Zwangsarbeiter in Bietigheim-Bissingen Ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte

Von Philipp Obergassner 

Im Eingangsbereich des Lagers warteten die Zwangsarbeiter auf den Weitertransport Foto: Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen
Im Eingangsbereich des Lagers warteten die Zwangsarbeiter auf den Weitertransport Foto: Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen

Im Zweiten Weltkrieg gab es nahe des Bahnhofs ein Durchgangslager für Zwangsarbeiter. Von dort aus wurden sie in ganz Südwestdeutschland verteilt. Ein Mahnmal soll nun an die Gräueltaten erinnern.

Bietigheim-Bissingen - Die Stadt Bietigheim-Bissingen setzt sich zurzeit wieder intensiv mit einem Thema auseinander, das zu den dunkelsten Kapiteln der Stadtgeschichte gehört: Während des Zweiten Weltkriegs gab es in den Jahren 1942 bis 1945 südlich des Bahnhofs ein Durchgangslager für Zwangsarbeiter des NS-Regimes. Wegen der verkehrsgünstigen Lage der Stadt als Eisenbahnknotenpunkt konnten von hier aus bis zum Kriegsende geschätzt 200 000 Zwangsarbeiter in andere Lager im Südwesten des Deutschen Reichs geschleust werden. Das einstige Lager nimmt in der Geschichte der Zwangsarbeit also eine herausragende Rolle im Südwesten Deutschlands ein.

Die Geschichte des Lagers ist inzwischen gut aufgearbeitet: Einmal in einem Beitrag in den Blättern zur Stadtgeschichte im Jahr 1999 und umfangreicher im Jahr 2002. Damals beauftragte der Gemeinderat das Stadtarchiv, eine Dokumentation zur Zwangsarbeit in Bietigheim und Bissingen zu erstellen. Die Archivare werteten Akten aus, befragten Zeitzeugen und bekamen so einen Eindruck davon, wie unmenschlich die Behandlung der Zwangsarbeiter in dem knapp 50 000 Quadratmeter großen Areal südlich des Bahnhofs war.

200 Personen überlebten das Lager nicht

So wurden die Männer, Frauen und Kinder, überwiegend aus der Sowjetunion und Polen, auf demütigende Weise entlaust und medizinisch untersucht, ehe sie am Ende einen Arbeitspass bekamen. Die Insassen waren in jenen Jahren meist nur wenige Tage oder Wochen im Lager. In dieser Zeit wurden sie nur notdürftig verpflegt. So schilderte eine Ukrainerin: „Zum Essen gab es zum Frühstück Tee mit einem winzigen Stückchen Brot und Margarine, mittags gab es Suppe, gekocht aus Zuckerrüben. In den Brotteig wurden Holzspäne beigemischt.“ Auf einem Friedhof nahe des Lagers wurden in dieser Zeit 200 Personen beerdigt, die das Lager oder die Fahrt dorthin nicht überlebt hatten.

Nach der Veröffentlichung der Dokumentation kamen im Jahr 2003 auf Einladung der Stadt 20 ehemalige Zwangsarbeiter noch einmal nach Bietigheim, um die Stätte ihres unfreiwilligen Aufenthalts noch einmal zu sehen. Danach kehrte Ruhe bezüglich des Themas ein. Der Wunsch nach einem Mahnmal wurde jedoch immer wieder von Seiten der Bürger geäußert. Nun kommt die Stadt dem nach.

Bahnhof als „Kristallisationspunkt“ für das Thema

Als Standort dränge sich der Bahnhof als „Kristallisationspunkt“ des Zwangsarbeiterthemas geradezu auf, sagte der Kulturamtsleiter Stefan Benning in der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend. Zudem sei das Mahnmal kein „aufklärerischer Holzhammer“, sondern „mehrdimensional und subtil“. Benning war 2002 als damaliger Stadtarchiv-Leiter verantwortlich für das Projekt der Dokumentation über die Zwangsarbeiter in der Stadt.

Der vorgesehene Entwurf der Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin besteht aus fünf Teilen: Eine gespiegelte Uhr, die rückwärts läuft; eine Glasfront mit Informationen zu den Jahren 1939 bis 1945; Informationstafeln in den Bahnhofsunterführungen; ein Wegweiser mit Schildern, auf denen nichts steht, dazu ein Block aus Fotos historischer Luftaufnahmen des Lagers. Dieser soll, anders als die anderen Werke am Bahnhof, vorläufig in der Städtischen Galerie ausgestellt und später auf dem ehemaligen DLW-Gelände errichtet werden, das die Stadt derzeit als neues Wohn- und Gewerbegebiet plant. Die Deutschen Linoleum Werke (DLW) beschäftigten während des Zweiten Weltkriegs die meisten Zwangsarbeiter in Bietigheim.

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