Gerhard mayer-Vorfelder ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Foto: dpa

Nachruf - Auf die Frage, was dereinst auf seinem Grabstein stehen solle, antwortete er: „Ich habe noch einen Termin.“ An diesem Montag ist Gerhard Mayer-Vorfelder im Alter von 82 Jahren gestorben. Über drei Jahrzehnte lang zählte der Politiker und Sportfunktionär zu den markantesten Köpfen des Landes.

Stuttgart - Es war kurz nach seiner schweren Herzoperation im Frühjahr 2006. Er liebte diese stundenlangen Gespräche, in denen er – geprägt von den Erfahrungen seines turbulenten Lebens – die Welt neu ordnete. In der Politik wie im Sport. Wie ein General zeichnete MV die Schlachtenordnung mit den Händen in die Luft. Bisweilen mit lärmender Stimme und bissig im Ton, dann wieder versöhnlich und flüsternd leise. Und als wäre das Leben ein Spiel um Tore und Punkte, umdribbelte er mit messerscharfer Rhetorik seine Gegner, gönnte sich mit schelmischer Miene das eine oder andere Foul und versenkte das Thema des Tages in der ganzen Tiefe des philosophischen Raumes.

Mit einem Mal hielt er inne. Gerhard Mayer-Vorfelder knöpfte seine Weste auf, schlug das Sakko auseinander und imitierte mit der rechten Hand eine Säge. Er erzählte von der Operation am offenen Herzen, deutete auf die Brust, die sie wie die Flügel eines Altars aufgeklappt hatten und durchmaß mit den Fingern die Länge seiner Narbe.

„Wissen Sie“, sagte er und zog ein Gesicht, als würde er ein Geheimnis verraten, „da wird es plötzlich konkret mit dem biologischen Ende.“

Konfrontiert mit dem Gedanken an den eigenen Tod hatte er innerlich die Bilanz seines Lebens gezogen. „Du weißt ja nie, ob sie dich lebend wieder aus dem Operationssaal schieben.“

„Einmal den Mayer. Und einmal den Vorfelder.“

In solchen Momenten geraten wenige Sekunden der Stille zur Ewigkeit. Welche Worte könnten jetzt passen auf diesen streitbaren Menschen, den es zeitlebens strotzend vor Lebenskraft und Selbstvertrauen in die vordersten Reihen drängte? Erkennbar milder, müder und versöhnlicher geworden bog MV nach dieser Operation ein auf den Rest seines Weges. Und er, der Schwäche so geringschätzte, unternahm keinen Versuch mehr, sie zu verbergen.

Es hat ihn eben immer zweimal gegeben, wie sein alter Freund und Vorgänger im Amt des DFB-Präsidenten Egidius Braun einmal sagte: „Einmal den Mayer. Und einmal den Vorfelder.“ Poltergeist und Herzensmensch, Provokateur und Integrator.

Da war der knallharte Politiker, der sich als Kultusminister unter Lothar Späth bevorzugt mit seinen „Lieblingsfeinden“, den Lehrern, anlegte – und mit an Arroganz grenzender Wortwahl den Frust der Pädagogen geißelte. Zwei, drei Jahre, riet der Christdemokrat, solle jeder Pädagoge in der freien Wirtschaft verbringen. „Die sitzen erst hinter der Schulbank, dann stehen sie vor der Schulbank“, polterte Mayer-Vorfelder, „vom Leben da draußen haben die doch keine Ahnung.“ Dem Lehrer, der ihm einst in Turnschuhen und durchlöcherten Jeans die Probleme der Landespolitik darlegte, nahm er die Sache ziemlich krumm: „Das einzige Problem, das wir haben, ist, dass wir solche Lehrer wie Sie überhaupt auf unsere Lohnliste setzen.“

"Wir brauchen Eltern, die den Fernseher abschalten"

Seine Wortgefechte mit der Opposition, die er mit herausfordernder Körpersprache halb über dem Rednerpult hängend und mit verblüffender Schlagfertigkeit betrieb, zählten knapp zwei Jahrzehnte lang zum Vergnüglichsten, was die Landespolitik zu bieten hatte. Die linke Hand in der Hosentasche, erklärte er mit der rechten dem Plenum gestenreich und prägnant den Lauf der Welt. „Wir brauchen keine Medienkunde“, schleuderte er den Bildungsexperten entgegen, „wir brauchen Eltern, die den Fernseher abschalten.“

Den Antrag der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Kondomautomaten in den Schulen aufzustellen, beschied der Christdemokrat auf seine Weise: „In der Schule wird nicht gebumst, sondern gebimst – rechnen, lesen, schreiben.“

Als der Grüne Fritz Kuhn, inzwischen Oberbürgermeister in Stuttgart, den Doppelhaushalt des Landes in Anspielung auf den Ministerpräsidenten mit „Erwin 1“ und „Erwin 2“ verhöhnte, konterte MV als amtierender Finanzminister unter dem Wiehern seiner Fraktionskollegen: „Ihr Progrämmle ist nicht mehr als Fritzle 1 und Fritzle 2.“

Die unstillbare Lust, die Dinge zuzuspitzen, noch dazu keinem Streit aus dem Wege zu gehen, schärfte zwar das Profil der schwäbischen Antwort auf Franz-Josef Strauß – auch über die Landesgrenzen hinaus – seine politische Karriere förderte es nur bedingt. Wohl duldeten die Christdemokraten ihren polarisierenden Rechtsaußen, weil links nie so viel zu gewinnen ist, wie rechts an Verlusten droht, doch als ernsthafter Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten fehlte ihm die breite Unterstützung. Unter den Parteikollegen ebenso wie unter den Wählern.

