Peter Beye ist tot. Was bleibt von dem Mann, der als Direktor die Staatsgalerie Stuttgart zwischen 1969 und 1994 in die erste Reihe deutscher Kunstmuseen katapultierte?
Am 31. März 1994 schreitet Peter Beye, der Grandseigneur mit dem schier ewig jungenhaften Lächeln, nach 25 Jahren ein letztes Mal als Direktor durch die Sammlungsräume der Staatsgalerie Stuttgart. Längst ist Beye „Mr. Staatsgalerie“. Untrennbar ist ja der Aufstieg der Staatsgalerie Stuttgart in die erste Riege der deutschen Kunstmuseen mit seinem Namen verbunden, nicht weniger die durch Kooperationen etwa mit der Londoner Tate Gallery unterstrichene internationale Strahlkraft. Am vergangenen Montag ist Peter Beye im Alter von 93 Jahren in Stuttgart gestorben. Dies bestätigte das direkte Umfeld des am 26. Februar 1932 geborenen Kunsthistorikers.
Peter Beyes Auftritt ist immer auch eine Einladung
Am 31. März 1994 ist Peter Beye in bekannter Manier unterwegs. Wie stets ist der Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, sind die Hände hinter dem Rücken gekreuzt. Und wie immer ist der Blick aufmerksam kritisch – und doch jederzeit bereit, sich aufzuhellen. Es ist wie eigentlich immer bei Peter Beye: ein Auftritt – und doch auch eine Einladung. Sich an seiner Ernsthaftigkeit zu beteiligen, das Besondere als eben dies zu würdigen. Seinem Ernst zu folgen, alles zu einem Kunstwerk Erforschbare auch tatsächlich zu erkunden und zu dokumentieren. Seiner Überzeugung zu folgen, nicht alles gelten zu lassen. Gerade in einem Szenario wie der 1984 eröffneten Neuen Staatsgalerie von James Stirling, einem Haus, das mit geradezu snobistischer Nonchalance den Eigenwert der Architektur demonstriert.
Peter Beye engagiert sich für Barnett Newman
Einzelgänger stellte Beye Stirlings Demonstration der Stil-Vielfalt entgegen. Allen voran: Schlemmer, Picasso, Beuys und die Amerikaner Barnett Newman, Mark Rothko und Ad Reinhardt in der Sammlung – sowie Francis Bacon oder Alberto Giacometti in großen Einzelausstellungen. Karin von Maur und Gudrun Inboden, im Staatsgalerie-Gefüge seinerzeit für die Pflege der Klassischen Moderne und der Gegenwartskunst verantwortlich, antworteten mit kongenialen Projekten. Unvergessen ist der Triumph der von Karin von Maur verantworteten Dalí-Retrospektive, unvergessen ist auch die Erwiderung des von Gudrun Inboden eingeladenen französischen Künstlers Daniel Buren auf Stirlings Architektur. Das Lob gibt Inboden indes an Peter Beye: „Er hat unglaublich für die Staatsgalerie gekämpft.“
Der große Glanz ist hart erkämpft. Peter Beye nutzt zuvorderst aus Lotto-Mitteln resultierende glückliche finanzielle Umstände für mutige Ankaufsentscheidungen – wie 1984 für das Gemälde „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue II“ des US-amerikanischen Malers Barnett Newman. 1967 entstanden, gilt es international als Inkunabel der Malerei der 1960er Jahre. Und natürlich ist auch die Verbindung der Staatsgalerie mit Joseph Beuys und die Tatsache, dass einzig noch in Stuttgart ein von Beuys selbst eingerichteter Raum zu erleben ist, ein Verdienst von Peter Beye.
Peter Beye kommt 1960 an die Staatsgalerie Stuttgart
Beyes Lust am Auftritt prägt indes viele Jahre auch wesentlich die öffentliche Wahrnehmung über die Bedeutung von Gegenwartskunst an sich mit. Mit Beye an der Spitze sorgen Ankaufskommissionen auf den zentralen Kunstmesse-Drehscheiben Art Basel und Art Cologne für Blitzlichtgewitter und Kamerafahrten. Umso mehr überrascht Peter Beye, der 1951 bis 1957 in Freiburg und München Kunstgeschichte und zudem Archäologie und Christliche Archäologie studiert und seine kunstwissenschaftliche Laufbahn an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gestartet hatte, mit seinem weitgehenden Rückzug nach der eigenen Staatsgalerie-Ära. Begonnen hatte diese 1960 – als Hauptkonservator unter Erwin Petermann als Direktor.
Peter Beyes präzisem Blick und einem souveränen Verständnis von Kollegialität verdanken sich von 1969 an die für die Staatsgalerie Stuttgart so glücklichen Direktoren-Jahre des gebürtigen Berliners. Dass er sich nach dem Abschied gemeinsam mit Felicitas Baumeister daranmacht, detailreich die Gemälde Willi Baumeisters in einem Bestandskatalog zu erfassen (erschienen 2002), verdeutlicht Beyes kunstwissenschaftlichen Wirkungswillen. „Für Felicitas Baumeister und mich“, sagt nun Jochen Gutbrod, Geschäftsführer der Willi Baumeister Stiftung, „war Peter Beye einer der herausragenden Museumsdirektoren der letzten sechzig Jahre“. Und: „Als Co-Autor des Werkverzeichnisses der Gemälde von Willi Baumeister, zeigte er, dass er auch ein bedeutender Wissenschaftler war, der sich mit großem Enthusiasmus einer akribischen kunsthistorischen Forschung widmete“.
Peter Beye – über den 90. Geburtstag hinaus der Kunst treu
Der Kunst bleibt Peter Beye über seinen 90. Geburtstag hinaus treu – erwartungsvoll, kritisch, detailversessen. So sieht er im Herbst dieses Jahres auch die Ausstellung mit Bildern der Berliner Malerin Cornelia Schleime in der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart. Und wie immer sucht er das Gespräch. Einladend. Fordernd. Bereichernd.
Peter Beye ist tot. Ein Großer der Kunst. „Er prägte eine Ära“, sagt Christiane Lange, seit 2013 Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart– „und seine Verdienste für Stuttgart und das Land Baden-Württemberg sind nicht hoch genug zu schätzen“.