Das Berufsleben ist ein stetiger Wandel. Wer nach der Babypause oder längerer Auszeit in den Beruf zurückkehren möchte, braucht einen guten Plan.
Stuttgart - Ausbildung oder Studium absolviert, danach einige Jahre gearbeitet und Karriere gemacht. Dann kamen die Kinder – Joballtag ade. So geht es oft – und das kann finanzielle Folgen haben, nicht nur hinsichtlich des aktuellen Einkommens, sondern auch bei der Rente.
Laut einer aktuellen Studie der Universität Mannheim im Auftrag von Fidelity International haben Frauen im Vergleich zu Männern um 26 Prozent geringere Rentenansprüche, weil meist sie es sind, die nach der Geburt eines Kindes die Arbeitszeit reduzieren oder eine Berufspause einlegen. „Das geschlechtsspezifische Lohngefälle beginnt in den Dreißigern, wenn viele Paare eine Familie gründen“, sagt Alexandra Niessen-Ruenzi, BWL-Professorin an der Universität Mannheim und Mitautorin der Studie. „Das hat drastische Folgen für die Finanzen von Frauen und ihre spätere Rente.“
Im Schnitt hätte eine Frau, die mit 67 Jahren in den Ruhestand geht, nach heutiger Berechnung im Monat 140 Euro weniger gesetzliche Rente als ein Mann. Bezieht diese Frau noch 15 Jahre Rente, fehlen ihr demnach rund 25 000 Euro.
Sorgfältig planen
Nicht zuletzt aus diesem Grund keimt bei den meisten früher oder später das Bedürfnis auf, wieder in den Beruf zurückzukehren. Mit dem Wunsch kommen aber nicht selten auch Zweifel, ob man es nach der Unterbrechung überhaupt schafft, wieder auf den aktuellen Stand zu kommen – schließlich gibt es nicht zuletzt aufgrund der Digitalisierung in vielen Berufsfeldern rasante Veränderungen. Daher sollte man sich Zeit nehmen, nichts überstürzen und seinen beruflichen Wiedereinstieg sorgfältig planen.
Ute Gietzen-Wieland, Business- und Mental Coach aus Bielefeld, rät zu einer Vorlaufzeit von sechs bis zwölf Monaten. „So bleibt genügend Zeit, um sich zu informieren und sich gegebenenfalls fortzubilden.“ Bevor es ans Bewerben geht, sollten sich Rückkehrer ein klares Konzept überlegen, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen. Denn dieses Thema dürfen potenzielle Arbeitgeber beim Vorstellungsgespräch ansprechen.
Und dann ist da noch die Frage, wo man eigentlich arbeiten möchte, also ob die vor der Pause ausgeübte Tätigkeit überhaupt noch die richtige ist. Hier kann es auch sinnvoll sein, Beratungsangebote der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch zu nehmen. Unterstützung bietet dabei unter anderem auch das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“, das die Arbeitsagentur gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium ins Leben gerufen hat. Hier kann man sich an deutschlandweit rund 20 Standorten beraten lassen, wie der Weg zurück ins Berufsleben am besten gelingt.
Die Welt und der Arbeitsmarkt verändern sich schnell
„Gerade nach einer längeren Familienphase ist es sinnvoll, sich ein Bild über die vorhandenen Fähigkeiten und ihren aktuellen Wert für den Wiedereinstieg zu verschaffen“, sagt Sandra Büchele, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Agentur für Arbeit in Heilbronn.
Stellt sich hier zum Beispiel heraus, dass jemand in den früheren Beruf zurückkehren möchte, aber veraltete Fachkompetenzen hat, könnte man sich etwa von der Arbeitsagentur mit einem Bildungsgutschein eine Weiterbildung fördern lassen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche, mitunter kostenfreie Online-Lernangebote auf dem Bildungsmarkt. Anschließend geht es an die Stellensuche und das Schreiben von Bewerbungen. Wer dann zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, sollte „selbstbewusst auftreten, ohne zu übertreiben“, rät Büchele.
Bewerber können dabei durchaus auch einfließen lassen, dass sie während der Auszeit wichtige Kompetenzen erworben oder verstärkt haben, die im Berufsalltag essenziell sind: etwa Organisationstalent, weil man während der Elternzeit viele Termine und Verpflichtungen von Familienmitgliedern koordiniert hat. Man sollte aber auch das Gefühl vermitteln, neue Herausforderungen meistern zu können.
Neue Modelle
Doch auch die Arbeitgeber sind gefordert, den Wiedereinsteigern entgegenzukommen und sie dabei zu unterstützen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen – etwa durch Benefits wie Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten. Zumal sie angesichts des um sich greifenden Fachkräftemangels ein großes Interesse daran haben, dass gut ausgebildete junge Menschen nach einer Pause in ihren Beruf zurückkehren.
„Der Arbeitsmarkt bleibt ein Arbeitnehmermarkt“, sagt Sven Hennige, Senior Managing Director Central Europe & France bei der Personalberatung Robert Half. „Geeignete Kandidaten für offene Positionen sind in vielen Unternehmen rar gesät.“ Einer aktuellen Umfrage des Personaldienstleisters zufolge würde knapp die Hälfte der Büroangestellten ein Jobangebot ablehnen, das keine flexiblen Arbeitszeiten oder die Option, von zu Hause aus zu arbeiten, enthält.
„Die viel diskutierte Work-Life-Balance ist für die meisten Arbeitnehmer längst eine selbstverständliche Forderung an ihren Arbeitgeber“, so Hennige. Schließlich wollten vor allem junge Mitarbeiter noch ein Leben neben dem Job haben, für ihre Familie da sein und sich selbst verwirklichen können. „Darauf müssen Arbeitgeber reagieren, um weiterhin attraktiv für Bewerber zu sein.“
Lieber doch nicht arbeiten gehen?
Am wichtigsten ist und bleibt aber die Bezahlung, so Hennige: Nur eine Kombination aus guter Bezahlung und zusätzlichen Benefits sorgt für zufriedene Mitarbeiter. „Für Arbeitnehmer ist das Gehalt der wichtigste Faktor, um den Wert ihrer Arbeit zu beziffern“, erklärt der Personalexperte. „Ein Mitarbeiter, der sich nicht angemessen bezahlt fühlt, wird nie hundertprozentig glücklich sein.“
Und natürlich fällt es auch schwerer, den Stress in Kauf zu nehmen, den die neuerliche Kombination von Familie und Beruf mit sich bringt, wenn die Bezahlung nicht stimmt und es sich finanziell nicht wirklich lohnt, wieder arbeiten zu gehen.