George Floyd ist zu einem Symbol des Widerstands gegen Polizeibrutalität geworden. Foto: dpa/Christine T. Nguyen

Vor zwei Jahren löste der Tod George Floyds eine internationale Bewegung gegen Rassismus aus. Und noch heute bedroht Alltagsrassismus auch bei uns die Chancengleichheit, kommentiert Erdem Gökalp.

Die Geschichte des Widerstandes gegen Rassismus in den USA ist eine Geschichte der Niederlagen. Im Jahr 1962 schrieb der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin zum hundertsten Jahrestag der Sklavenbefreiung in den Vereinigten Staaten: „Dieses Land feiert hundert Jahre Freiheit hundert Jahre zu früh.“ Rassismus ist in den Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft leider zutiefst verankert, doch als vor zwei Jahren der Afroamerikaner George Floyd vor laufender Kamera von einem weißen Polizisten ermordet wurde, wurde an diesen Grundfesten gerüttelt. Die Entschlossenheit der antirassistischen Bewegung, die daraus entstanden ist, hat die ganze Welt erreicht. Für eine kurze Zeit hatte man die Hoffnung auf Veränderung.

 

Erstarkung der Gegenbewegung

Diese Erwartung ist schnell der bitteren Realität gewichen. Die Proteste, an denen Millionen von Menschen in den USA teilgenommen haben, blieben nicht friedlich. Es folgten Monate andauernder Ausschreitungen und die schwersten Unruhen, die das Land in den vergangenen 50 Jahren gesehen hatte. Die Polizei machte mit einer Brutalität auf sich aufmerksam, die viele verstörte und auch nicht vor Journalisten haltmachte.

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Ebenso wie die internationale Black-Lives-Matter-Bewegung nach Floyds Tod erstarkt ist, ist auch die Gegenbewegung stärker geworden. Der damalige US-Präsident Donald Trump lehnte es ab, die nationale Empörung für einen Einsatz gegen Diskriminierung zu nutzen. Stattdessen ließ er mithilfe von Sicherheitskräften ein Zentrum der Ausschreitungen in Washington räumen, um sich für seine Wählerschaft mit einer Bibel vor einer Kirche ablichten zu lassen. Trump hat gezeigt, dass wir das Thema Rassismus nicht der Politik überlassen können.

Ein Ringen mit dem eigenen Weltbild

Der Kampf gegen systematische Diskriminierung ist immer auch ein Ringen mit dem eigenen Weltbild. Die Gesellschaft wird um kein Jota gerechter werden, wenn sich die Mehrheit eines Landes nicht davon überzeugen lässt, dass es ethnische und religiöse Minderheiten gibt, deren Leben Grenzen gesetzt werden. Teile dieser Minderheiten tragen ein höheres Risiko, Armut und Krankheiten ausgesetzt zu sein, sie haben schlechtere Chancen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, und sie werden Ziel des sogenannten „racial profiling“ und damit öfter von Sicherheitskräften aufgrund ethnischer Zugehörigkeiten eines Verbrechens verdächtigt. Wenn es uns nicht gelingt, uns mit unseren eigenen Vorurteilen zu befassen, opfern wir die Sicherheit unserer Mitbürger.

Stuttgarter Krawallnacht als Folge der Ausschreitungen in den USA

Wie sehr schon alleine der im Raum stehende Vorwurf rassistischer Strukturen, der nach Floyds Tod auch in Deutschland mehr denn je erhoben wurde, das gesellschaftliche Klima vergiften kann, konnte man wenige Wochen danach in Stuttgart beobachten. Was als eine unauffällige Drogenkontrolle von Jugendlichen in der Stuttgarter Innenstadt angefangen hatte, eskalierte in der Nacht des 20. Juni 2020 zu einem Gewaltexzess. Es wurden Schaufenster zerstört und Geschäfte in der Königstraße geplündert, Polizisten wurden getreten und geschlagen. Auch wenn die Verhältnisse, sowohl mit Blick auf die Gesellschaft allgemein wie auch die innerhalb der Polizeibehörden, keineswegs vergleichbar sind: Die Beamten wurden im Anschluss mit dem Vorwurf konfrontiert, aufgrund von rassistischen Vorurteilen Polizeikontrollen durchzuführen, was die Stimmung aufgeheizt habe. Ein tiefes Misstrauen gegenüber den Beamten war spürbar.

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Eine Spaltung ist auch in Deutschland zu beobachten, und es scheint manchmal, als wären wir genauso auf dieser Seite des Atlantiks hundert Jahre zu früh dran, wenn wir heute das Ende des Rassismus feierten.