Manches Manuskript wird zigmal abgelehnt, entpuppt sich völlig unerwartet als Verkaufsschlager. Wie arbeiten Lektoren, damit sie und nicht andere den richtigen Riecher haben?
Bücher von Robert T. Kiyosaki: Auflage 26 Millionen Stück weltweit. „Das Parfum“: Auflage 20 Millionen Stück weltweit. „Harry Potter“: Auflage 600 Millionen Stück weltweit. Was haben diese Bücher gemeinsam, außer dass sie echte Bestseller sind? Alle Autoren waren einst unbekannt und sandten ihre Manuskripte an Verlage, in der Hoffnung, dass Bücher daraus entstehen.
So geht es Millionen von unbekannten Autoren, und Verlage müssen täglich mit einer Flut von Manuskripten unbekannter Autoren kämpfen. Der Autor von „Das Parfum“ sandte seinen etwas skurrilen Roman an viele deutsche Verlage. Es kamen nur Absagen, manche Verlage antworteten auch gar nicht. „So ein Werk hat auf dem Buchmarkt keine Chancen“, musste sich Patrick Süskind damals anhören. Zum Glück gab er nicht auf und wandte sich 1985 an den Diogenes Verlag in Zürich. Der griff zu – und machte DAS Geschäft. Kein anderer deutscher Autor der Gegenwart hat bis heute mehr Bücher verkauft als Süskind.
Was macht ein Buch aus?
Ähnlich ging es der unbekannten Autorin Joanne K. Rowling aus Großbritannien und dem Finanzbuchautor Robert T. Kiyosaki aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Kiyosaki las in den Briefen, mit denen die Verlage seine Manuskripte ablehnten, sogar, dass er „nichts von Finanzen verstünde“.
Da stellt sich die Frage: Wie arbeiten Verlagslektoren heute, um sich den Bestseller in spe nicht durch die Lappen gehen zu lassen? Der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) hüllt sich, was das Lektorat von eingesandten Manuskripten betrifft, in Schweigen: „Allerdings möchten wir dazu keine Auskunft geben, da Ihre Fragen zu viele Interna berühren“, gibt sich Sprecherin Julia Kositzki wortkarg. Andere Verlage pflegen eine offenere Unternehmenskultur.
Christina Zimmer arbeitet als Lektorin beim Rowohlt Verlag. Wie prüft sie eingehende Manuskripte? Zimmer: „Ich sehe mir an, was der Autor im Vorspann zum Exposé an bisherigen Veröffentlichungen angibt und bei welchen Verlagen diese erschienen sind. Dann schaue ich mir das Exposé an, das er uns mit einer Leseprobe zur Prüfung schickt. Wie ist das Thema, die Plausibilität des Plots, die Figuren, die Zeit, aus der sie kommen, die Handlung und so weiter. Für wen könnte das interessant sein? Was hat der Verlag in dieser Richtung schon veröffentlicht?“
Der rote Faden ist wichtig
Die Lektorin hat nicht viel Zeit, und muss wichtige Dinge beurteilen. Zimmer: „Ich werfe einen Blick auf die Leseprobe. Hier interessiert mich die Gestaltung des Anfangs, entwickelt sich die Geschichte nur sehr allmählich, verliert man schon auf Seite 2 den Überblick, wie ist das Tempo, in welcher Zeit ist die Geschichte geschrieben, wie viele Kommafehler entdecke ich schon auf Seite 1 . . .“ Dazu kommen Fragen wie: Ist das Vokabular schlüssig? Liest sich der Text flüssig? Stockt man beim Lesen? Ist man gefesselt vom ersten Augenblick an und möchte wissen, wie es weitergeht? Oder ist das Lesen einfach nur mühsam, weil man den roten Faden nicht findet?
