscheidet Freundinnen von Geschwistern?

Dunkel: Mit meiner Schwester teile ich alles aus der Kindheit. Freundinnen wachsen einem mehr aus der Neigung irgendwann zu. Aus Sympathie. Innerhalb der Familie bleibt man auch eng miteinander verbunden, auch wenn es knirscht.

Das kann es ja auch unter Freundinnen geben . . .

Dunkel: Ja, das stimmt. Da ist dann allerdings die Frage, ob man es ausschleichen lässt, wenn es nur noch knirscht.

Hahn: Oder man lässt Themen außen vor, um des lieben Friedens willen, weil man die andere so gerne hat, dass man sie nicht missen will. Für mich ist mein Bruder mein Fels in der Brandung.

Hat es zwischen Ihnen schon mal geknirscht?

Hahn: Vielleicht, wenn wir über Politik reden.

Dunkel: Freundschaften erweitern ja auch den eigenen Horizont. Die Argumente meiner Freundin regen mich durchaus an, darüber nachzudenken.

Hahn: Ich denke, das bist einfach du. Mit anderen Ansichten wärst du nicht mehr du. Es erscheint mir unreif, immer in seiner Blase zu bleiben. Für mich ist es viel spannender, Freunde zu haben, die aus einem ganz anderen sozialen Kontext kommen.

Dunkel: Aber unterschiedlichen Meinungen über Literatur oder einzelne politische Themen entzweien uns nicht. Es ist ja etwas anderes, das uns verbindet.

Haben Sie ein Ritual, das Sie verbindet?

Dunkel: Spazierengehen.

Hahn: Ja. Mit Hund. Wir sind beide Tierfreundinnen, können aber keine halten. Deshalb leihen wir uns manchmal den Hund meines Bruders oder einer Freundin aus.

Dunkel: Anna hat mich zum Vogelfüttern gebracht. Meine Vogelliebe verdanke ich ihr. Sie hat mir einfach Futter geschenkt und gesagt: „Du müsstest doch eigentlich auf deinem Balkon Vögel haben.“ Dann habe ich damit angefangen und gemerkt, dass mir das Riesenspaß macht.

Hahn: Nie kommt ein Vogel zu mir. Alle sind bei Daniela. (lacht)

Dann lernen Sie ja auch noch voneinander.

Dunkel: Wenn man jemanden sympathisch findet, dann ist die große Chance von Freundschaft, dass man sich gegenseitig positiv beeinflusst.

Was haben Sie gelernt?

Hahn: Dass ich mich nicht mehr so zurückhalte in religiösen Dingen und in den Chor der Verächter einstimme, sondern sage, dass es mir etwas gibt zu glauben. Und dass man dadurch kein Trottel ist. Mich tröstet es.

Dunkel: Ich habe von ihr in vielen Bereichen Toleranz gelernt.

Autorin und Pfarrerin

Anna Katharina Hahn
 (54) Die Autorin ist in Ruit auf den Fildern aufgewachsen. 1990 geht sie zum Studium der Germanistik, Anglistik und Volkskunde nach Hamburg. Sie lebt lange in der Hansestadt und später in Berlin, bis sie nach Stuttgart zurückkehrt. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Den Durchbruch hat sie 2009 mit ihrem Roman „Kürzere Tage“. In ihrem aktuellen Roman „Der Chor“ geht es um Freundschaften in einem Frauenchor. Die Handlung hat sie im Stuttgarter Süden angesiedelt.

Daniela Dunkel
 (61) Die evangelische Pfarrerin hat in Heidelberg, München und Tübingen Theologie studiert. Sie ist seit mehr als 20 Jahren als Seelsorgerin zuständig für das Pfarramt Markus-Haigst, zuvor in der Markusgemeinde. Sie lebt mit ihrem Mann im Stuttgarter Süden – nicht weit entfernt von Anna Katharina Hahn.