Kriegsveteran McCain Foto: dpa

Nach dem Tod John McCains gibt es für Donald Trump kaum noch große Gegenspieler in seiner Partei.

Washington D.C. - Wenige Stunden nachdem seine Familie den Abbruch der Chemotherapie bekannt gegeben hatte, stellte jemand das Video ins Internet. Es zeigt den damaligen Präsidentschaftskandidaten 2008 bei einer Kundgebung in Minnesota. „Ich kann Obama nicht trauen“, meldet sich eine republikanische Anhängerin zu Wort: „Ich habe über ihn gelesen und er ist nicht . . . hm . . . Er ist ein Araber.“ Da greift John McCain das Mikrofon, schüttelt den Kopf, sagt: „Nein, meine Dame. Er ist ein ehrenwerter Familienmann und ein Bürger, mit dem ich in zentralen Fragen nicht übereinstimme. Darum geht es in der Kampagne. Er ist kein Araber.“

Zehn Jahre liegt die Szene zurück. Doch innerhalb kürzester Zeit wurde der Clip am Freitag Hunderttausende Mal geteilt. Als der 81-jährige Senator am Samstag auf seiner Ranch in Arizona dem aggressiven Tumor erlag, der seit einem Jahr in seinem Kopf wütete, war er nicht nur im Netz längst zum Helden geworden. „Ein Löwe ist von uns gegangen“, klagte die republikanische Senatorin Susan Collins. So empfinden es sehr viele Menschen in den USA.

Es ist noch nicht lange her, da galt McCain als rechter Hardliner

Heroischer Kriegsveteran, Folteropfer der Vietcong, zweimaliger Präsidentschaftskandidat – die bemerkenswerte Lebensgeschichte des konservativen Admiralssohns gibt genug her, um ihn zu einer Legende zu machen. Doch wirklich verständlich ist das bedrückende kollektive Verlustgefühl, das nun die Amerikaner befällt, nur aus dem scharfen Kontrast eines Menschen, der von Charakter, Prinzipien und Selbstdisziplin geprägt war, mit dem derzeitigen Amtsinhaber im Weißen Haus, der den in Gefangenschaft gefolterten Marinepiloten nicht als Kriegshelden bezeichnen wollte. „Ich mag Leute, die nicht gefangen werden, okay?“, sagte Donald Trump.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt McCain als rechter Hardliner und Relikt des Kalten Krieges. Im vermeintlichen Dienst der Demokratie hat er stets eine interventionistische Politik der USA unterstützt. Bis zuletzt hat er den Irakkrieg verteidigt. Mit der Berufung von Sarah Palin zu seiner Stellvertreterin, die er im Nachhinein als Fehler bezeichnete, hat McCain die Republikaner für Rechtspopulisten geöffnet. Doch als Vertreter des traditionellen Parteiflügels stand er stets für demokratische Werte, freien Handel und liberale Einwanderungsgesetze, die Trump bekämpft.

Die potenziellen Nachfolger gelten als deutlich pflegeleichter

Seine Autobiografie, die McCain im Frühjahr veröffentlichte, macht den Kontrast deutlich: „Er scheint nicht interessiert am moralischen Charakter von Führern und ihren Regierungen“, schrieb der Senator da über den aktuellen Präsidenten. Als Trump in seiner Amtseinführungsrede die Presse als „Feind des Volkes“ diffamierte, kommentierte McCain: „So fangen Diktaturen an.“ Im Juli 2017 stimmte er dann im Senat gegen die Gesundheitsreform des Präsidenten. Spätestens da war die Feindschaft zwischen den Politikern besiegelt. Eine Sprecherin des Weißen Hauses kommentierte McCains Kritik an der durch Foltervorwürfe belasteten neuen CIA-Chefin Gina Haspel mit den Worten: „Das ist egal. Der stirbt sowieso.“ Denkbar knapp fällt nun auch die Würdigung aus, die der Präsident dem Verstorbenen zukommen lässt. Nur eine Beileidsbekundung für die Familie brachte Trump per Twitter heraus. Ex-Präsident Barack Obama dagegen betonte, er habe trotz vieler Unterschiede gemeinsame Ideale mit McCain gehabt. Dieser habe gezeigt, wie man das Wohl der Allgemeinheit über das eigene stellen könne: „Dafür stehen wir alle in seiner Schuld.“

Mit McCains Tod verlieren die Republikaner den prominentesten und angesehensten Kritiker des Präsidenten. Zugleich schrumpft ihre Mehrheit im Senat auf eine einzige Stimme. Kurzfristig könnte das die Nominierungspläne Trumps für den neuen Bundesrichter Brett Kavanaugh verzögern, den die Demokraten verhindern wollen. Mittelfristig wird das Regieren für Trump aber wohl leichter. Nicht nur McCain, der den Verteidigungsausschuss leitete, fällt als mächtiger Gegenspieler weg. Auch Bob Corker, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, tritt bei den Zwischenwahlen im November nicht erneut an. Die beiden potenziellen Nachfolger gelten als deutlich pflegeleichter.

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