Zwei, die sich sofort gemocht haben: Eitan Halley könnte Irene Shashars Enkel sein. Dem Tod ins Auge geschaut haben beide. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Sie könnte Oma und Enkel sein. Beide leben in Israel. Beide sind Überlebende. Irene Shashar (89) hat als Kind das Warschauer Ghetto überlebt, Eitan Halley (28) das Massaker vom 7. Oktober 2023. Uns haben sie berichtet, was sie verbindet.

Dass sie sich sympathisch sind, sieht man sofort. Die zierliche und quicklebendige Irene Shashar (87) steht neben Eitan Halley (29). Er legt die Arme um sie. Sie hat das Warschauer Ghetto überlebt, er den Überfall der Terroristen der Hamas auf das Nova-Musik-Festival am 7. Oktober 2023. Sie kennen sich nicht und fühlen sich dennoch tief verbunden. Was die beiden verbindet und was ihnen Kraft gibt, erzählen sie im Interview.

 

Frau Shashar, Herr Halley, haben Sie einander schon vor dem Massaker vom 7. Oktober 2023 gekannt?

Irene: Nein.

Eitan: Wir haben uns erst vor zwei Tagen kennengelernt. Aber da war sofort eine Verbindung zwischen uns.

Irene: Wir sind beide Überlebende. Er hat 2023 überlebt, ich 1943. Da ist meiner Mutter und mir die Flucht aus dem Warschauer Ghetto gelungen.

Warum fühlen Sie sich so sehr verbunden?

Eitan: Ich glaube, weil wir beide extrem dramatische Dinge erlebt haben. Für mich ist Irene ein Vorbild. Sie hat so furchtbare Dinge erlebt, und es ist ihr doch ein faszinierendes Leben gelungen. Sie ist die glücklichste Frau, die ich jemals gesehen habe. Das ist inspirierend für mich.

Hand in Hand: Irene Shashar und Eitan Halley Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eitan, haben Sie Ihre Geschichte schon oft erzählt?

Eitan: Ich habe als Softwareingenieur gearbeitet. Aber ich hatte das Gefühl, ich tue nicht genug. Ich hatte das Gefühl, irgendwie Verantwortung übernehmen zu müssen. Ich war einer der Protagonisten in dem israelischen Dokumentarfilm „We will dance again“ über das Nova-Festival. Ich wurde gefragt, ob ich zu den Premieren des Films in New York und Los Angeles kommen will. Ich sagte zu. Und nachdem ich dort auf der Bühne gestanden hatte, wusste ich, dass ich das machen muss. Also bin ich zurück nach Israel und habe gekündigt. Seit 27. November bin ich jetzt unterwegs.

Für Irene liegen die mörderischen Erlebnisse 80 Jahre zurück, für Sie gerade mal ein Jahr und drei Monate. Wie nah ist das alles für Sie? Wie leben Sie mit all dem?

Eitan: Jeder Tag ist wie Achterbahnfahren. Man kann aufwachen und extrem glücklich sein – und am Ende des Tages extrem traurig. Was ich gelernt habe, ist: Es gibt Hoffnung für ein besseres Leben. Aber ich muss für eine lange Reise bereit sein.

Das ist Ihnen bewusst?

Eitan: Das weiß ich. Es kann sein, dass ich morgens glaube, etwas verstanden zu haben, am Ende des Tages aber verwirrter bin als vorher. Das passiert regelmäßig. Das Leben ist weiter Achterbahnfahren. Aber so ist das Leben.

Irene, können Sie ihm irgendeinen Rat geben?

Irene: Er könnte ja mein Sohn oder Enkel sein, was auch immer Sie wollen. (Drückt seine Hand.) Ich würde zu ihm sagen: Eitan, schau, wie viel Glück du gehabt hast. Du hast diesen Horror überlebt. Aber wenn du zurückguckst, fragst du dich, warum haben die anderen nicht überlebt? Das verbindet uns. Auch mich begleitet die Frage, warum die eineinhalb Millionen anderen Kinder den Holocaust nicht überlebt haben. Ich saß in einem Küchenschrank und habe immer Angst gehabt, dass ich entdeckt werde. Und jetzt sitze ich hier, habe zwei Kinder und sieben Enkel. Und ich kann sagen: Das Leben ist wunderschön.

 

Gibt es eine Lehre daraus?

Irene: Lasst niemals zu, dass so etwas noch mal passiert. Und dann passiert der 7. Oktober. Manchmal wache ich auf – Eitan geht es vermutlich genauso – und denke, das war alles nur ein Albtraum. Wir haben geglaubt, wir hätten das beste Militär im Mittleren Osten, und dann muss er sieben Stunden auf seine Rettung warten. Und ich musste sechs Jahre warten, bis ich aus dem Horror rauskam – weil die Welt still war. Und heute ist die Armee nicht gekommen. Früher gab es keinen Staat Israel. Das ist der große Unterschied. Heute denke ich, wenn ich die Grenze passiere, wenn ich da bin, werden sie mich umarmen und beschützen.

Fühlen Sie sich noch sicher in Israel?

