Junge Spanierinnen und Spanier protestierten Anfang der 2010er-Jahre gegen das politische System, aber auch gegen die Arbeitslosigkeit im Land. Baden-Württemberg warb um die Arbeitssuchenden in einer Kooperation mit Katalonien. Foto: dpa/Javier Lizon

Zuwanderer aus Indien und anderen Ländern sollen den Fachkräftemangel in Baden-Württemberg beheben helfen. Doch wie sieht die Praxis aus? Die Mühen zeigt ein Programm, mit denen das Land Fachkräfte aus Katalonien werben wollte.

Marokko, Südtirol, Kanada oder Polen: Wohin Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) oder andere Vertreter des Ministeriums auch reisen – sie werben stets auch um Fachkräfte, die doch in Baden-Württemberg ein neues Zuhause finden könnten mit einem Job in einem Betrieb. Im Februar stand das Thema beim Besuch des indischen Partner-Bundesstaats Maharashtra ganz oben auf der Agenda – mit beachtenswerten Ergebnissen. Ein gemeinsames Lenkungskomitee soll die Anwerbung indischer Fachkräfte erleichtern und unterstützen. Sowohl in Indien wie in Stuttgart wurden hierfür Büros eingerichtet, die als Anlaufstelle dienen sollen.

 

Doch offen ist, wie viele Fachkräfte aus Indien kommen und in Südwest-Betrieben Arbeit finden werden. Ob sie hier Fuß fassen und sich heimisch fühlen – oder doch weiterziehen. Denn ob Kooperationen wie diese erfolgreich waren und sind, gerät nach den ersten großen Ankündigungen oft wieder aus dem Blick. Deshalb hat unsere Zeitung das Wirtschaftsministerium um die Auswertung einer ähnlichen Kooperation gebeten.

Fachkräfte aus Katalonien: Im September 2015 unterzeichnete Baden-Württemberg mit Katalonien einen Kooperationsvertrag, um junge, nach Arbeit suchende Fachkräfte aus dem spanischen Nordosten im hiesigen Südwesten in Arbeit zu bringen – vorzugsweise in Branchen mit großem Bedarf wie der IT und dem Automobilbau. Wie im Fall von Maharashtra hatte das Land auch mit Katalonien schon zuvor jahrelang Kontakte geknüpft.

In der Folge erhielten Bewerber am Goethe-Institut Barcelona meist einjährige Deutschkurse, die von der katalanischen Arbeitsverwaltung und dem Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg gefördert wurden bis zu einem Niveau von B1 oder B2. Damit sollten sie in Deutschland in der Lage sein, am Alltagsleben teilzunehmen und bestenfalls auch Punkte in ihrem Fachgebiet diskutieren können.

Geringer Erfolg: Insgesamt nahmen 45 Personen an den Sprachkursen teil, teilt das Wirtschaftsministerium auf Nachfrage mit. 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden nach Baden-Württemberg vermittelt, 20 weitere in andere Bundesländer. Nach Beginn der Coronapandemie im Frühjahr 2020 wurde das Programm ausgesetzt. Seit 2021 fanden keine Auswahlverfahren mehr statt. Der letzte Sprachkurs endete im Mai 2022. Jene Absolventen konnten bereits nicht mehr auf die Vermittlungshilfe bauen.

Was aus den wenigen Sprachabsolventen wurde, sei nicht bekannt. Denn evaluiert wurde das Programm nicht weiter, wie es auf Nachfrage heißt. Die Kooperationsvereinbarung besteht nach wie vor – „auch das Mobilitätsprogramm wurde bis heute nicht offiziell beendet“, heißt es weiter. De facto ist es aber beerdigt. Aber warum?

Der Arbeitsmarkt in Katalonien hatte sich nach Programmbeginn wieder gebessert. „Katalonien hat mittlerweile selbst einen hohen, ungedeckten Fachkräftebedarf“, heißt es aus dem Ministerium. Und die Bundesagentur für Arbeit teilt mit, aktuell gebe es in Katalonien nennenswerte Fachkräfteüberschüsse lediglich in dem Bereich der Erziehungsberufe.

