Udo Jürgens ist im Alter von 80 Jahren gestorben Foto: dpa

Der Sänger, Komponist und Unterhalter Udo Jürgens ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Bis zuletzt liebte er es auf der Bühne zu stehen - und dachte nur ganz leise an Abschied.

Zürich/Stuttgart - Noch am 31 Oktober 2014, vier Wochen nach seinem 80. Geburtstag, ­tänzelte er leichtfüßig über die Bühne der Stuttgarter Schleyerhalle. Die war ausverkauft, wie meistens, wenn Udo Jürgens zu Besuch kam. Er gab den melancholischen Entertainer, den lässigen Chansonnier, den bedachten Crooner, den charmanten Gentleman am Flügel. Er sang von den Nöten und Träumen, die hier jeder im großen Raum mitfühlen konnte. Erlebt oder nicht. Egal.

10 000 Fans waren begeistert von Liedern voller Gegensätze und von einem großen Unterhalter. Der schien am Ende selbst gerührt über diesen wunderbaren Abend – einem von vielen, für die die Menschen Udo Jürgens in Erinnerung behalten werden.

Am Sonntag ist er im Alter von 80 Jahren in der Schweiz gestorben. Bei einem Spaziergang in Gottlieben im Kanton Thurgau sei er bewusstlos zusammengebrochen, teilte sein Management mit – und trotz sofortiger Wiederbelebungsmaßnahmen um 16.25 Uhr im Krankenhaus von Münsterlingen an Herzversagen gestorben.

Er lebte ein Künstlerleben – in allen Facetten

„Es gibt kaum Vorteile des Älterwerdens“, sagte Jürgens vor drei Jahren in einem Bistro in einem Stuttgarter Hotel. „Außer, wenn du ein Lebenswerk geschaffen hast, dann ­genießt du Respekt.“ Jürgens hat ein ­Lebenswerk geschaffen. Und was für eines. Das Gespräch im Hotelbistro war ein nachdenkliches und ernstes, aber kein trauriges. Wenn man Jürgens zum Interview traf, war es immer nach 12 Uhr. Er lebte ein Künstlerleben – mit all seinen Facetten. Nach all den Jahren war er ein Nachtmensch, vielleicht auch schon immer. Viele, viele Jahre spielte er seine Zugabenlieder immer im weißen Bademantel, weil es der ­Zufall der Geschichte so wollte. „Bei meinem ersten großen Konzert war ich schon eine Viertelstunde in der Garderobe, das Publikum hat immer noch applaudiert. Dann hat mein Manager gesagt: Komm, zieh den Bademantel über und geh noch mal raus“, erzählte Jürgens, als wäre es erst gestern gewesen.

Zu seinem 80. Geburtstag vor kurzem wurde der große Künstler überall angemessen gefeiert. Das ZDF strahlte eine Geburtstagsgala aus, die ARD zeigte einen Dokumentarfilm. Interviews gab Jürgens auf der aktuellen Tournee, die ihn auch am 10. März 2015 einmal mehr in die Stuttgarter Schleyerhalle führen sollte, keine mehr. Er sparte seine Kraft für die dreistündigen Auftritte am Abend auf. Er wollte spielen, das Publikum begeistern. Bis zum Schluss.

Der Dokumentarfilm „Der Mann, der Udo Jürgens ist“ begegnet dem Künstler Udo Jürgens auf Augenhöhe, begleitete ihn zum Beispiel an die portugiesische Algarve, Jürgens’ Zufluchtsort, den er so beschrieb: „Das ist der Ort, wo sich Europa ins Meer stürzt.“ Und ein Ort, wo er er selbst sein konnte. Nicht der Superstar, der er nun mal in mindestens allen deutschsprachigen Ländern ist. Hape Kerkeling sagt in der TV-Dokumentation: „Udo Jürgens hat den Soundtrack zur Bundesrepublik Deutschland in den letzten 50 Jahren geschrieben.“ Recht hat er. Aber nicht nur das.

