Treffen sich immer wieder zum Austausch in Stuttgart: Anja Plesch-Krubner (links) und Corinna Fellner. Foto: /privat

Die Pandemie, sagen zwei Frauen aus dem Südwesten, mache das achtzügige Gymnasium endgültig unmöglich. Ihre Online-Petition „Corona-Aufholjahr“ hat im Blitztempo ein Quorum überschritten. Nun hoffen sie auf Gehör bei den künftigen Regierungsparteien.

Amtzell/Heidelberg - Höfliches Schweigen – damit ist die Reaktion des überwiegenden Teils der Landespolitik auf die bildungspolitischen Initiativen von Corinna Fellner und Anja Plesch-Krubner noch freundlich beschrieben. Ablehnung oder gar Ignoranz wären treffendere Begriffe. Seit 2018 versuchen die beiden Frauen, mittels Online-Petitionen die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums zu erreichen. Zehntausende Menschen aus dem Südwesten haben schon unterschrieben. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ließ sich nie erweichen. Auch auch die „grüne Linie“ sei klar, sagt Corinna Fellner. „G9 braucht’s nicht.“

 

Oft erst abends um zehn Uhr ins Bett

Weil die Initiatorinnen Nehmerqualitäten besitzen, geben sie nicht auf. Nicht zuletzt die schulischen Laufbahnen ihrer eigenen Kinder haben sie abgehärtet. Fellners Tochter besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums, dort ist die gelernte Industriekauffrau auch Elternbeiratsvorsitzende. Der Sohn ist Achtklässler. Auch eine Tochter der Ärztin Anja Plesch-Krubner besucht eine achte Klasse, ihr Sohn macht demnächst das Abitur. Sie lebt in Heidelberg, ihre Mitkämpferin in der Gemeinde Amtzell im Kreis Ravensburg.

Unterschiedliche Lebensorte, doch deckungsgleiche Elternerfahrungen: „Als mein Sohn in der achten Klasse war, habe ich gemerkt, da läuft was völlig schief“, sagt Plesch-Krubner. Der Junge mache Musik, spiele Eishockey im Leistungsbereich. Immer sei die Zeit zu kurz. Oft sei er wegen der vielen Nachmittags-Schulstunden erst um zehn Uhr abends ins Bett gekommen. Corinna Fellners Tochter geht es nicht besser, sagt sie. Fußball oder Gitarrenunterricht, das sei irgendwann zur Entscheidungsfrage geworden. Hausaufgaben im Auto auf dem Weg zum Training in Ulm zu machen, das sei die Normalität gewesen.

Das Virus ließ den ersten Anlauf stocken

Mit der Petition „G9 jetzt! – Baden-Württemberg“ starteten sie 2018, hatten sich zuvor von protesterfahrenen Eltern in Hessen beraten lassen – einem der Länder, wo das politische G8-Gebot wieder aufgeknackt wurde. Die Pandemie ließ die südwestdeutsche Initiative stocken, obwohl ein Quorum der Plattform „OpenPetition“ weit überschritten wurde. Diesen März ist ein neuer Versuch gestartet worden, „Corona-Aufholjahr im G-9-Modus“ ist der Titel. Wieder ist das Quorum erreicht, mehr als 23 000 Menschen haben binnen weniger Wochen unterschrieben.

Das monatelange Homeschooling, so scheint es, hat nun auch Eltern und Lehrkräfte skeptisch werden lassen, die sich zuvor mit dem achtzügigen Gymnasium arrangierten. Die Zweifel, ob und wie die Lerndefizite im Rahmen der Lehrpläne jemals aufgeholt werden können, wachsen. Die Petition baut eine Brücke: Sofort zum nächsten Schulwechsel solle auf G9 umgestellt werden, so die Forderung, und zwar durch Einschub einer 11. Klasse zur Vorbereitung auf die Kursstufe. Die Lehrpläne der Klassen 5 bis 10 sollten „linear gedehnt“ werden, so die Initiatorinnen. Das würde Druck aus dem Lehr- und Lernalltag nehmen. Besonders lernstarke Kinder – die Frauen schätzen die Zahl auf rund 20 Prozent – könnten dieses 11. Einschubjahr überspringen und doch nach acht Jahren zum Abitur kommen. Dafür Lehrpläne umzuschreiben, sei unnötig; man könne sie kurzfristig den bestehenden G9-Modellschulen im Land entlehnen und dann in Ruhe weiterentwickeln.

Der Lehrerverband hat andere Vorstellungen

Die Petitionsmacherinnen wissen um die Gegnerschaft: den Deutschen Lehrerverband etwa, der behauptet, lediglich zehn bis zwanzig Prozent der Schülerschaft drohten aktuell abgehängt zu werden. Sie sollten die Klasse wiederholen können, für alle anderen genügten „begleitende Angebote am Nachmittag, vielleicht auch während der Ferien“, versichert der Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger.

Jetzt noch Lernbrücken anzubieten, um eine trügerische „Ruhe im System“ zu halten, nützt nach Ansicht von Anja Plesch-Krubner nichts mehr. Viele Kinder litten unter Versagensängsten, hätten in der Pandemie Angehörige verloren. „Und wir erzählen ihnen gerade was von Ferienstreichungen und dass ganz viele Klassenarbeiten kommen, wenn der Präsenzunterricht wieder beginnt“. Endlich damit aufzuhören, Kinder wie eine Herde von „Schafen“ zu behandeln, das könnte ihrer Überzeugung nach ein Anfang sein.