Jedes ihrer sechs Pflegekinder hatte einen schweren Start ins Leben. Andrea und Tanja Wefing geben ihnen die Geborgenheit zurück, die sie zum Überleben in dieser Gesellschaft brauchen.
Dass die Chihuahua-Dame Lilly noch nicht zertreten oder überfahren wurde, grenzt an ein Wunder. Immer von 15 Uhr an, wenn ihre Mitbewohner nach Hause kommen, beginnt im Wohnzimmer der Familie Wefing die Rushhour. Erik, 14, und Louisa, 4, rollen im Rollstuhl zur Terrassentür herein. Jeremy, 8, schleicht um den Teller mit den Keksen herum. Mimi, 13, kommt in wechselnder Garderobe aus ihrem Zimmer und fragt, wie sie ihr Haar tragen soll. „Lass es offen“, rät Andrea, Pflegemutter eins, während Tanja, Pflegemutter zwei Jeremy auf die Finger klopft. Die Kekse sind für die Besucherinnen gedacht, für Mona und Reda. Auch die beiden Schwestern haben noch vor wenigen Jahren in dem Reiheneckhaus in Stuttgart-Plieningen gewohnt. Reda hat auch noch ihren Freund mitgebracht. Kater Fuchur kommt zur Tür rein, schaut in die Runde – und geht gleich wieder.
Lilly, die Hündin, kam in die Familie, weil ihr Frauchen, eine Nachbarin der Familie Wefing, ein Alkoholproblem hat. Eines Tages nahm die Polizei die Nachbarin mit, nicht aber den Hund. Irgendwie war klar, dass Andrea und Tanja Wefing den Winzling zu sich nehmen. So wie Lilly stammen alle ihre Pflegekinder aus einem schwierigen Elternhaus. „Eine Seele mehr, das macht doch keinen Unterschied“, sagt Andrea.
Die Jüngste im Kurs für angehende Pflegeeltern
Die verwundeten Seelen haben es der 45-Jährigen angetan. Zehn Jahre alt war sie, ein Einzelkind, als sie in einem Ferienzentrum im Emsland Patrick kennenlernte. Der Sechsjährige war mit einer Heimgruppe da. Verbrennungen hatten sein Gesicht entstellt, weil der Vater ihn an die Heizung gebunden hatte. Die Erzieher erlaubten Patrick, Ausflüge mit Andrea und ihren Eltern zu machen, zum Abendessen zu bleiben. Als die Ferien zu Ende gingen, flehte Patrick ihre Mutter an: „Ich möchte auch eine Mama, nehmt mich mit nach Hause.“ Auch Andrea bearbeitete ihre Eltern. „Ich will einen Bruder, ich mache auch Platz in meinem Zimmer.“ Noch Jahre später erhielt sie Briefe von Patrick in krakeliger Schrift. „Damals habe ich mir geschworen: Wenn wieder ein trauriges Kind ein Zuhause sucht, nehme ich es zu mir“, sagt sie.
Im Kurs für angehende Pflegeeltern war Andrea dann auch mit Abstand die jüngste Teilnehmerin. „Ich war 19, Single, die anderen Ende 30, verheiratet und ungewollt kinderlos“, erinnert sie sich. Im selben Jahr nahm sie Lukas auf, ein Neugeborenes. Danach kamen Jasmina, Burak, Ahmet, Oktay, Patricia, Christian. Kein Kind blieb länger als ein Jahr. Immer wenn die Probleme in den Herkunftsfamilien abebbten, kehrten die Kinder dahin zurück.
Die ersten, die blieben, waren Reda und Mona, damals zwei und drei Jahre alt. Der Vater, ein im Bürgerkrieg traumatisierter Sudanese, hatte die Mädchen geschlagen und eingesperrt. Als klar war, dass sie nicht zurückkehren konnten, entschied sich Andrea Wefing, sie bei sich zu behalten.
Der Vater prügelte die schwangere Mutter ins Koma
2007 nahm sie Jessie zu sich, ein Neugeborenes und ihr erstes Pflegekind mit Behinderung. Sie kam ohne Großhirn zur Welt, die Ärzte gaben ihr zwei Monate. „Ein reizendes Mädchen, und zäh. Sie schaffte es bis zum ersten Geburtstag“, erinnert sich Andrea. Nach ihr kam Erik, ein Russlanddeutscher, damals ein Jahr alt. Die Mutter hatte die Schwangerschaft über Wodka getrunken. Ihre Begründung: Den ersten beiden Söhnen hat das auch nicht geschadet. Erik schon. Er kann nicht laufen, nicht sprechen. Trotz seiner 14 Jahre ist er geistig auf dem Stand eines Einjährigen. Auch er bleibt. Die Eltern wollen keinen Kontakt zu ihm.