Feierfest mit einer Aura der Macht

Populär im besten Sinne war Gerhard Mayer-Vorfelder ohnedies nie. Zu unauflösbar erschien der Öffentlichkeit der Widerspruch zwischen der wertkonservativen Attitüde des gebürtigen Mannheimers und seinen an Großmannssucht grenzenden öffentlichen Auftritten. „Der mit seiner Rolex“, soll Ministerpräsident Erwin Teufel einst gezischt haben, „der isch doch net konservativ.“ MV erwiderte die Zweifel an seiner Gesinnung auf seine Art: „Der Teufel ist so kleinkariert wie die Karos auf seinem Jackett.“

Solarium gebräunt, edel gewandet, mit Goldkettchen am Arm, Hemdkragen offen, Krawatte in Feierabendstellung, gern auch mit dem Champagner-Kelch in der Hand, gab Gerhard Mayer-Vorfelder den feierfesten Mann mit der Aura der Macht. Ob Zufall oder nicht: Die stattliche Reihe seiner Fehltritte wie die Steuersache Graf, Südmilch-Skandal, die Toto-Lotto-Affäre, die Stammtisch-Affäre, die Honorar-Affäre bei der L-Bank oder auch die von unserer Zeitung enthüllte Ehrenamtsaffäre beim VfB, überstand er politisch und juristisch zwar mehr oder weniger unbeschadet, doch das Misstrauen, dass er womöglich Wasser predige und Wein trinke, wuchs mit jedem seiner Sündenfälle.

Das Vierteljahrhundert an der Spitze des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart vermochte daran wenig zu ändern. Die feinen Sensoren der weiß-roten Gemeinde für jedes Anzeichen doppelter Moral führten vor ­allem gegen Ende seiner Ära zum unwiderruflichen Liebesentzug. Er hinterließ den Verein, den er einst aus den Niederungen der zweiten Liga zurück in die Beletage des ­Profifußballs geführt hatte, im Streit mit dem Aufsichtsrat und mit einem Berg von Schulden.

Unnachgiebiger Machtmensch oder volksnaher Sportfunktionär?

Und die „Vorfelder-raus-Rufe“ im damaligen Daimlerstadion schmerzten den Präsidenten weit mehr als er zugab. Als er selbst beim kleinen Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, in einer der magischsten Nächte, die Stuttgart je erlebt hat, mit gellenden Pfiffen bedacht wurde, standen dem nach außen hin so harten Knochen die Tränen in den Augen. Denn er hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass bei diesem Jahrhundert-Ereignis auch die Landeshauptstadt mit am Ball war.

Dass sie ihm – der Selbstherrlichkeit bezichtigt – am Ende seiner Amtszeit beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), den geschäftsführenden Präsidenten Theo Zwanziger als Aufpasser zur Seite stellten, mag ihn gegrämt haben, wirklich aus der Ruhe gebracht hat ihn diese Doppelspitze nicht. Was kümmert die deutsche Eiche, wenn sie ein Hund anbellt?

Die Europäische Fußball-Union (Uefa) wählte ihn wenig später sogar zu ihrem Vizepräsidenten, was die MV-Kritiker im deutschen Fußball so sehr überraschte wie ein Konter in der Nachspielzeit. „Jetzt kommen sie alle wieder längsseits“, feixte Mayer-Vorfelder, als die Chefstrategen im DFB versuchten, zerbrochenes Porzellan zu kitten. Solche Triumphe zählten zu den Sternstunden im Funktionärsleben des gewieften Strippenziehers.

Dagegen gehört es zur Tragik seines Lebens, dass sich der Mann mit Ecken und Kanten nie so richtig entscheiden konnte. Mayer oder Vorfelder, unnachgiebiger Machtmensch oder volksnaher Sportfunktionär? Die Politik war ihm Profession, der Sport eine Herzensangelegenheit, sein Leben ein fortwährender Spagat. Hier wie dort feierte er große Erfolge. Hier wie dort musste er mit herben Niederlagen leben. Er hat es auf seine Weise getan. „My way“ von Frank Sinatra war ihm sein liebstes Lied.

„Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt“, sagte er einmal, „dann werde ich Fußballtrainer.“ Typisch MV eben: Er will es allen noch mal zeigen.

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