Dem Wunsch nach Ruhe steht ein Recht auf Geselligkeit gegenüber, meint unser Autor Harald Beck. Die Kollegin Simone Käser hält dagegen: Wem ein Fest zu früh ende, der könne doch in den eigenen vier Wänden weiter feiern.
Klar, irgendwann muss Schluss sein mit dem Feiern, zumal mit dem lautstarken, nächtlichen Treiben. Das Problem ist auch nicht neu, und nachbarschaftliche Beschwerden haben schon vor Jahren so mancher Hocketse den Garaus gemacht. Corona hat zwei Jahre lang ein Übriges zum Niedergang der Festleskultur getan, und irgendwie scheint sich ein Teil der Bevölkerung in einem moralinsauren Zwang zur postpandemischen Festabstinenz wiederzufinden. Feiern scheint für manche nicht angebracht. Dabei haben sich sowohl Lebensgewohnheiten etwa mit Gleitzeit und Klimawandel eher so verändert, dass die späteren Stunden des Tages generell intensiver genutzt werden könnten. Womöglich mit der ergänzenden in mediterranen Ländern üblichen Siesta zur wärmeren Mittagszeit.
Viele führen Argumente gegen jegliche Feierlaune ins Feld
Andererseits werden verstärkt ganz andere Argumente eingeführt, die angeblich gegen jegliche Feierlaune sprechen: Ansteckungsgefahren, Krieg in Europa, Lärm- und Lichtverschmutzung werden ins Feld geführt, um Festivitäten einzuschränken. Festzustellen ist im Privaten auch, dass Beschwerden immer früher und aus teils nichtigem Anlass bei der Polizei eingehen – selbst wenn die ab zehn Uhr vorgeschriebene Nachtruhe mit Zimmerlautstärke im den heimischen Wänden eingehalten wird.
Aber: Gesellschaft funktioniert nicht ohne Geselligkeit und Gemeinschaft. Menschen haben ein Recht auf Beisammensein auch bei Festen, die nicht unbedingt Punkt zehn Uhr per Zwangszapfenstreich enden. Das Hauptproblem im aktuell grassierenden Weltuntergangsmodus: Zusätzlich zum altbekannten Grundrecht auf Ungestörtheit geht der Fokus einiger in die Richtung einer Pflicht, sich in schweren Zeiten irgendwie zu beschränken – auch wenn dieser Verzicht keinerlei Auswirkung aufs eigentliche Problem hat. Ähnlich wie – Pardon, überspitztes Beispiel – durch Verzicht aufs Heizen bei 35 Grad. Die Welt wird nicht untergehen, wenn zwei, dreimal im Jahr am Samstagabend ein Stadtfest bis Mitternacht geht.
Eine anderer Blickwinkel: Nicht jeder hat Lust auf lange Feiern
Keine Frage, jeder feiert gern mal. Anlässe gibt es genug: Geburtstage, Familienfeiern oder einfach ein gemütliches Zusammensein mit guten Freunden. Gemeinsam ist solchen Treffen, dass sie in der Regel eher am Wochenende stattfinden, zu moderaten Uhrzeiten beginnen und beendet werden und meist auch niemand anderen belästigen. Schließlich gehören zu einer Feier in den eigenen vier Wänden selten lautes Gegröle oder wummernde Bässe.
Ganz anders sieht es mit Sommerfesten und Veranstaltungen im Freien aus, die auf öffentlichen Plätzen an lauen Sommerabenden die Massen strömen lassen. Je später die Stunde, desto redseliger werden die Besucher. Man trifft alte Bekannte wieder, trinkt noch ein Gläschen Wein oder ein kühles Bier mehr auf das längst überfällige Wiedersehen und auch die Band oder die Musik aus den Lautsprecherboxen will kein Ende finden.
Wer müde wird, geht heim – aber Anwohner können nicht gehen
Für die, die da zu späterer Stunde feiern und genießen, mag das toll sein – stellt sich Müdigkeit ein, können sie den Veranstaltungsort einfach verlassen und ins ruhig gelegene Bett gehen. Anders sieht es mit den geplagten Anwohnern direkt am Platz der Feierlichkeit aus. Die können nicht abhauen, sind aber vielleicht längst müde oder haben es endlich geschafft, den Nachwuchs ins Bett zu kriegen. Der soll jetzt unter keinen Umständen wieder wach werden, nur weil das Fest vor der Tür kein Ende nehmen will. Noch dazu der Stress mit den Parkplätzen, wenn man mal später nach Hause kommt.
Gut also, dass die Stadt Fellbach da vorbeugend einen Riegel vorschiebt. Und ebenfalls gut, dass der bereits vor Mitternacht liegt. Auch eine Nacht mit Geselligkeit, Genuss und Musik, die nicht bis in die frühen Morgenstunden geht, kann Spaß machen. Wem es noch nicht reicht, der kann ja in den eigenen vier Wänden – mit angemessener Lautstärke – weiter feiern. Ohne dass andere in der Nachtruhe gestört werden und ohne dass Kinder wieder wach werden und die Nacht zum Tag machen. So bringt das Fest allen was und freut nicht nur die Nachteulen.