„Der rote Faden ist sehr wichtig“, sagt Zimmer, „der muss so schnell wie möglich sichtbar werden und einen gut organisiert durchs Buch führen.“ Auf die Frage, ob sie garantieren kann, einen möglichen Bestseller nicht zu übersehen, hat Zimmer eine klare Antwort: „Das lässt sich nicht sicherstellen. Ich hatte eine Autorin, die ich wegen schlechten Stils abgelehnt hatte, sie ging dann zu einer Agentur. Das Thema stimmte wohl, dann wurde der Text von einer Lektorin gründlich überarbeitet und das Buch landete auf der Spiegel-Bestseller-Liste.“
Nicht jedes Veröffentlichung hat das Potenzial zum Bestseller
Die Autorin hatte es im eigenen Verlag herausgegeben – hier werden die Möglichkeiten deutlich, die Autoren heute haben. Zimmer verweist Autoren auch auf die Möglichkeit des E-Books, was die Veröffentlichung heute viel einfacher macht. Claudia Hanssen vom Goldmann Verlag findet ebenfalls, dass die Frage, wie man künftige Bestseller erkennt, nicht leicht zu beantworten ist. „Grundsätzlich wünscht man sich für jedes Buch, das man veröffentlicht, den größtmöglichen Erfolg. Trotzdem ist man sich bewusst, dass nicht jedes Buch das Potenzial hat, ein Bestseller im verkäuferischen Sinn zu werden.“
Manche Verlage veröffentlichen jene Bücher dann trotzdem, so Hanssen, weil sie beispielsweise überzeugt sind, dass sie eine wichtige Debatte anstoßen oder vielen Menschen eine Hilfestellung geben können. „Der Blick auf ein künstlerisches Werk ist immer auch ein subjektiver Blick“, erklärt Hanssen. Leser und Verlagsmitarbeiter beurteilen Bücher unterschiedlich.
Hanssen stellt die Lektoren in eine Reihe mit Kunstvermittlern, Galerien und Konzertagenturen. „Das Verlagsgeschäft ist kein kurzfristiges und schnelles Engagement, sondern in den meisten Fällen eine lange, gemeinsame Arbeit im Autorenaufbau.“ Zuletzt verweist Hanssen auf die steigende Rolle von Social Media beim Buchgeschäft. „James Clears ‚Die 1% Methode‘ ist durchaus überraschend für viele in der Branche via TikTok zum Megaerfolg geworden. Nicht alles lässt sich planen und erklären.“
Haben Sie eine „Community“?
Etwas anders liegen die Dinge bei Sachbuchverlagen. „Beim Sachbuchverlag ist es immer schwierig, neue Autoren zu etablieren“, sagt Verena Minoggio-Weixlbaumer vom Goldegg Verlag aus Wien. Hier käme es nicht nur auf das schreiberische Talent der Autoren an, sondern auf die Positionierung, das Thema. Es hängt davon ab, ob der Autor selbst eine Community hat, sich selbst um die PR kümmert, in der Presse war. „Es kommt beim Publikumsverlag also nicht nur auf das Manuskript an, sondern noch mehr auf die Begleitumstände“, sagt Minoggio-Weixlbaumer.
Bei vielen Sachbüchern läge nicht mal ein Manuskript vor, verrät die Verlagschefin, sondern nur die Idee. Mit einem vielversprechenden Autor wird dann das Buch entwickelt. Minoggio-Weixlbaumer: „Einen Bestseller wirklich zu übersehen, ist natürlich die große Angst aller Verleger. Es gibt Parameter, die einen Erfolg wahrscheinlicher werden lassen.“ Prinzipiell sei der Verlag aber auf langfristige Beziehungen und gute Verkäufe hin ausgelegt. „Der Button Bestseller ist natürlich heiß begehrt, und auch wir freuen uns immer über Platzierungen“, so die Verlagschefin. Doch echte Bestseller, so resümiert sie, seien für sie Bücher, die sich langfristig gut verkaufen.
Sind äußere Faktoren maßgeblich?
Günther Eisenhuber vom Verlag Jung & Jung sagt ganz offen, dass er nicht wüsste, wie man sicherstellen wolle, keinen Bestseller zu übersehen. „Die Frage impliziert, dass sich ein sogenannter Bestseller allein aus Merkmalen und Qualitäten eines Textes erklären lässt und nicht etwa auch aus äußeren Faktoren“, antwortet er.
Die Frage nach Bestsellern ist ihm wohlbekannt, er hat seine eigene Theorie dazu entwickelt: „Auch wenn man vielleicht nicht aus jedem Manuskript einen Bestseller machen kann, werden Bestseller doch in der Regel ‚gemacht‘“, meint er.
Wer mit dem Innenleben von Verlagen nicht vertraut ist, wundert sich vielleicht über seine Aussage: „Aus den allermeisten Manuskripten, die sich zum Bestseller eignen, werden nie welche, und manchmal werden welche aus Manuskripten, die sich gar nicht zum Bestseller eignen. Die Vorstellung, man könne einem Manuskript den Verkaufserfolg ablesen, ist blanker Unfug und realitätsfern. Was mich angeht: Ich suche Manuskripte mit außergewöhnlichen literarischen Qualitäten und versuche, daraus Bücher zu machen, die sich im Rahmen des Machbaren so gut wie möglich verkaufen.“ Als Beispiele nennt Eisenhuber die Autoren Helena Adler, Daniel Wisser und Birgit Birnbacher.