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Schrittmacher der Pop-Art: Richard Hamilton ist im Alter von 89 Jahren gestorben.

London - Sein Londoner Galerist Gagosian bezeichnet Richard Hamiltons Einfluss auf neue Künstlergenerationen als "unermesslich". Man kann dem nur zustimmen. Ungeachtet der Triumphe der US-Amerikaner um Andy Warhol war es der 1922 geborene Brite, der die Kunst mit einem neuen Blick auf die Welt überraschte.

Die Botschaft ist unmissverständlich. Der Satz "I Was A Rich Man's Plaything" ist neben eine leicht bekleidete Frau platziert. "Ich war Spielzeug eines reichen Mannes." Worte wie Pistolenschüsse. Die Waffe ist denn auch auf das lächelnde Gesicht gerichtet. Eine Comic-Sprechblase ersetzt die Kugel: "Pop". 1947 entsteht die Collage des italienischstämmigen Briten Eduardo Paolozzi, eingeklebt sind neben der Pin-up-Lady Ausrisse aus Werbebotschaften. Ein Spiegel der Zeit - ironisch in der Überhöhung der Bildlichkeit von Gefundenem, bitter im Gegenüber des Werbens für den Erhalt britischer Bomber ("Keep 'em flying") und für eine Amerikanisierung der traditionellen englischen Gesellschaft ("Serve Coca-Cola at home"). "Pop" macht die Pistole in Paolozzis Werk - ein Startschuss auf gerade einmal 35 Zentimeter Höhe und 23 Zentimeter Breite.

Alles ist Dada

23 Jahre jung ist Paolozzi zu jener Zeit - und auf der Suche. Eine Fortschreibung der Vorkriegsmoderne erschien ihm so wenig denkbar wie dem zwei Jahre älteren Richard Hamilton. An der Central School of Arts and Crafts in London kreuzen sich ihre Wege. Paolozzi lehrt dort von 1949 an Textildesign, Hamilton kommt 1952 als Dozent für Industriedesign. Ihre Antwort auf den offiziellen Lehrbetrieb ist die Independent Group. Künstler, Designer, Musiker, Kunstwissenschaftler und Kritiker treffen sich im Institute of Contemporary Art (ICA). Eben dort organisiert die Independent Group 1953 die Ausstellung "Parallel Of Life And Arts". Alltagsästhetik und Kunst, Populäres und Analytisches, High und Low, Außen und Innen, Dingwelt und Menschenbild werden als unmittelbar, ja untrennbar verbunden gezeigt.

Undenkbar ohne die Aneignung künstlerischer Strategien vor allem der 1910er und 1920er Jahre, vermeiden die Aktivisten der Independent Group doch die heroische Überhöhung einer allumfassenden Botschaft. Alles ist Dada - diese Losung war an der Realität der Warenwelt zerschellt. Zu beantworten ist für Hamilton, Paolozzi und ihre Mitstreiter eine andere Frage: Gibt es eine Realität jenseits der Warenwelt? Hamilton lässt diese Frage 1956 Bild werden. "This Is Tomorrow" behauptet kühn eine ICA-Ausstellung in der Whitechapel Gallery - und Hamilton liefert den Entwurf für die Gestaltung von Plakat und Katalog.

Noch kleiner als Paolozzis "I Was A Rich Man's Plaything" ist Hamiltons Werk. Auch er entscheidet sich für die Collage, inszeniert auf 26 Zentimeter Höhe und 25 Zentimeter Breite ein abgründiges Panorama. Ob der männliche und der weibliche Körper, ob Gesten und Haltung, ob Möbel und Haushaltsgeräte: Alles ist Design. "Just What Is It That Makes Today's Homes So Different, So Appealing?" ist das Blatt betitelt - "Was macht eigentlich unser Zuhause heute so anders, so anziehend?". Supermann und Superfrau begegnen sich als isolierte Kunstwesen, zur Verbindungslinie wird eine Art Riesenlolli. Ein Phallussymbol der Warenwelt, darauf drei Buchstaben: "Pop". Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Pop ist Leben, alles ist Pop, die Kunst antwortet folgerichtig mit einer Überhöhung der analysierten Werbewelt. Was die Kunst nun sein soll? Richard Hamilton zufolge "populär, vorübergehend, schnell vergessen, billig, massenproduziert, jung, geistreich, sexy, trickreich, glamourös, großes Geschäft".

Pop Art als Reservoir der Werbeindustrie

Und heute? Längst dient die zu einem Konzentrat positiven Lebensgefühls destillierte Pop-Art ihrerseits als Reservoir der Werbeindustrie, und ein Blick in die Internetplattformen macht deutlich, wie groß die Hoffnungen sind, die Pop-Ästhetik könne auch die "Für immer jung und kreativ"-Botschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts tragen. Roy Lichtenstein, dessen überdimensionale Comic-Ausschnitte bis heute gern für Kampagnen zur Platzierung von Produkten für jüngere Zielgruppen genutzt werden, sagt denn auch über die Pop-Art: "Sie ist gewiss eines der Dinge, von denen ich glaube, dass sie zu den frechsten und erschreckendsten Charakteristika unserer Kultur gehören. Dinge, die wir hassen, die aber doch einen starken Einfluss auf uns haben."

Im Gegensatz zu Lichtenstein und mehr noch zu Warhol bleibt Richard Hamilton schon in den frühen 1960er Jahren skeptisch. Gelingt es Warhol, der zur Werbeikone entpersonalisierten Marilyn Monroe ein eigenes Bild zurückzugeben?, so fragt Hamilton in "My Marilyn (paste up)" 1964 nach der bloßen Funktionalität: Hamilton streicht in den Fotos der posierenden Schauspielerin jene Bilder aus, die den Erwartungen der "Konsumenten" nicht entsprechen könnten.

Und Hamilton bleibt, trotz seiner lebenslangen Vorliebe zum Interieur, zur malerischen Befragung von Räumen und Raumverhältnissen, politisch. Für "The Citizen" (1982-83) malt er Fernsehaufnahmen inhaftierter IRA-Häftlinge nach, die im Kampf für einen politischen Status ihre Zellenwände mit Kot beschmiert hatten. Und den damaligen britischen Premierminister Tony Blair zeigt er 2007/2008 in "Shock and Awe" im Cowboy-Shirt und mit Waffengürtel. "Alles ist eine Frage des Timings", sagte Hamilton zu dieser Arbeit. Und: "Ich bin mir sicher, dass es im Verlauf der Zeit und Geschichtsbildung seine eigene Kraft entwickeln wird. Die Aufmerksamkeit eines Künstlers sollte auf diese Probleme gerichtet sein, deshalb werde ich nicht aufgeben."

Am Dienstag ist Richard Hamilton im Alter von 89 Jahren in London gestorben.

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