Generationen junger Menschen in Möhringen und Oberaichen hat sie als Lehrerin und in der Kirchengemeindearbeit Rückenwind gegeben. Jetzt ist Roswitha Stroezel gestorben. Was bleibt?
Wenn Roswitha Stroezel Geschichten erzählt hat – und dies tat sie gern –, ging es immer nur scheinbar um Vergangenes. Ihre Anekdoten aus mehr als 40 Jahren Arbeit als Lehrerin und Konrektorin – die meiste Zeit in der Salzäckerschule in Stuttgart-Möhringen – wie aber auch aus der Arbeit in der Kirchengemeinde in Oberaichen waren Gleichnisse, passgenau auf ihr Gegenüber ausgewählt. Von was hatte das Kind, die und der Jugendliche, die und der Erwachsene zuvor erzählt? Wie ging es ihm dabei? Roswitha Stroezel, nach ihrem Pädagogikstudium in Esslingen seit 1970 in Oberaichen zu Hause, hatte die passende Antwort. Nicht alles wissend, und schon gar nicht eine Situation oder ein Gefühl übertönend. Ihre zentrale Botschaft Sei Du selbst sprach, unterstrichen mit ganz eigener Ausdruckskraft der Augen, Kindern und Jugendlichen Mut zu, brachte aber auch die Forderung, für Handlungen einzustehen und den Ruf, dabei zu sein, nicht mit dem Anspruch zu verwechseln, etwas bewirken zu wollen. Roswitha Stroezel blickte zurück, um ihrem Gegenüber den Raum zu geben, sich, wenn nötig, in der eigenen Gegenwart neu verorten zu können.
Vielfältiges Engagement
Was viel zu selten gelingt: dem Gegenüber unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Beruf, Interessen und vielem mehr auf Augenhöhe zu begegnen – Roswitha Stroezel, 1985 Gründungsmitglied der 1989 zum Verein avancierten Bürgergemeinschaft Oberaichen, hat es vorgemacht, nein, vorgelebt. Das Engagement etwa für den Bau eines Forums der Begegnung an der 1964 eröffneten Friedenskirche in Oberaichen, war so nur konsequent – der 1996 eröffnete Pavillon war und ist Bühne eines im besten Sinn wachen und gleichberechtigten Miteinanders.
Was bedeutet es, Frau zu sein?
Wer viel gibt – bis hin zur wesentlichen Mitarbeit an Wilhelm Stangers 1996 erschienenem „Heimatbuch Oberaichen“ –, muss sich auch aufladen. Und auch hier blieb sich Roswitha Stroezel treu, in die Vergangenheit einzutauchen, um Fragen an die Gegenwart stellen zu können. Vor allem literarische Szenarien zur europäischen Kultur- und Geistesgeschichte interessierten sie, zunehmend dabei die Rolle der Religionen und Glaubensrichtungen bei der Entwicklung des Frauenbildes. Eigentlich nie traf man sie ohne ein Buch an. Konsequent wohl erkor Roswitha Stroezel zwischen vielen Begleitungen von Auslandsaufenthalten ihres Mannes sowie Reisen zu biblischen Stätten in Israel, Jordanien, Marokko oder Yemen, Rom zu ihrer Lieblingsstadt – hier konnte sie in das unmittelbare Erleben aller Zeitebenen eintauchen.
Ließ sie, die stets die wachsende Familie im Blick hatte, nach vielen Impulsen für die Ökumene 2015 auch nach 31 Jahren die Kirchengemeinderatsarbeit ruhen – mit Jugendgruppen arbeitete sie weiter und auch die Kinderkirche lenkte sie auf ihre eigene, auf ein wirkliches Bewusstsein zielende Art weiter. Immer sah Roswitha Stroezel das Krippenspiel als Möglichkeit, Kindern Entfaltungsmöglichkeiten und Raum im eigentlichen Sinn zu geben. Und stets waren ihr die biblischen Gleichnisse ein Schlüssel, Kinder ihre eigene Gegenwart verstehen und fassen zu können.
Trauerfeier am 4. Februar
Wie aber würde Roswitha „Rowy“ Stroezel in ihrem Leben nach der Schule und der Erziehungs- und Familienarbeit mit drei Kindern selbst weiter (durchaus kritische) Fragen an das Jetzt stellen können? Sie löste die Unsicherheit durch Handeln. Die Zeit als Gasthörerin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Tübingen „hat mir schon auch Grenzen aufgezeigt“, sagte sie hierzu einmal – „aber viel mehr hat sie meine Möglichkeiten, Fragen zu stellen, vertieft“. Und Roswitha Stroezel fand und nutzte die Möglichkeiten – Geselligkeit, darunter verstand sie wirklichen Austausch. Ihr „Jetzt setzen Sie sich erst einmal her“ war keine Beruhigung, sondern Aufforderung. Und ihr „Wir haben noch ein Glas“ machte deutlich, dass ein schneller Satz im Stehen nicht reichen würde.
Am kommenden Dienstag, 4. Februar, nimmt Oberaichen mit einem Trauergottesdienst um 14 Uhr Abschied von Roswitha Stroezel. Wie die Familie bestätigt, ist sie am 27. Januar gestorben. Was bleiben wird? Die Idee von der Begegnung auf Augenhöhe in jedem Fall.