Zwei Schüler des Mörike-Gymnasiums erinnern sich Tote gab es und selbst erkämpfte Freiheit

Von Roland Appel und Martin Fischer 

Sie wurden  Anwälte, Ärzte, Physiker und eine des Jahrgangs  wurde  eine Terroristin. Im Jahr 1967 wurde Foto: Horst Rudel
Sie wurden Anwälte, Ärzte, Physiker und eine des Jahrgangs wurde eine Terroristin. Im Jahr 1967 wurde Foto: Horst Rudel

Der Umbruch der 68-er ging durch den ersten Jahrgang des Mörike-Gymnasiums. Roland Appel und Martin Fischer erinnern sich.

Esslingen - Sie gehörten zu den Schülern der ersten Stunde des Mörike-Gymnasiums, das 1967 in der ehemaligen Mädchenschule an der Esslinger Neckarstraße eingerichtet wurde. Die neuen Gymniasasten fanden sich dort in einer Mischung aus schwarzer Pädagogik und Reformwillen der 1968-er wieder. Eine Schülerin, Eva Haule, die später Terroristin werden sollte, gehörte zu den coolen. Man traf sich mit ihr zum Karten spielen oder in der Kneipe. Sie verließ die Schule und studierte später an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen.

Der erste Jahrgang 67 hatte Lehrer, die vom Zweiten Weltkrieg schwer traumatisiert waren und entweder daran zerbrachen oder unablässig davon erzählten, Psychotherapie – damals undenkbar. Nicht verarbeitete Kriegserlebnisse spielten in dieser Lehrergeneration durchaus eine Rolle – da gab es einen Herrn, der im Unterricht gerne von Panzerschlachten in Russland erzählte und natürlich vor dem Kommunismus der 68-er warnte.

Vom Krieg traumatisiert

Ein Lehrer zerbrach an seinem Trauma und wurde wahnsinnig, und noch einen zweiten Lehrer verlor der Jahrgang. Ein Lateinlehrer kippte im Schullandheim beim Wandern im Wald um. Nach einer halben Stunde trafen die Rettungssanitäter ein. „Den könnet ihr morge im Leicheschauhaus besichtige“, sagten sie, was die Zwölf- und Dreizehnjährigen völlig fassungslos machte. Das Schullandheim wurde nach drei Tagen abgebrochen und ein stiller Bus voller Kinder fuhr heim. Nur wenige trauten sich zu flüstern, die Aufarbeitung waren die Beerdigung und die Ansprache unserer Klassenlehrerin an uns.

Die 68er kamen und eine andere Generation von Lehrern ging ans Werk. Eine davon war die Mitgründerin des Komitees für Grundrechte und Demokratie, einer der wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen der Bundesrepublik. Sie war ziemlich unkonventionell. Sie schickte einmal die Jungs zu Beginn des Schuljahres 1969 hinaus, um mit den Mädchen „unter Frauen“ zu reden. Emanzipation stand auf der Tagesordnung und damit auch die Frage, ob man die alte Sitzordnung – links die Mädchen und rechts die Jungs – akzeptieren wollte. Die Schüler müpften auf. Sie brachten ihr Anliegen vor und die Lehrerin fragte, wer denn nebeneinandersitzen wolle. Schweigen, bis sich die ersten trauten, sich neben ein Mädchen zu setzen. Es war ein erstes Stück selbst erkämpfter Freiheit.

Als Willi Brandt zum Bundeskanzler gewählt wurde, bekamen die Schüler das Gefühl, dass sich Engagement lohnt, dass man etwas verändern kann. Aber es kam noch etwas anderes hinzu: Aufklärungsunterricht. Als Sensation galt ein Film, „Helga“ hieß er wohl, bei dem eine echte Geburt zu sehen war, und weil dies als „nicht jugendfrei“ galt, mussten alle von den Eltern eine Einverständniserklärung einholen. Damals waren die Lehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern standen den Kindern in Lebensfragen treu zur Seite. Das bedeutete, ob Liebeskummer, Elternkonflikte, ungewollte Schwangerschaft oder weniger gewichtige Sorgen – es gab einen Ansprechpartner, auch mal nachts um halb zwei, dem alle vertrauten. Es waren Lehrer, die Chemie und Zivilcourage genauso predigten wie Französisch und Antifaschismus, und die auch die ersten Alkoholexzesse souverän nachsichtig rügten „Henner a Schnäpsle trunke?“

Es gab auch Schattenseiten

Aber es gab auch Schattenseiten. Pädagogische Ausfälle wie ein Mathematiklehrer, bei dem niemand besser war als „4+“, ein Musiklehrer, dessen Blick viel zu oft und zu auffällig unter die Miniröcke der Mädchen glitt. Und der alte Schulleiter, der prahlte, er habe den Leichnam Che Guevaras gesehen, der „endlich erledigt worden“ sei. Er erreichte damit bei den Schülern genau das Gegenteil von dem, was er wollte.

Es gab damals noch keine Oberstufenreform mit individuellem Unterricht, dafür eine Klassengemeinschaft. Vielleicht waren es die gemeinsamen kleinen Schurkereien, das Rauchen und Knutschen am Neckarkanal, die kleinen Geheimnisse und Erlebnisse, die zusammenschweißten.

Latein etwa war für viele eine Hürde – also entwickelten die Schüler bei „Cäsar“ und „Cicero“ ein organisiertes Auffinden der Übersetzungsstellen, indem systematisch die ersten Sätze der Kapitel übersetzt wurden. Hatte jemand die richtige Stelle in der Übersetzung gefunden, ging der Hinweis durch die ganze Klasse. Dann kam es zu einem zufälligen kollektiven Räuspern, bis die Seite herausgerissen war und die Klassenarbeit weitergehen konnte. Man schrieb auch durchaus mal für andere eine Hausarbeit. Ein Schüler kam bei der fremden Arbeit auf eine „1“ und bei der eigenen auf eine „2“, was der Lehrer nach dem Abi so kommentierte: „Für deine Arbeit war dann wohl nicht mehr Zeit genug übrig.“ Die Schüler lernten auch, Fehlschläge zu verkraften oder eigene Hilflosigkeit zu erleben. Ein künstlerisch wunderbar begabter und hoch sensibler Schüler nahm sich wenige Jahre nach dem Abi nach drei erfolglosen Versuchen, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, das Leben.

Neulich hat sich der 67-er Jahrgang wieder getroffen: Sie sind Physiker, Ärzte, Anwälte und Manager geworden. Eva Haule war nach Berlin gegangen, radikalisierte sich in der Hausbesetzer-Szene, stieß als Terroristin der dritten Generation zur RAF, wurde gefasst und bekam lebenslänglich.

Sie wurde 2007 auf Bewährung entlassen und arbeitet heute als Fotografin. Zum Klassentreff nach 50 Jahren wurde sie eingeladen, und sie kam. Denn das „Mörike“ war der Punkt, wo sich die Lebenslinien kreuzten, und wo man zusammenhielt, auch noch 50 Jahre später.

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