Erstsmals im Bild zu sehen: Ein Zwangsarbeiter hilft einem Böblinger Bauern beim Kartoffelanbau. Foto: Privat

Die Zeitzeugen der Nazi-Diktatur berichteten im Böblinger Fleischereimuseum von ihren Erinnerungen an die Zwangsarbeiter.

Sie waren ja Kinder. Die letzten Zeitzeugen der Nazi-Diktatur, die das Kriegsende als maximal Zehnjährige erlebten. Mitte der Woche waren knapp zehn von ihnen ins Böblinger Fleischereimuseum gekommen, um mit ihren Erinnerungen die Geschichte der Zwangsarbeiter in Böblingen zu erhellen.

 
Ein französischer Kriegsgefangener (auf den Fotos links und rechts stehend) mit einer Böblinger Bauernfamilie Foto: privat

Ein Projekt, das von der Stadt Böblingen ausgeht und von der Firma „Fachwerk“ aus Vöhringen bei Ulm ausgeführt wird. Zusätzlich waren interessierte Bürger und Historiker anwesend, sowie Tabea Scheible vom Stadtarchiv, die zusammen mit Michael Walther, Historiker von „Fachwerk“, die Anwesenden ermutigten, ihre Erinnerungen preiszugeben.

Etwa 2000 bis 3000 Zwangsarbeiter

Nach Walthers Schätzung dürften es etwa 2000 bis 3000 Zwangsarbeiter in Böblingen gegeben haben, bislang war man von etwa 500 ausgegangen. Walther hat die Gesamtzahl von etwa 25 Millionen Zwangsarbeiter im Dritten Reich auf die Einwohnerzahl von Böblingen in den Jahren 1941 bis 1945 herunter gerechnet. Die Zwangsarbeiter waren eingesetzt etwa bei der Flugzeugfirma Klemm, der Zuckerfabrik, oder in der ehemaligen Metallgießerei Leibfried in der Schwarzwaldstraße. Viele arbeiteten in der Landwirtschaft, dort vor allem waren es französische Kriegsgefangene.

Die Arbeit der Historiker wird dadurch erschwert, dass wenige Akten vorhanden sind. Entweder wurden die Dokumente durch den verheerenden Bombenangriff 1943 verbrannt oder beim Rückzug der Wehrmacht vernichtet.

Sie brachten die Kinder in den Luftschutzkeller

Die Kinder von damals gaben Michael Walther dennoch wertvolle Auskünfte. Sie wussten, wo die Lager der Zwangsarbeiter waren und wo die Bunker gestanden hatten. Zwei Holländer, sagte eine Frau, hätten die Kinder immer in den Bunker beim Albert-Einstein-Gymnasium begleitet, während sie selbst natürlich draußen bleiben mussten und den Angriffen schutzlos ausgesetzt waren.

Eine Frau erinnerte sich, wie sie in den Kellern der Brauerei Dinkelaker vor den Luftangriffen Schutz fand. Ein Lager war im ehemaligen Armenhaus der Stadt am Friedhof, wo früher Übernachtungsplätze für fahrende Handwerker waren. Es wurde berichtet, wie die Zwangsarbeiter ihre Wirtsfrauen vor den französischen Truppen und ihren Massenvergewaltigungen geschützt hätten. Oder dass man in der Gießerei Leibfried Wolle kaufte, um den Zwangsarbeitern Winterpullis zu stricken.

Mehrere Geschichten kreisten um das strikte Verbot, sich mit ihren Zwangsarbeitern zu fraternisieren, an das sich die Familien jedoch so gut wie nicht hielten. Stattdessen bekamen die Franzosen einen Platz am Mittagstisch und wurden wie normale Feldarbeiter behandelt. Manchmal entspannen sich Freundschaften und man besuchte sich noch nach dem Krieg.

Auf der Flucht erschossen

Es wird auch berichtet, wie die Zwangsarbeiter nach dem Krieg plünderten und alles Wertvolle in ihre alte Heimat brachten, und dass manche russische Zwangsarbeiter zögerten, in die Heimat zurück zu kehren weil, sie den Diktator Stalin fürchteten. Ein Anwesender machte den Zeitzeugen Vorhaltungen, ob sie nichts von Gräueltaten gewusst hätten. Natürlich hätte man den Kindern natürlich nichts von Gräueltaten erzählt. Von einem Russen wurde berichtet, der auf der Flucht erschossen worden sei.

Für Michael Walther, der zusammen mit Yvonne Arras im neuen Jahr seine Forschungsarbeit veröffentlichen will, waren die Informationen wertvoll, vor allem weil es neue Erkenntnisse zu den Lagern und ihren Insassen gab. Ebenso wertvoll waren die Fotos sowie ein Poesiealbum, die von den Zeitzeugen mitgebracht wurden. Ein Mann besaß Fotos eines Zwangsarbeiters, der auf der väterlichen Landwirtschaft geholfen hatte und man sieht ihn, eine Zigarette rauchend, hinter einem Bulldog herläuft beim Kartoffel-Anbau.

Greifbarer Beweis

Eine Zeitzeugin hatte ein Poesiealbum mitgebracht. Darin war ein Eintrag der Tochter von Lucie Haen, einer Jüdin, die von den Nazis nach Theresienstadt gebracht wurde. Als man die Frau abholte, erinnerte sich die Zeitzeugin, hatte sich die Tochter im Schrank versteckt und sie selbst musste sich vor den Schrank stellen, um die Nazis abzulenken. Diese Geschichte hatte ein relativ gutes Ende. Lucie Haen kam aus Theresienstadt zurück und Mutter und Tochter überlebten den Krieg in Böblingen. Mit diesem Eintrag in das Poesiealbum gibt es jetzt einen weiteren greifbaren Beweis vom Schicksal der Familie.

Sie hielten die Kriegsmaschinerie am Laufen

Zwangsarbeiter
Etwa 25 Millionen Zwangsarbeiter gab es im Dritten Reich. Darunter versteht man KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter, die in den besetzten Gebieten rekrutiert oder verschleppt wurden.

Luftangriff
Tief ins kollektive Bewusstsein der Stadt hat sich der verheerende Luftangriff auf Böblingen eingegraben. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 wurden die Böblinger Altstadt nahezu vernichtet, mit ihr das Schloss und das Rathaus.