Mühen des Alltags: Verena Andrei vom Welcome Center der Region Stuttgart hat viele junge Menschen betreut, die aus Katalonien in die Region kamen. Das 2014 gegründete Center fungiert als Ansprechpartner und Hilfesteller für Fachkräfte aus aller Welt, die in der Region arbeiten und leben wollen und hilft auch Firmen, die Fachkräfte aus dem Ausland werben. Es sei nicht leicht, ins Ausland zu gehen, meint sie. „Gerade die ersten Monate sind entscheidend – sonst gehen auch viele wieder zurück.“

Viele Faktoren seien für eine erfolgreiche Vermittlung wichtig, betont Andrei: die Sprache, die Vorbereitung, die kulturellen Unterschiede, die Betreuung vor Ort. Für manche Fachkräfte aus Barcelona war das Leben im ländlichen Raum ungewohnt. Natürlich spiele auch die Bürokratie eine Rolle, etwa die Anmeldung oder Anerkennung von Abschlüssen. „Nicht alle Firmen sind dafür offen, das erfordert eine langfristige Vorbereitung. Und die neuen Fachkräfte sind wegen der Sprache auch nicht sofort in allen Bereichen einsetzbar.“

Wer kam, habe sich in der Regel gut in die Firmen integriert, erinnert sich Andrei. So konnten vier Mechatronik-Ingenieure an eine Firma in Heilbronn vermittelt werden. Einer wechselte nach knapp fünf Jahren zu einer Firma in die Schweiz. Ein anderer verließ das Unternehmen bereits nach kurzer Zeit. Was aus den beiden anderen wurde, ist unklar.

Netzwerke für die Zukunft: Dass die Fachkräfte aus Katalonien nach einigen Jahren die Firma oder gar das Land wechselten, sei nicht ungewöhnlich, betont Andrei. „Die Mobilität hat zugenommen, auch die deutschen Fachkräfte wechseln öfter ihre Stelle, wenn sie ein Angebot erhalten, das besser zu ihrer beruflichen oder privaten Entwicklung passt.“

Auch dass die Kooperation zwischen Baden-Württemberg und Katalonien de facto ausgelaufen ist, sei nicht schlimm. „Die Beziehungen brechen dadurch nicht ab.“ Es hätten sich Netzwerke gebildet – auch unter den Spaniern selbst. Zudem sei die Zahl privater Vermittler gestiegen, und auch einige Städte und Firmen suchten selbst. „Die internationale Fachkräftesuche hat sich weiterentwickelt und professionalisiert, es braucht auch nicht immer die staatlichen Programme.“

Blick nach Indien: Was die Fachkräftesuche in Indien betreffe, sei sie zuversichtlich. Hier werde das Ausbildungssystem in dem indischen Bundesland geändert und das Curriculum angepasst. „Da wird längerfristiger geplant, außerdem ist die wirtschaftliche Lage schlechter und damit die Motivation höher als in Katalonien.“ Wie das Programm einmal im Vergleich zu jenem mit Katalonien abschneiden wird, wer könne das schon wissen. „Man kann nicht alles planen, das Land macht nur den Weg auf. Die Leute müssen Lust haben zu kommen und auch die Firmen müssen bereit sein. Vor allem aber braucht es Betreuung und Vertrauen.“

Auch der Bund holte Fachkräfte – was aus ihnen wurde

Programm
Zur gleichen Zeit wie die Kooperation zwischen Baden-Württemberg und Katalonien lief ein ähnliches Programm auf EU-Ebene – MobiPro-EU genannt, das junge Arbeitssuchende aus der gesamten EU in Deutschland in die Ausbildung oder in den Berufseinstieg bringen sollte.

Auswertung
Das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) wertete das Programm der Jahre 2013 bis 2018, bei dem überproportional viele Spanier teilnahmen, aus. Für die Jahre 2015 und 2016 konnte untersucht werden, wie viele davon aus Katalonien nach Baden-Württemberg kamen.

Ergebnis
Demnach wurden 134 Katalanen in Südwest-Betrieben ausgebildet – unter anderem als Verkäufer, in Hotels und Gastronomie, im Handwerk und in der Altenpflege. 45 hatten zum Zeitpunkt der Analyse ihre Ausbildung abgeschlossen, davon blieben 30 in ihrem Ausbildungsbetrieb.

Urteil
Die Bilanz ist eher ernüchternd, wie das IAW feststellte. Rund sechs von zehn Teilnehmenden bundesweit lösten auch aufgrund der erschwerten Ausgangsbedingungen ihr Ausbildungsverhältnis auf – im Vergleich zu jedem vierten Auszubildenden aus Deutschland. Positiv sei, dass die jungen Arbeitsmigranten durch die Sprachförderung und ihre Erfahrungen beruflich mobiler geworden seien.