Eitan: Ich fühle mich nicht nur nicht mehr sicher. Es ist eher noch schlimmer. Ich vertraue niemandem mehr. Ich vertraue nur mir selbst. Ich will immer zu 100 Prozent auf mich aufpassen. Es fällt mir schwer, anderen zu vertrauen, die etwas für mich tun. Denn als ich das Militär und die Polizei am dringendsten gebraucht habe, waren sie nicht da. Das hat Irene auch erlebt. Was wir daraus lernen können, ist, dass man sich um sich selbst kümmern muss, nur dann sind auch die anderen in der Lage, etwas für dich zu tun. Manchmal muss man sein Leben selbst retten. Wie Irenes Mutter, die mit ihr durch die Kanalisation aus dem Ghetto geflüchtet ist. Oder wie ich, der ich zusammen mit anderen in dem Schutzraum gegen die Terroristen gekämpft habe. Das half mir, und das half ihr zu überleben. Das ist eine wichtige Lektion, die man im Leben lernen muss.

Haben Sie erwogen, Israel zu verlassen?

Eitan: Ich habe nach dem 7. Oktober darüber nachgedacht. Oft. Ich bin in den USA geboren. Ich war sieben Jahre alt, als ich mit meiner Familie dorthin gegangen bin. Mir gefällt, dass man in Israel seine Meinung sagen kann und doch noch mit Menschen befreundet sein kann, die eine andere Meinung haben. Anderswo ist es nicht so. Das liebe ich an Israel. Dort kann man man selbst sein. Ob ich für immer dableibe, kann ich nicht sagen. Aber gerade passt es.

Irene: Ich habe einen Enkel, der ist in dem Alter, in dem man zum Militär muss. Er war in Syrien, im Libanon und in Gaza. Wir haben nachts nicht geschlafen, als er dort war. Jetzt ist Waffenruhe. Ich bin eine alte Dame, eine Großmutter, eine Überlebende aus Polen, die nach Israel gegangen ist, dort geheiratet hat, die stolz ist, tolle Kinder hat, die in Jerusalem geboren sind, und muss den 7. Oktober erleben. Im Libanonkrieg wurde mein Sohn verletzt. Warum haben wir das alles verdient? Weil wir jüdisch oder Israelis sind? Ist das unser Schicksal? Wir bitten die Welt, nicht zu schweigen und uns gegen die zu helfen, die uns auf der Landkarte ausradieren wollen.

Gibt Ihnen das Überleben Kraft?

Irene: Es macht mich wahrscheinlich resilienter.

Eitan: So geht es mir auch. Alles, was man erlebt, kann man von zwei Seiten betrachten. Man kann fragen, warum einem das passiert ist. Oder man kann sagen, okay, das ist mir passiert. Was kann ich daraus lernen? Ich versuche, Letzteres zu tun. Aber das ist leicht gesagt und schwer getan. Wenn man positiv gestimmt ist, hilft einem das im Leben.

Die beiden Zeitzeugen

Irene Shashar
Die heute 87-Jährige lebte damals als einziges Kind mit ihren Eltern in Warschau. Dort pferchten die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung auf engen Raum im Warschauer Getto zusammen. Als der Vater ermordet wird, wagt die Mutter mit ihrer Tochter durch die Kanalisation die Flucht in den arischen Teil Warschaus, so nennt Irene Shashar den Teil der polnischen Stadt, in der sie fortan lebt. Die Mutter findet mit ihr Unterschlupf bei Freunden. Irene überlebt versteckt in einem Schrank die Zeit bis Kriegsende. Mit ihrer Mutter geht sie daraufhin nach Paris. Da ihre Mutter arbeiten muss, lebt sie in einem Waisenhaus mit Waisen, deren Eltern im Holocaust ermordet werden. Alle Kinder lieben ihre Mutter, die am Wochenende die Kinder mit Süßigkeiten und Geschenken besucht. Irene spricht von einer glücklichen Zeit. Doch dann stirbt ihre Mutter an einem Herzinfarkt. Einer ihrer Verwandten holt sie nach Peru. Dort lebt Irene wie die eigene Tochter des Paares mit einer Schwester und einem Bruder. Als sie nach Israel reist, verliebt sie sich in das Land und einen Israeli. Seitdem lebt sie dort, hat zwei Kinder und sieben Enkel. Ihre Geschichte hat sie an der FES zum ersten Mal in einer deutschen Schule erzählt.

Eitan Halley
Der 29-Jährige ist in Amerika geboren. Als er sieben Jahre alt war, zog seine Familie nach Israel. Er ist Softwareingenieur. Am 7. Oktober besuchte er das Nova-Musik-Festival. Vor den angreifenden Terroristen flüchtete er in einen Schutzraum, in dem immer mehr Menschen Schutz suchten. Unter ihnen waren auch zwei Soldaten. Gemeinsam versuchen sie, die Handgranaten abzuwehren, die die Angreifer auf den Schutzraum werfen, indem sie sie schnell zurückwerfen. Es kommt zu mehreren Explosionen, bei denen viele Menschen sterben. Eitan überlebt inmitten vieler Toter. Nach sieben Stunden kommt ein Zivilist, der eigentlich seinen Sohn sucht und holt Hilfe.