Donnerstagmorgens um kurz nach 7 Uhr zieht sich die Warteschlange um den halben Block Foto: StN

Seit Monaten herrschen auf der Stuttgarter Kfz-Zulassungsstelle teils chaotische Verhältnisse. Es fehlt an Personal, ein Sicherheitsdienst muss für Ordnung sorgen. Dass es auch anders geht, zeigt sich in der Region.

Stuttgart - Andrea Wach betreibt einen Relocation Service. Das heißt, sie unterstützt ausländische Mitarbeiter großer Firmen bei den Formalitäten des Lebens in Deutschland. Dazu gehört auch die Beantragung eines Führerscheins. Dass es auf der Stuttgarter Kfz-Zulassungsstelle in der Feuerbacher Krailenshaldenstraße nicht rundläuft, ist sie schon gewohnt. Doch inzwischen herrschten dort „chaotische Zustände“, klagt sie. Man müsse sich ernsthaft fragen, ob man sich in einer Automobilstadt oder in einer Bananenrepublik befinde.

Am Donnerstag zum Beispiel sei eine Kollegin um 5 Uhr morgens vor Ort gewesen. Wer glaubt, das sei sehr früh angesichts einer Öffnung um 7.15 Uhr, täuscht sich gewaltig. „Es standen schon 30 Leute in der Schlange. Die Ersten sind um 3 Uhr nachts gekommen“, erzählt die Geschäftsfrau, die sich regelmäßig mit Wartezeiten von bis zu fünf Stunden und aggressiven Wartenden herumärgern muss. Ein Sicherheitsdienst versucht zwar, für Ordnung zu sorgen. Aber inzwischen kommt es offenbar sogar vor, dass Leute, die weiter vorne stehen, ihre Wartemarken für dreistellige Beträge anbieten.

Rund 50 Mitarbeiter zählt die Zulassungsstelle. Allerdings sind mehrere Stellen nicht besetzt. Das Ordnungsamt gibt einen hohen Krankenstand, viel Fluktuation, gestiegene Fallzahlen und rechtliche Änderungen als Grund für die Probleme an. Der Gemeinderat hat elf zusätzliche Stellen genehmigt, zwei davon aber erst zum nächsten Januar. Bewerber gab es reichlich. Vier haben ihren Dienst bereits aufgenommen, zehn weitere sollen im September und Oktober folgen. Sie müssen aber zum Teil erst noch eingelernt werden. Es wird also noch ein bisschen dauern, bis sich die Lage verbessert. Inzwischen, so das Ordnungsamt, steuere der Sicherheitsdienst am frühen Morgen den Andrang. Unter anderem mit der Ausgabe von Nachweisen, mit denen dann später Wartemarken gezogen werden können.

In Geislingen geht’s am schnellsten

Die Probleme sind in der Region Stuttgart einzigartig. Zwar klagen auch die Zulassungsstellen in den umliegenden Landkreisen zum Teil über Personalmangel und erschwerte rechtliche Vorgaben, aber die Wartezeiten sind nirgendwo so extrem wie in der Landeshauptstadt. Das geht aus der Antwort des Verkehrsministeriums auf eine Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Andreas Deuschle hervor. Demnach sieht das Land „Handlungsbedarf“ besonders in Stuttgart. Dort betrug im vergangenen Jahr die durchschnittliche Wartezeit eineinhalb bis zweieinhalb Stunden. Auch der Sicherheitsdienst dort ist einzigartig.

Die Wartezeiten bei den einzelnen Zulassungsstellen in der Region gestalten sich höchst unterschiedlich. Wer zum Beispiel in Geislingen vorstellig wird, darf sich glücklich schätzen. Dort hat es im vergangenen Jahr durchschnittlich nur sechs Minuten gedauert, bis Kunden an der Reihe waren. In Göppingen waren es 24 Minuten. Auch im Rems-Murr-Kreis sieht es gut aus. Dort lag man 2018 bei elf Minuten in Waiblingen, 9,2 Minuten in Backnang und 15 Minuten in Schorndorf. In Nürtingen und Filderstadt im Kreis Esslingen mussten Besucher 15 Minuten warten, in Esslingen und Kirchheim 30 Minuten. Ludwigsburg berichtet von 20 Minuten, an Spitzentagen allerdings auch von bis zu 90 Minuten. In Böblingen musste man immerhin eine Stunde einkalkulieren. Im benachbarten Enzkreis spricht man von fünf bis 30 Minuten.

Interessant ist auch, dass alle Zulassungsstellen in der Region außer Stuttgart eine Online-Terminbuchung anbieten. Damit ist man pünktlich an der Reihe. Man beabsichtige, ein solches Verfahren „mittelfristig“ einzuführen, heißt es in Stuttgart. Dafür brauche es aber eine spezielle Software, die genau auf die Anforderungen zugeschnitten sein muss. In der Region haben zudem verschiedene Zulassungsstellen ihre Personalplanung oder ihr Aufrufsystem verändert.

Kritik von der Landespolitik

Dem Verkehrsministerium genügt das nur bedingt. „Insbesondere im Hinblick auf die berufstätige Kundschaft würde die Landesregierung attraktive Öffnungszeiten in den Tagesrandlagen begrüßen“, heißt es. Auch Antragsteller Deuschle sieht Handlungsbedarf. „Die Zulassungsstellen gehören zu den Berührungspunkten, an denen der Bürger am häufigsten Kontakt zum Staat hat. Dort sind dann aber viele entsetzt über die Wartezeiten und die Art, wie sie behandelt werden“, sagt er. Man müsse dort auch als Land viel mehr für Digitalisierung und Bürgerfreundlichkeit tun.

In Stuttgart jedenfalls ist schon früh am Morgen richtig was los – in der Warteschlange. „Die Zustände sind völlig untragbar. Es kann doch nicht sein, dass man um 3 Uhr nachts vor der Tür stehen muss“, sagt Andrea Wach. Bis auf Weiteres dürfte sich an diesen Verhältnissen aber wenig ändern.

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