Seine Lieder erzählten in wenigen Minuten große Geschichten

Es sind mehr als die Gassenhauer-Zeilen wie „Ich war noch niemals in New York“, „Griechischer Wein“ und „Aber bitte mit Sahne“, die längst ins kollektive Gedächtnis übergegangen sind. Jürgens war ein guter Sänger, keine Frage, er selbst aber von seiner Stimme nicht überzeugt. Auch wenn diese im Alter keineswegs schlechter wurde. Im Gegenteil. Sie war besser denn je, weil sie nun Brüche zu ließ. Das Publikum verehrte ihn nicht für seine exaltierten Shows. Es waren schlichtweg die Lieder, die in wenigen Minuten große Geschichten erzählen. Lieder, die die Menschen berühren. Die wohl bekannteste Eskapismus-Episode, „Ich war noch niemals in New York“, taugt gar als Musical-Überwurf.

Jürgens, am 30. September 1934 in Klagenfurt als Udo Jürgen Bockelmann geboren, war eigentlich so etwas wie das schwarze Schaf der Familie Bockelmann, einer, der sich der Musik widmete, der Kunst und leichten Unterhaltung und nicht der anständigen Arbeit. Er war ein mageres Bürschchen, das in sehr guten Verhältnissen in einem Anwesen in Kärnten aufwuchs. Er spielte Quetschkommode, brachte sich das Klavierspielen selbst bei. Am Konservatorium in Klagenfurt studierte er Harmonielehre und Spieltechnik. Er wollte auf die Bühne, er wollte komponieren. Er war ein Getriebener seiner Kunst. Er verehrte die französischen Chansonniers wie etwa Charles Aznavour und Gilbert Bécaud.

Es waren zähe Jahre zu Beginn. Jürgens aber gab nicht auf: Er spielte und komponierte. Spielte weiter. Komponierte weiter. Auch für andere wie etwa für Shirley Bassey den Welthit „Reach For The Stars“. Zweimal trat er beim Grand Prix auf, machte den 6. und 4. Platz. Für den ehrgeizigen Jürgens ein Misserfolg. Für ihn zählte nur der erste Platz. 1966 sollte es so weit sein. Mit „Merci, Chérie“ sang er sich auf Platz eins.

Es folgten viele, viele Jahre voll von ­Erfolg. Jahre voll von Hochgefühlen, aber auch Zerrissenheit. Im Interview vor drei Jahren sagte er milde: „Ich habe mich ­natürlich als Schlagersänger verkannt ­gefühlt. Das war sinnlos und wahrscheinlich auch die eigene Arroganz. Heute sehe ich das viel gelassener.“ 2014 in der Schleyerhalle ergänzte er von der Bühne, er sehe sich als Unterhaltungskünstler, und in diesem Wort stecke auch „Haltung“ drin.

Bis zuletzt liebte Jürgens die Bühne, den Erfolg, den Applaus

Er sang das deutschlandkritische Chanson „Lieb Vaterland“, was in einer Talkshow diskutiert wurde. Dann ging er in „Gehet hin und vermehret euch“ die Katholische Kirche an, gab den Gastarbeitern ihre Hymne mit dem heutigen Evergreen „Griechischer Wein“, sang vom „Ehrenwerten Haus“. Jürgens liebte die Musik und den Erfolg. Das war bis zuletzt so. Er lebte für die Bühne, den Applaus. Im Film dachte er dennoch über den Abschied von der Bühne nach. Aber darüber singen, das konnte er nicht: „Wenn du ein Abschiedslied, ein richtig ­gutes machen willst, dann muss man den Tod durchhören durch das Lied. Und darüber kann ich jetzt nicht singen in diesem ­Moment.“

Jürgens ist der Kurzgeschichten-Mann, mit der Sehnsucht zwischen den Zeilen und Schwermut auf den Lippen, der mit all seiner Kraft und Leidenschaft für die Bühne gelebt hat und auch gerne mal unbequem war. Am 31. Oktober in der Schleyerhalle sagte Jürgens: „Ich will, dass Sie, wenn Sie diese Halle verlassen, sagen: Mein Gott, das war ein Abend, den ich mir so nicht vorgestellt habe. Und: Es hat sich jede Minute gelohnt, dass ich hier war.“ Er hatte, wie immer, recht.Was bleibt, sind seine Lieder.

Die ARD sendet am 22. Dezember, 20.15 Uhr die ­90-minütige Dokumentation „Der Mann, der Udo ­Jürgens ist“.

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