Die Lage beim 49-Euro-Ticket ist verfahren: Der Bund will die Länder in jedem Fall zur Kasse bitten. Und sollte das Ticket gerettet werden, könnten auf VVS-Kunden Abstriche zukommen.
Kaum ist das Deutschlandticket am 1. Mai des vergangenen Jahres eingeführt gewesen, hat seine Finanzierung zu wackeln begonnen. Schon lange vor der aktuellen Haushaltskrise hat Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) signalisiert, dass er für das Ticket nicht weiter zahlen will. Im Herbst wurde beim Spitzentreffen von Bund und Ländern der Minimalkompromiss gefunden, nicht verbrauchtes Geld aus dem Jahr 2023 auf das Jahr 2024 zu übertragen – und dann weiterzuverhandeln.
Lage noch schwieriger als im Herbst
Doch wenn jetzt unter hohem Zeitdruck am Montag die Länder-Verkehrsminister zu einer ersten Sonderkonferenz zusammenkommen, ist die Lage verfahrener als im Herbst. Der Bund ist nach dem Finanzurteil des Bundesverfassungsgerichts in noch größeren Geldnöten. Auch der Verkehrsbereich ist noch mehr unter Druck.
So wackeln nun selbst die 350 Millionen Euro Restgeld aus dem Jahr 2023, die im Herbst vom Bund zugesagt wurden. Wie zufällig taucht exakt dieser Betrag als geplante Kürzung der Regionalisierungsmittel auf - also den Geldern, die der Bund den Ländern zur Finanzierung des Nahverkehrs auf der Schiene überweist.
Damit signalisiert der Bund wohl, dass er für jeden Euro, den er noch einmal ins Deutschlandticket steckt, einen Ausgleich anstrebt. Für Baden-Württemberg wäre eine Kürzung von Regionalisierungsmitteln prekär. Während andere Bundesländer einige dieser Gelder zurückgelegt haben, könnte im Südwesten jeder Euro weniger recht schnell Abbestellungen bedeuten – etwa von Verbindungen, die spät am Abend verkehren.
Konflikt nun zwischen den Ländern
Bisher waren sich die Länder einig: Der Bund ist schuld, wenn das Deutschlandticket scheitern sollte. Doch die Front bröckelt. Denn bei der Frage, ob man sich das fehlende Geld beim Preis hereinholen könnte, klaffen die Interessen auseinander. Was in einem Land noch tragbar ist, würde anderswo die Attraktivität ruinieren. Und wer vor Landtagswahlen steht, will das heiße Eisen nicht anpacken. Doch die Abschaffung wäre ein politischer Offenbarungseid.
Dass die 49 Euro im Monat noch lange halten, glaubt niemand. Aber braucht es eine Erhöhung schon in diesem Jahr oder reicht Anfang 2025? Und genügen fünf Euro mehr im Monat? Oder braucht es gleich einen Sprung um zehn Euro?
Werden neue Nutzer gleich verprellt?
Thomas Hachenberger, Chef des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS) und Sprecher der Verbünde im Südwesten, warnt vor einer Preiserhöhung: „Wir haben mit dem Deutschlandticket Menschen zum öffentlichen Nahverkehr gelockt, die ihn bisher gar nicht oder nur als Gelegenheitsfahrer genutzt haben - diese Gruppe ist viel preissensibler als die Pendler, die ihre jährlichen Preiserhöhungen gewohnt sind.“
Alle Erfahrung lehre, dass neue Tarife und Angebote ihre Anlaufzeit bräuchten, bis sie angenommen werden. Zum Jahresende habe das Ticket mit deutschlandweit bis zu zwei Millionen zusätzlichen Käufern gegenüber dem Sommer noch einmal einen kräftigen Schub bekommen - obwohl es über den Fortbestand ständige Diskussionen gab: „Bisherige Kundenbefragungen sagen, dass die Nutzer höchst zufrieden sind.“
Mehr Geld durch mehr Nutzer
Er hegt die Hoffnung, auch durch eine weitere Steigerung der Verkaufszahlen das Defizit zu verringern: Laut Marktforschung liegt das Potenzial bei noch einmal etwa der Hälfte mehr Nutzern als heute.
Hachenberger hält das für herausfordernd, aber mit einem bundesweiten Marketingansatz mit genügend langen Atem für durchaus erreichbar. Mittelfristig müsse darüber nachgedacht werden, das Deutschlandticket zu einer Ticketfamilie mit entsprechenden ergänzenden Angeboten für Jugendliche, analog dem D-Ticket Jugend BW, Partner- und Familienkarten oder auch für sozial Benachteiligte zu entwickeln. Das werde aber noch eine ganze Weile Verhandlungen und gegebenenfalls zusätzliche Mittel benötigen, sagt er:„Erst einmal muss endlich bei den Finanzen der Knoten durchschlagen werden“.
Verlieren VVS-Kunden beliebte Optionen?
Eine Vereinheitlichung könnte für VVS-Nutzer aber ihren Preis haben. Dass Mitnahmeregelungen und Taxigeld im Verspätungsfall wie sie aktuell für 9,90 Euro im Monat das sogenannte Ticket plus im VVS-Gebiet anbietet, dann eins zu eins übernommen würden, ist ungewiss. Denn jede Zusatzoption kostet Geld.
Es gibt schon jetzt ein Beispiel, dass Kunden in der Region Stuttgart auf vertraute Vorteile verzichten müssen. Bisher bietet der VVS als „Ticket sofort“ die Option, im ersten Monat das Deutschlandticket an jedem beliebigen Tag zu starten und nur für den Rest des Monats zu bezahlen. Dies müsse man im Sinne der Einheitlichkeit jetzt einstellen, sagt Hachenberger.
Ein Kostenproblem ist wegen des hohen Verwaltungsaufwands im übrigen auch die beim Deutschlandticket geltende, unerwartet häufig genutzte, monatliche Kündigungsmöglichkeit.
Der Ball liegt im Feld der Länder
Es wäre in der augenblicklichen Lage schon ein Erfolg, wenn der Bund über 2025 hinaus nur seinen bisherigen Beitrag zusagen würde. Hoffnung auf mehr gibt es kaum. Am Ende müssen die Länder entscheiden: Was tun sie, um die verbleibende Lücke von einer Milliarde Euro im Jahr zu stopfen?
Eine Tariferhöhung von zehn Euro im Monat könnte das ganze, nötige Geld bringen. Doch das würde den jüngsten Aufschwung bei den Ticketverkäufen ausbremsen. Und verlorene Kunden bedeuten wiederum weniger Geld.