Mimi stieß ein Jahr später dazu. Der Vater hatte ihre Mutter während der Schwangerschaft so stark geprügelt, dass sie ins Koma fiel. Die Ärzte mussten ihr starke Medikamente geben – wohl wissend, das Leben von Mimi aufs Spiel zu setzen. Sie überlebte. In Mimis Gesicht haben sich Nase und Mund etwas verschoben. Aber sie kann gut damit leben. Als Mimi mal nach ihrem größten Wunsch gefragt wurde, sagte sie nicht, sie wolle aussehen wie alle anderen. Sie wünscht sich, alle würden aussehen wie sie.
Dann kam der Anruf von Tanja. Beide Frauen glauben, dass dabei höhere Mächte im Spiel waren. „Ich hatte vergessen, eine Einliegerwohnung aus dem Internet zu nehmen, die ich immer vermietet hatte, als ich noch in Kaltental wohnte“, erzählt Andrea. Tanja meldete sich bei ihr, weil sie für eine Fortbildung in Stuttgart eine Unterkunft mieten wollte. Sie verliebten sich schon am Telefon. Mona erinnert sich gut an die erste Begegnung mit ihrer zweiten Pflegemutter. „An dem Tag flog ich von der Schule.“ Andreas aufreibender Alltag hätte andere Frauen in die Flucht geschlagen. Tanja fühlte sich sofort zu Hause und blieb. „Ich bin Erzieherin und arbeitete damals in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe.“ Auch Tanja hat ein Herz für verwundete Seelen.
Jeremy lebt mit der Angst, beim Essen zu kurz zu kommen
Kurz darauf kam Jeremy zur Welt. „Unser erstes gemeinsames Kind“, sagt Andrea schmunzelnd. Die leiblichen Eltern konnten Jeremy wegen „schwieriger Lebensumstände“ nicht versorgen. „Er hat bis heute Angst, beim Essen zu kurz zu kommen“, erzählt Andrea. Darum die Sogwirkung der Kekse. Mit zwei Jahren zog Jeremy zu den Wefings. Er ist geistig und körperlich nicht beeinträchtigt, aber schnell wütend. Sehr wütend. In seinem Zimmer hängt ein Boxsack, an dem er sich verausgaben kann, wenn die Reize überhandnehmen. Im Unterricht beobachten ihn zwei Schulbegleiter. „Ich bin äußerlich nicht behindert, aber innerlich irgendwie“, sagt der Achtjährige. Seine großen Lego-Sets hat er bei seinen Mütter abgegeben. „Damit ich sie nicht kaputt mache.“ Jeremy ist ein ausgezeichneter Schachspieler – und nachts trägt er Windeln. So gern hätte er einen Kumpel. „Es ist viel leichter, mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung zu leben, als mit einer seelischen Verletzung“, sagt Andrea.
Das zeigt ihnen Louisa, die jüngste ihrer Pflegekinder. Die Mutter ist Epileptikerin und hat während der Schwangerschaft unwissend Medikamente eingenommen, die Luisa einen offenen Rücken und einen Wasserkopf bescherten. Obwohl sie querschnittsgelähmt ist und einen Blasenkatheter braucht, ist Luisa ein fröhliches, unkompliziertes Mädchen. Sie kam wenige Monate nach der Geburt zu den Wefings. „Sie hat viel mehr innere Sicherheit als Jeremy, der so einen unsteten Anfang hatte und so spät zu uns kam“, sagt Andrea. Jahrelang vergewisserte er sich jede Nacht, ob seine Mütter noch da sind.
Viele Anrufe von Lehrern und Sozialarbeitern, die mitreden wollen
Struktur ist bei den Wefings alles. Morgens stehen sie um sechs Uhr auf. Tanja kümmert sich um Erik, Andrea um Louisa. Waschen, wickeln, anziehen. Tanja macht Brei für Erik, Andrea Frühstück und Vesperbrote für die anderen. Tanja füttert Erik, Andrea geht mit Lilly und Snowflake, ein bislang unerwähnter Spitz aus dem Tierheim, ums Haus. Tanja setzt Erik und Jeremy in den Bus. Andrea macht Mimi und Jeremy Beine. Dann fährt Tanja Louisa im Radanhänger zum Kindergarten. Sie haben dieselbe Pendlerstrecke, denn Tanja leitet Louisas Kindergarten, in Vollzeit, während Andrea den Haushalt schmeißt. Häufig hat sie dabei Gesellschaft von Noah, Monas Sohn. Sie bekam ihn mit 19 Jahren, kann ihn aber nicht betreuen. Deshalb wächst der Junge beim Vater und bei den Wefings auf, im Wechsel. „Auch Mona kam spät zu uns. Die ersten drei Lebensjahre haben sie so traumatisiert, dass sie sich heute schwertut, Beziehungen einzugehen“, erklärt Tanja. Reda, ihrer jüngeren Schwester, fällt alles viel leichter. Sie verbringt jedes Wochenende bei den Wefings.
Sind die Kinder in der Schule, verliert Andrea viel Zeit am Telefon. Am anderen Ende melden sich Lehrer, weil die Kinder nicht spuren. „Sie denken, wir hätten irgendeinen Einfluss auf das Benehmen unserer Kinder“, wundert sich Tanja. „Sie sehen nicht, dass sich Kinder mit fetalem Alkoholsyndrom oder Trauma-Erfahrung schwer an Regeln halten können.“ Mona musste dreimal die Schule wechseln, und Jeremy hat schon mehrere Schulbegleiter vergrault. Schuld daran sind aus Sicht der Pflegemütter nicht die Kinder, sondern „unser Schulsystem, das für diese Kinder keinen Platz hat“. „Jeremy oder Mona haben auch einen schweren Stand, weil man ihnen äußerlich nichts ansieht. Von Kindern, die offensichtlich behindert sind, erwartet keiner etwas.“ Anrufe kommen auch von Schulbetreuern oder Sozialarbeitern, die bei der Erziehung gern ein Wörtchen mitreden wollen. „Wir mussten uns schon anhören, dass zuckerfreie Müsliriegel nicht ins Vesper gehören und Sneakersocken dem Lernen abträglich sind. Besser seien Socken aus Alpakawolle“, erzählen sie.
Selten Groll auf die leiblichen Eltern
Manchmal verspüren die Frauen Groll auf die leiblichen Eltern. „Wenn ich zum Beispiel den 14-jährigen Nachbarsjungen zum Basketballtraining fahren sehe, ein ganzer Kerl, und dann auf meinen Erik im Sandkasten schau, der gerade an einem Eimer leckt“, sagt Andrea. Oder wenn sie an Mona denkt, die vom Vater so schwer misshandelt wurde. „Dann aber erfahre ich von Monas Oma, wie ihr Sohn im Bürgerkrieg mit sieben Jahren zusehen musste, wie sein Vater starb.“ Anschließend war der Junge eineinhalb Jahre lang verschollen. Als die Mutter ihn wiederfand, war er stumm. Acht Jahre lang konnte er nicht sprechen. „Keiner hat all das Leid gewollt“, sagt Andrea. „Und den Kindern hilft es auch nicht weiter, wenn wir sauer auf die Eltern sind.“
Was den Kindern hilft, ist der Schoß ihrer zweiten Familie. „Eine Familie, in der keiner mit dem anderen verwandt ist, die wir in gewisser Weise geschaffen haben“, sagt Tanja. „Jeder gibt hier etwas von seiner Persönlichkeit hinein. Und jeder nimmt sich heraus, was er für sich braucht.“ Die beiden Pflegemütter halten das Ganze zusammen, auch mit harten Bandagen. „Alle müssen um 20 Uhr daheim sein, die Schuhe aufräumen, die Jacke aufhängen, das Handy abgeben“, zählt Tanja auf. Dass Mimi ihre Pflegemütter für spießige, deutsche Kartoffeln hält, nimmt sie in Kauf. „Für mich zählt, dass die Kinder später einen Platz in dieser Gesellschaft finden, einen, wo sie sich wohlfühlen.“
In den Sommerferien fahren sie wie jedes Jahr in das Ferienzentrum im Emsland, wo Andrea einst Patrick kennengelernt hat. Wenn dann die Kinder den Strand des Dankernsees unsicher machen, weiß sie, dass sie alles richtig gemacht hat.